24.08.2011: Gewittermarathon bei Leuna und am Zwenkauer See (mit kleinem Exkurs)

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    • 24.08.2011: Gewittermarathon bei Leuna und am Zwenkauer See (mit kleinem Exkurs)

      Liebe Freunde des Extremwetters,

      da mich das Jahr bald einmal umrundet hat, widme ich mich nun einer ganz besonderen Gewitterlage des Jahres 2011 - und ich meine, hier darf man getrost auch das Superlativ "Schwergewitterlage" in die Tasten hauen. Lange habe ich auf eine ganz bestimmte Konstellation gewartet, die mich bereits 2004 und 2005 je einmal beglückt hat. Auch 2007 und 2009 zeigten sich Ansätze davon. Aber erst 2011 stellte sich eine Wetterlage ein, die es mit den Ereignissen sechs bzw. sieben Jahre zuvor aufnehmen konnte. Es sei noch angemerkt, dass die Erwartungen dabei noch immer nicht ganz erfüllt wurden. Doch was meine ich nun genau? Dazu folgt zunächst ein kurzer Exkurs in längst vergangene Zeiten:

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      Am 27.07.2005 kann der geneigte Hobbysynoptiker einen kräftigen Trogvorstoß in den östlichen Atlantik kurz vor der spanisch-portugiesischen Küste erkennen. Dies bildete die Grundlage dafür, dass Mitteleuropa auf der Vorderseite des Troges zu liegen kam, wobei sich die Position gleichzeitig so nah am Festland befinden musste, dass kein kräftiger, stabiler Rücken über ME aufgebaut würde. Zudem vergrößerte sich die Amplitude des Troges, sodass eine sehr heiße Luftmasse von Spanien bzw. Nordafrika ihren Weg nach Mitteleuropa fand. Eine mehr oder weniger glatte Südwestströmung war gegeben. (Die Isohypsen bilden dabei auch häufig eine Art S- bzw. umgekehrte S-Form, die sich von ME aus nach Südwesten hin erstreckt.)

      Die Drängung der Isohypsen in unserem Raum sprach nun für starke WLA aus sw- bis sswlicher Richtung. Mit inbegriffen waren entsprechende Höhenwinde. Zur Entstehung der Luftmasse möchte ich mich an dieser Stelle nicht weiter äußern, da es dazu bereits zahlreiche fundierte Beiträge gegeben hat, z.B. hier: Welzenbach - Plume
      Fest steht, dass diese Luftmasse ein enormes energetisches Potential besitzt und nahezu alle wichtigen Voraussetzungen für Schwergewitter mitbringt. CAPE kann auf über 2000 J/kg steigen, Geschwindigkeitsscherung wird durch entsprechende Höhenwinde begünstigt, eine EML begünstigt häufig größeren Hagel, usw.

      Nun tritt so eine Situation im Schnitt etwa 1 - 2 mal pro Jahr auf - manchmal gar nicht, manchmal auch noch häufiger. Das größte Hindernis für die Schwergewitterbildung stellt dann meist die Auslöse selbst dar. Durch Randtröge und bodennahe "Gewittertiefs" kann das überregionale Unwetterpotential dieser Lage jedoch häufig irgendwann entfaltet werden. Das Besondere an der Wetterlage, die am 27.07. begann, war nicht nur die Tatsache, dass Deutschland äußerst "günstig" gelegen war, sondern auch, dass diese Situation über 3 Tage hinweg aufrecht erhalten wurde. (Kurze Anmerkung: Die professionellen Synoptiker unter uns mögen den Kauderwelsch, den ich gerade schrieb, überlesen.)

      Am 27.07.2005 erlebte ich in meiner Heimat zum ersten mal bewusst, wie drei kräftige Gewitterfronten innerhalb einer Nacht über meinen Standort hinwegzogen. Dazwischen blieb es schwül, während man es sowohl am West- als auch am Osthorizont ständig flackern sah. Auch am 28.07.2005 gab es tagsüber einige Gewitter in der Nähe. In der Nacht zog ebenfalls wieder etwas durch. Der 29.07.2005 begann gewittrig und endete noch gewittriger mit enormen Dauergeflacker aus einem MCS am Abend und in der Nacht zum 30.07.2005. Fazit: Dafür, dass ich meinen Standort nicht wechseln konnte, soviele Treffer innerhalb von drei Tagen zu haben, grenzte schon an Wahnsinn. Das Potential der Luftmasse schien sich gar nie zu erschöpfen. Zuletzt hatte ich sogar regelrecht "die Schnauze voll" von den Dauergewittern.

      Geopotential am 28.07.2005


      Quelle: WZ, Wetterbeobachtungsarchiv

      Was viele vermutlich nicht (mehr) wissen - und wahrscheinlich betraf es auch nur Nordthüringen bzw. den Kyffhäuserkreis - war die Tatsache, dass es etwa ein Jahr zuvor schon einmal eine ähnliche Lage gegeben hat. Vom 17.07. - 23.07.2004 erlebte ich an sieben Tagen sechs Volltreffer in Sondershausen. Und nein - mit einem Volltreffer meine ich nicht nur einen entfernten Blitz, einen Donner und etwas Regen - sondern ich meine jedesmal Entladungen im Umkreis von 3 km, Starkregen mit signifikanten Regenmengen und eine ansehnliche Blitzrate. Der einzige Wermutstropfen an dieser Wetterlage war, dass keines der Gewitter in der Nacht stattfand. Damals chaste ich natürlich noch nicht - wie auch - ich erlebte also alle Gewitter vom Balkon aus, bei Freunden oder im Bett. (Zwei der sechs Gewitter waren morgendliche MCS, die mich aus dem Schlaf rissen.)

      Später fand ich heraus, dass auch diese Gewitterlage dasselbe allzu bekannte Erkennungsmuster wie 2005 auf den Geopotentialkarten hinterließ. Falls noch jemand Erinnerungen an den Juli 2004 oder ergänzende Wetterkarten, Radarinformationen, Satbilder, etc. aus dieser Zeit besitzt, möge mir das bitte mitteilen!

      Geopotential am 22.07.2004


      Quelle: WZ, Wetterbeobachtungsarchiv

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      Doch das war nicht der eigentliche Grund für diesen Exkurs. Ende August 2011 konnte sich abermals eine Wetterlage wie im Juli 2004/2005 einstellen, die zugleich über mehr als 3 Tage anhalten sollte. Das Resultat war wieder eine feucht-warme Witterung mit EML und Schwergewitteroptionen. Letztlich wurde diese Chance für Mitteldeutschland nur an 2 - 3 Tagen vollends umgesetzt. Den Anfang machte ein Cluster am Morgen des 23.8., der hauptsächlich Sachsen-Anhalt beeinflussen sollte. Einen Tag später erlebte ich Morgengewitter, die in drei Staffeln über Leipzig zogen. Nach einem extrem schwül-heißen Tag bildeten sich am Abend noch einmal gewaltige Cluster und überrollten so ziemlich das komplette mittlere Deutschland.
      Umfassende Berichte aus Thüringen zu diesem Tag lieferten uns u.a. Markus, Ric und André:

      [Markus]

      [Ric]

      [André]

      In der WZ sind natürlich noch weitere, unzählige Berichte vom 24.08. aus anderen Regionen Deutschlands zu finden, das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

      Trotz alledem bildete der 24.08. noch nicht den Abschluss der Gewitterlage. Erst am 26.08. beendete eine Kaltfront das Spektakel. Jedoch kam nur der Westen nochmal in den Genuss der hohen CAPE-Werte gepaart mit genügend Hebung. Orographische Auslöse bot mir zumindest noch die Möglichkeit einen traumhaften Cb über dem Harz im Zeitraffer abzulichten. Leider störte vorlaufende Konvektion die Aufnahme. Daher sei auch hier noch ein externer Link zu empfehlen, der die Entwicklung des Cbs aus nächster Nähe beeindruckend wiedergibt: Traum-Cb

      Man beachte v.a. die extrem detailreichen und "steinharten" Strukturen der Quellungen vor dem Cb, die auf enorme Aufwinde hindeuten. Auch die Vereisung der Cu con am südlichen Rand finde ich bemerkenswert:

      Wolkenblicke

      Am Abend zog dann die Kaltfront in abgeschwächter Form über Thüringen hinweg. Sie scheuchte mich über Mühlhausen und die A38, da einige Zellen durchaus bis zu 30 mal pro Minute blitzten. Die Videos, die an diesem Abend entstanden, empfand ich aber nach erneuter Durchsicht im Vergleich zu anderen Filmchens als nicht zeigenswert. Den Zeitraffer zum Cb am 26.08. findet ihr am Ende des Berichts.

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      Nach diesem Überblick, der eine Einordnung des Geschehens ermöglichen soll, komme ich nun noch einmal auf den 24.08.2011, sozusagen den "Kern" der Gewitterlage, zurück. Zum Einstieg ein labiler Schnappschuss aus dem Wohnheimfenster:



      Im Vergleich zum Erlebnis blieb meine Bildausbeute jedoch sehr bescheiden. Jeder Leser, der bis hierhin aufmerksam gelesen hat, weil er noch neue spektakuläre Bilder erwartet, wird also an dieser Stelle enttäuscht sein und darf mich nun lynchen...

      Den Morgen des 24.08. verbrachte ich in Leipzig und es war schwer abzuwägen, ob das Rausfahren aus Leipzig im morgendlichen Berufsverkehr überhaupt lohnen würde, da mir die Enttäuschung vieler vorangegangener Lagen noch auf die Stirn geschrieben stand. Hinzu kam das frühe Aufstehen und die Tatsache, dass durch die drei recht zügig ziehenden Gewitterstaffeln der Regen nie ganz aufhörte. Ich entschied mich erst relativ spät - nämlich kurz vor Durchzug der dritten Staffel - noch dafür, was sich erwartungsgemäß aber als nicht lohnenswert herausstellte. Der Erlebniseffekt am offenen Fenster war ungleich höher.

      Während die ersten Zellen schon vor 6 Uhr morgens südlich von Leipzig entlangzogen und erste intensiv grollende Donner brachten, schien die zweite Welle gegen 7 Uhr direkt zu treffen. So kam es dann auch, wobei der Norden der Stadt eindeutig mehr Erdblitze als der Süden sah. Grelle Blitze wechselten sich mit laut polternden Donnern ab, wie ich sie bislang nur selten erlebte.

      Zwischen den einzelnen Zellen spannte sich ein Gewitternetz auf...



      ... und aus WSW rückte eine Zelle heran, die auch im Süden Erdblitze brachte und u.a. eine Oberleitung der Tram beschädigte.



      Interessant war nun - und das ist im Prinzip fast nur bei solch grenzschichtentkoppelten Gewittern möglich - dass sich auf exakt derselben Zugbahn eine dritte Linie formierte, die Leipzig ca. eineinhalb Stunden später als die zweite Welle, gegen 8.30 Uhr treffen sollte. Hier fuhr ich nun direkt in einen Starkregenkern hinein, sah dabei noch etliche Blitze und musste mit Bedauern aus dem Radio vernehmen, dass ein großer deutscher Komiker von uns gegangen war. Der Cluster schwächte sich dann doch mehr und mehr ab und ich kam mopsfidel wieder zu Hause an.

      Gottseidank setzte nun Absinken ein. Das Restgewölk löste sich auf, die Sonne knallte in die feuchtwarme, regengetränkte Brühe hinein und der Taupunkt stieg ins Unermessliche. Beinahe dachte ich, dass schon wieder etwas Gewittriges unterwegs war, als ich in Richtung des Thüringer Waldes diese Wolkenformation erblickte:



      Doch das Gebilde war lediglich auf Schauerebene aktiv, tropisch anmutig aber allemal.

      Im Verlauf des Nachmittags bildeten sich unter dem Einfluss eines weiteren Hebungsgebietes rasch neue Zellen über RLP und HE. Die Gebilde schwächelten kurz, doch formierten sich dann zu einer Squall Line, die direkt auf Thüringen zusteuerte.

      Nach kurzer Erholungsphase begann ich also wieder zu beobachten, wie sich nicht nur diese blitzintensive Linie, sondern auch vorlaufende Zellen, darunter einige auch superzellulär, bildeten. Gegen Abend richtete sich meine Aufmerksamkeit zunächst auf heftige Quellungen im Süden von Leipzig, die aber über ein Multizellenstadium mit geringer bis mäßiger Blitzrate nicht hinauswuchsen. Am Zwenkauer See konnte ich einen solchen Wasserdampfkoloss in seiner Entstehungsphase ablichten:



      Nun wollte ich näher an eine extrem blitzintensive Entwicklung leicht abgesetzt und nördlich der Hauptlinie herankommen, sodass ich mich bei Leuna postierte. Das erwies sich letztlich mehr oder weniger als Fehlentscheidung, da die Zelle zügig in nordöstliche Richtung abzog und ich die Linie aus Thüringen kommend am Zwenkauer See besser in Empfang hätte nehmen können.

      Meine Kamera wollte oder konnte die hübsche mehrstöckige Shelfcloud am späten Abend auch scheinbar nicht mehr gut abbilden. Jedenfalls blieben meine Aufnahmen allesamt Schwarz. (Um Kommentaren dazu vorzubeugen: Kamera war an und Objektivdeckel auch ab)

      Es muss gegen 21 Uhr gewesen sein, als ich das allmählich nach NO abziehende Stroboskopgeflacker nördlich von Leuna beobachten konnte. Gleichzeitig näherte sich von Südwesten die Squall Line. Den folgenden Ablauf möge nun ein Video für mich kommentieren. Es sind Zusammenschnitte aus Geflacker, einigen Erd- und Wolkenblitzen, recht nahen Einschlägen, Starkregen, kräftigen Böen und lauten Donnern zu sehen und zu hören. Meine Fahrt führte während der Aufnahmen wieder zum Zwenkauer See, an dem das Video auch endet. Abschnittsweise sind auch ungeschnittene Aufnahmen zu sehen, da die Blitzrate beizeiten auch so schon recht ansehnlich war.

      [video]http://www.youtube.com/watch?v=FvJnIXdj0MY&feature=g-upl[/video]

      Wer das Tier erkennt, dass am See diesen lustigen Ruf von sich gab, möge bitte antworten.

      Ich verfolgte die Rückseite der Linie also bis zum Zwenkauer See und versuchte mich wieder einmal an Blitzbildern - natürlich wieder schon zu weit weg, als der Regen aufhörte, und aufgrund meines damaligen Wackelstativs auch unscharf und schief. Ein paar Aufnahmen konnte ich noch halbwegs retten:









      Trotz der Unmengen an schönen Blitzen / Crawlern usw. gelang es mir nur einen Bruchteil vernünftig abzubilden. Ich versuchte nochmal etwas näher ranzufahren. Doch da von Leipzig aus keine Autobahn direkt nach Nordosten führt, begann ich zu kapitulieren. Müde, aber dennoch äußerst zufrieden mit den Erlebnissen dieses Tages ging ich zur Ruh'.

      Fazit der Gewitterlage Ende August 2011: Trotz ähnlicher Ausgangslage konnten 2004 und 2005 nicht überboten werden. 6 Gewitter an 7 Tagen (2004) bzw. in komprimierter Form Dauergewitter an 3 Tagen (2005) blieben unerreicht, aber das Feeling von damals war ansatzweise wieder zu spüren.

      Zum Abschluss nun noch der kurze Zeitraffer vom 26.08.2011:

      [video]http://www.youtube.com/watch?v=gv1C3ovQq_U&feature=g-upl[/video]

      Grüße vom Chris
    • Na, da war den meisten der Einleitungstext vermutlich wieder etwas zu lang...

      Ich bedanke mich aber bei allen Bedankenden und teile euch mit: Wir sind trotz der vorangegangenen Gewitterlage noch immer weit von Juli 2004 / 2005 entfernt.