10./14.08.2012 | Hommage an die Hainleite (lang, Achtung: >2000 Wörter!)

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    • 10./14.08.2012 | Hommage an die Hainleite (lang, Achtung: >2000 Wörter!)

      Hallo zusammen,

      ganz besonders für Andreas und Maurice, aber auch für alle anderen, stelle ich hier einen Bericht über eine schier endlose
      Wanderung meiner Wenigkeit durch die Hainleite ein. Dabei konnte ich feststellen, dass die Eindrücke aus meiner Heimat mich
      gelegentlich mehr faszinierten als einige zweifelhafte Gewitterlagen des vergangenen Jahres. Freilich war ich in diesem Wald
      bereits des Öfteren und oft genug habe ich auch schon zur Kamera gegriffen. Jedoch hatte ich bislang noch nie die
      Gelegenheit, eine umfangreiche Tour mit meiner Nikon D5000, welche mich nun schon seit 2009 treu begleitet, fotographisch
      zu dokumentieren.

      Zwei Tage, nachdem Markus und ich am Rennsteig geschwitzt hatten, tat ich erneut einen Schritt hinaus in die Natur und war
      wieder nicht allein. Diesmal konnte ich meine Eltern dazu überreden, mal nicht mit dem Auto auf den Possen zu fahren,
      sondern eigenfüßig zu laufen.

      Zwar war es für uns die Intention
      dort oben am Hügel zu essen,
      für jeden eine große Portion,
      Doch darf man nicht vergessen:
      Der Weg ist das Ziel
      und so liefen wir viel.

      Und so... fotografierte ich am Wegesrand gleich Schwebfliegen an Schafgarbe...



      ... sowie den possierlichen Possen-Mümmel, dessen dicker Nachbar mal wieder komplett die Sicht nach Süden versperrte.



      Nach einer Stärkung im Restaurant, in welchem man auch mal ein Schwein zu Essen bekommt, welches zwar immer noch letztlich
      zu diesem Zweck getötet wurde, jedoch nicht bereits zuvor mit zig verschiedenen Antibiotika behandelt und dann den Rest
      seines Daseins im Dunkeln eingepfercht, von seinen Artgenossen halb totgetrampelt und im eigenen Kot "leben" musste, traten
      wir den Rückweg an. Dieser führte uns am Rondell vorbei, einem netten Aussichtspunkt in Richtung Norden, der an diesem Tag
      eine grandiose Fernsicht bot. Die Wolkendecke bestand zwar aus dichtem Cu/Sc-Salat, darunter sah man jedoch die nördlichen
      Erhebungen mit einer selten erlebten Klarheit.

      Zunächst der Kyffhäuser samt Gebirge, welcher bei halbwegs klarem Wetter eigentlich immer gut sichtbar ist...



      ... und der Brocken, ganz zart bereits von der Wolkenuntergrenze touchiert.



      Die nächsten Tage brachten warmes Augustwetter und Sternschnuppen. Ich begab mich eines Nachts dann mal auf den elterlichen
      Balkon und versuchte eine zu erwischen, was mir zwar nicht gelang - dafür ein Sternenbild entsprang...



      - - -

      Doch all dies war nur Vorgeplänkel. Bereits seit längerem geisterte mir die Idee durch den Kopf, meine Fahrradroute von 2007
      zu wiederholen, die damals über das Rondell zum Possen, über zwei Bundesstraßen an der südlichen Hainleite entlang und durch
      dicht bewachsenes Gestrüpp bis hin zum Frauenberg führte, der Rest des Weges führte bergab und durch die Stadt zurück nach
      Hause. Ein Blick in den Keller ließ mich an diesem Vorhaben zweifeln. Dort starrte mich ein schäbig vernachlässigter
      Drahtesel mit bösem Blicke an. Widerwillig ließ er zu, dass ich mich auf seinen harten Sattel setzte. Ich schob das
      quietschende Gefährt nach draußen, um es einem Praxistest zu unterziehen. Dieser fiel, nicht gerade zu meiner Überraschung,
      aufgrund einer schleifenden Bremse und einer fehlerhaften Gangschaltung negativ aus. So konnte ich keine 150 Meter
      Höhenunterschied überwinden. Da ich auch nicht gerade ein Freund aufwendiger Reparaturen bin, verwarf ich also meinen Plan
      und mein Fahrrad fiel eines Tages dem Sperrmüll zum Opfer. Ich bemerkte plötzlich, wie Blut in meine Füße strömte. Sie
      bereiteten sich auf eine schwere Mission vor.

      Der 14.08.2012 war dann einer dieser Sommertage, an dem es passte. Ich fühlte mich fit und bereit, 26 Kilometer Wald, Feld
      und Straße zu überwinden. Das Wetter war traumhaft. Eine, von einem blauen, mit einigen Zier-Cirren behangenen Himmel
      herabscheinende Sonne erwärmte die Mittagsluft auf ungefähr 25°C. Mit leichter Verpätung - es ist ja nicht so, dass mir das
      öfter passieren würde - startete ich gegen halb drei nach ausreichender Stärkung und mit Proviant bepackt gen Wald. Ich
      erhebe den Anspruch, auf dem folgenden Wege Halbmarathonmeister geworden zu sein, wenn auch mit einer nicht ganz üblichen,
      deutlich langsameren Geschwindigkeit.

      Meine Nikon D5000 kam dann gleich im ersten, besonders schweißtreibenden Abschnitt zum Einsatz. Ich querte in der
      Mittagshitze zunächst nur das angrenzende Wohngebiet und suchte dann im Wald Schutz vor aggressiver Sonneneinstrahlung und
      wurde stattdessen am feuchteren Nordhang von aggressiven Insekten heimgesucht. Da half es nur, sich einfach selbstbewusst
      den Weg nach oben zu bahnen und nicht stehen zu bleiben, damit keine Chance bestand, dass sich eines der Biester auf meiner
      Haut niederlassen konnte. Als die Sonne dann durch das Blatt- und Astwerk brach, musste ich dennoch kurz innehalten und den
      Moment festhalten.



      Die Insekten ließen noch von mir ab und sammelten sich erst im oberen Abschnitt des Weges in den Schweißtropfen, die vom
      Gesicht perlten.

      Jemand ist eines Tages auf die Idee gekommen und hat ein Geländer aus Holz auf diesem Weg installiert, welches wenige Meter
      weiter oben sogar von Treppenstufen begleitet wird. Für die ungeübteren und vielleicht auch schon etwas betagteren Wanderer
      muss diese Art der Wegführung, die lediglich das letzte Drittel des kräftigen Anstieges markiert, entweder sehr erlösend
      oder stark beleidigend erscheinen. Ich empfand es als eine gelungene Abwechslung, einmal Treppen zu steigen und setzte
      meinen Weg an einer Gabelung nach links, gen Westen, fort. Ein kurzer Pfad, vorbei an Schichten aus Muschelkalk, gebildet
      vor Jahrmillionen, als die ersten Dinosaurier bereits ihre Pfade in den Waldboden trampelten, führte hier zum bereits
      bekannten Rondell. Blümchen zierten den Wegesrand.



      Schmetterlinge ruhten sich auf Wald- und Wiesenkräutern aus.



      Am Rondell angekommen verweilte ich auch dieses mal eine Weile und überblickte die Sondershäuser Innenstadt. Dieses, für den
      Außenstehenden völlig harmlos erscheinende Bild, ist dabei bereits mit zahlreichen Erinnerungen gespickt. Von meiner alten
      Schule, der Trinitatiskirche, dem Sondershäuser Schloss, über das Achteckhaus bis hin zum Gebäude meiner ehemaligen
      Fahrschule ist alles dabei. Selbst Martin dürfte mit diesem Bild freudige Erinnerungen verbinden. Im Hintergrund kann man
      übrigens Windleite, Auerberg und einen Cu hum erkennen.



      "Der Sondershäuser Verband deutscher Sänger Verbindungen seinen im Weltkriege gefallenen Brüdern" - das Denkmal am Rondell
      mit frischem Kranze.



      Das nächste Teilstück des Weges führte nun auf einer langen Geraden in Richtung Possen. Dort angekommen führte ich mir zur
      Stärkung etwas mehr oder weniger Nahrhaftes in Form von Pommes Frites zu. Es war bereits kurz vor Vier und jeder "normale"
      Wanderer wäre vielleicht an dieser Stelle bereits zufrieden nach Hause zurückgekehrt. Doch es standen ja im August noch
      einige helle Stunden des Tages bevor und die Strecke sollte weitgehend eben, mit zwar gelegentlichen Abhängen, aber kaum
      Anstiegen, bedacht sein. Das wahre Ausmaß des noch bevorstehenden Weges war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch
      nicht ganz klar geworden. Und so fotografierte ich noch gemütlich das neugierig blickende, junge Damwild im Gehege...



      ... die große sommerliche Wiese auf dem Possen...



      ... sowie den regen Besucherandrang an jenem herrlichen Sommertag.



      Vom Possen aus lief ich nun die Kastanienallee weiter gen Süden, die aus dem Wald hinaus und über den Possenweg bis nach
      Oberspier führt. Ich bog aber am Waldesrand nach rechts ab, wo man mit dem Fahrrad eine nette Abfahrt vor sich hat. Jedoch
      sollte man hier über gut funktionierende und vorher noch einmal überprüfte Bremsen verfügen, da am Ende sehr plötzlich ein
      Stoppschild auftaucht, das vor dem Verkehr auf der B4 warnen sollte. Als Fußgänger musste ich mich sogar etwas auf meine
      Ohren verlassen, um die herannahenden Autos auf der Bergkuppe erfassen zu können, was aber in der sonst stillen Natur kein
      Problem darstellte. Das folgende kurze Stück führt über weite Felder zu einem verlassenen Bahnübergang. Meine
      Serotoninproduktion arbeitete zu dieser Zeit auf Hochtouren und trotz besonders intensiver Sonneneinstrahlung fühlte man
      sich hier besonders wohl. Nur wenige Bäume spendeten Schatten. Doch ein kurzes Verweilen in dieser Ruhe genügte schon, um
      weitere Kraft zu tanken. Typisch bunte Gräser und Pflanzen des Augusts verschönerten zuvor den Waldesrand.



      Abgeerntete Getreidefelder und ein einsames, zartes Wölkchen im Kondensationsniveau sind die stillen Zeugen eines ruhigen
      Sommertages.





      Perfektes Ausflugswetter für Motorradfahrer auf der B4.



      Nachdem ich die Bahnschienen überquert hatte, erreichte ich ein altes, verlassenes Gebäude. Kurzzeitig benutzte ich nun die
      asphaltierte Straße, die nach Hohenebra führt, achtete auf vereinzelte Autos und verließ diese wieder, indem ich die Straße
      querte und nach rechts in einen kleinen Feldweg einbog. Kurzzeitig führte der Pfad steil nach oben, vorbei an dicht
      bewachsenen Sträuchern. Offenbar wird der Weg nicht sehr oft begangen, wodurch schonmal ein Ast oder anderes Gestrüpp
      in den Weg hinein ragt. Herausfordernd ist für den Wanderer auch die Tatsache, dass dies ein Lieblingsort der Zecken zu sein
      scheint. Der Beißgefahr entgeht man am besten durch festes Schuhwerk, lange Hosen und eine anschließende Begutachtung seiner
      selbst.

      Hat man sich durch das Gestrüpp gekämpft, so läuft man am Waldesrand entlang über einen Feldweg. Aufgrund der Südseite ist man
      auch hier noch nicht vor intensiver Sonneneinstrahlung geschützt und so pausierte ich zwischendurch noch einmal kurz im Wald.
      Doch es war bald geschafft - zumindest die großzügige erste Hälfte der Tour. Am Ende des Weges musste ich schließlich eine
      T-Kreuzung überqueren und nach rechts in einen Feldweg abbiegen. Die B249 hatte ich damit auch hinter mich gelassen und ich
      konnte ein letztes mal den Blick über die Felder an der Südhainleite bis hin zum fernen Inselsberg schweifen lassen.

      Anschließend begab ich mich wieder in den Wald. Gleich zu Beginn des Waldweges ist eine Bank platziert, an der ich nun eine längere
      Pause einlegte, aß, trank und mich erfrischte. Erst jetzt bemerkte ich, wie weich Beine und Füße bereits geworden waren. Das
      Ausstrecken der Gliedmaßen war erholsam, jedoch konnten sich selbst durch die 15-minütige Pause offenbar einige Fasern meiner
      Muskeln nicht so schnell regenerieren. Nach dem Aufbruch fiel jeder weitere Schritt schwer und ich hatte das Bedürfnis, mich
      wieder auszuruhen oder zumindest sehr langsam zu laufen. Doch es war bereits 18 Uhr und der Weg zurück würde so oder so
      drei Stunden dauern. Es gab also kein Zurück mehr!

      Ein Foto des mysteriös-finsteren Kiefernwaldes, dessen Inneres äußerst märchenhaften Anmut präsentierte, war noch drin, doch
      die Zeit drängte, der Körper weniger. Im Notfall hätte ich im Wald übernachten müssen. Wäre ich nicht alleine und mit mehr
      Proviant bepackt gewesen - drüber nachdenken kann man ja mal...



      Der folgende Wegabschnitt zog sich wie Gummi. Mit dem Fahrrad ideal - als Läufer muss man durchaus einiges an Kraft und
      Geduld aufbringen. Letztere habe ich mir bewahrt, erstere begann immer mehr zu schwinden. Und dennoch war es eine
      interessante Erfahrung für mich. Ich spürte plötzlich die eigenen Grenzen des Körpers - und trotzdem - erweiterte ich diese
      doch mit jedem weiteren Schritt. Zwölf Querwege verliefen links und rechts in den Wald, bevor ich endlich an der Gabelung
      ankam, die mich zu meinem Ziel führen sollte. Ich erschrak kurz über die noch ausstehende Zahl an Kilometern und schlurfte
      weiter. Zwei bis drei Abzweigungen führten mich quer durch die Hainleite und tiefen Wald und nach zweieinhalb Kilometern
      konnte ich schließlich nicht einen Schritt mehr laufen, dachte ich, lief aber trotzdem weiter - die anderen zweieinhalb Kilometer...

      Dann, es war inzwischen halb Acht am Abend, die Sonne stand schon tief, erreichte ich mit Müh' und Not den sagenumwobenen
      Frauenberg. Endlich! Gepriesen und geheiligt sei das Auftauchen des weiten Platzes mit den zwei Funktürmen an jenem Tage.

      Der alte Turm - gerade wegen seiner hässlichen Fassade so schön.



      Der neue Turm - gelegentlich Lieblingseinschlagsobjekt für die in unseren Breitengraden selten gewordenen Erdblitze.



      Blick nach Norden über die Kalihalden bis zum Brocken (links).



      Unser "Erlebnisbergwerk".



      Einem GoogleEarth-Nutzer fielen eines Tages interessante Formationen auf dem Frauenberg auf. Seitdem ist der Platz von
      archäologischer Bedeutsamkeit. Wikipedia gibt nähere Auskunft und man erfährt Erstaunliches, was bis vor wenigen Jahren
      verborgenes Wissen war, obschon ich hier schon ein Silvester verbracht und vielfach mit Schulklasse und Familie Ausflüge
      unternommen hatte.



      Der Blick nach Osten mit Kiesgrube und quasi auch dem Rest meiner ganzen Heimatstadt.



      Ich stärkte mich noch einmal im Abendlicht, las einige Tafeln, welche ich mir beim nächsten Besuch noch einmal genauer zu
      Gemüte führen möchte. Zuletzt traf ich noch ein Ehepaar, welches mir den Weg zu dem Abstieg erklärte, den ich hier nie
      finde. Der steile Abhang ist aus gutem Grunde gesperrt gewesen, ein geschlängelter Weg bildete die Alternative. Doch wie
      jedes mal irrte ich, diesmal auch trotz Erklärung, weiter umher, bis ich erneut auf das Ehepaar traf, welche den Weg hierher
      mit dem Auto zurückgelegt hatten. Freundlich, wie nur Sondershäuser sein können, boten sie mir mit Hinweis auf die
      einbrechende Dunkelheit an, mich mit nach unten zu nehmen. Ich war schon soweit gekommen und lehnte dankend ab.
      Den Rest des Weges wollte ich noch alleine schaffen. Ich fand den Abstieg und der Berg verabschiedete sich mit einer Silhouette.



      Im Wald war es bereits recht düster, doch ich fand rechtzeitig zurück ins eingemeindete Dorf "Jechaburg" und schließlich in
      die Stadt. Ohne weitere Zwischenfälle und nach einem Stück des restlichen, asphaltierten Weges kam ich zu Hause an, war
      über jegliche Nahrungsquellen dankbar und legte mich alsbald ins Bett.

      Überrascht wachte ich am nächsten Morgen nach erholsamen Schlaf auf und wunderte mich über den nur leichten Muskelkater -
      Muskeln samt Nervensträngen waren offenbar bereits aufgezehrt. :grins

      Grenzenlose Grüße
      Chris
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007
      - aktiver Chaser seit 2010
    • Die Heimat bleibt irgendwo der schönste Ort, an den man auch immer wieder zurück kehrt. Dieser Bericht hat mich mit auf eine Reise anhand des Textes und der Bilder genommen und ich spürte den Geruch eines Getreidefeldes, die Wärme der Augustsonne, die angenehme Luft in den Waldstücken, u.v.m.. Mission complete, Chris :grins

      Besten Dank für die Mühe!

      Markus