Thread Gewitterlage 09.08./10.08.2014

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    • Thread Gewitterlage 09.08./10.08.2014

      Hier kann folgendes gepostet und gefunden werden:

      - Einschätzungen zur Lage, Nowcasting, Modellbesprechungen
      - Beobachtungen, Nachrichtenmeldungen und Messwerte zur Lage
      - Bilder zur Gewitterlage (max. 4)


      Mitglieder bitte in die Chasing-Org im Kalender eintragen!
    • Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

      so will ich mich mal vorwagen und eine erste Einschätzung zur Lage am Wochenende geben. Gleich zu Beginn sei betont, dass die Lage mit sehr großen Unsicherheiten behaftet ist, insbesondere, was den Sonntag angeht. Eine überregionale Schwergewitterlage ist für Thüringen nach aktuellem Stand der Modelle an keinem von den beiden Wochenendtagen gegeben, was regionale Unwetter natürlich nicht ausschließt.

      Ausgangslage

      Zur Zeit befinden wir uns in einer südwestlichen Höhenströmung, die sich nächste Woche vollends auf eine westliche Strömung umstellt, wodurch die Einschübe schwülwarmer Luftmassen auf mittelfristige Sicht erst einmal Geschichte sein dürften. Diese Umstellung wird am Wochenende durch mindestens zwei Bodentiefs forciert. Ex-Hurrikan Bertha, die Leibhaftige, übernimmt dabei möglicherweise die Rolle des Tiefs zum Sonntag.

      Nacht zum Samstag, Samstag tagsüber

      Aktuell (Freitag 22 Uhr MESZ) hat sich eine unterbrochene Gewitterlinie quer über Frankreich formiert. Diese wird sich unter Abschwächung in der Nacht in den Westen und Südwesten Deutschlands bewegen. Zum Morgen und gegen Vormittag werden die Reste des Niederschlagsgebiets über Thüringen erwartet. In den Mittagsstunden kann es dahinter vor allem in Nord- und Westthüringen einstrahlen, sodass kräftige Schauer und einzelne Gewitter möglich sind. Bei Oberwinden bis 40 kt und CAPE bis 600 (nach WZ-WRF) wären dabei Sturmböen und kleiner Hagel denkbar. Die energiereichste Luft liegt dann jedoch bereits im östlichen Sachsen. Zum Nachmittag und Abend hin zieht das Bodentief ab und Zwischenhochdruckeinfluss macht sich bemerkbar, der sich bis in die Nacht zum Sonntag hält.

      Sonntag Morgen, Mittag

      Hier beginnt bereits die Unsicherheit bei den Modellen (siehe Synoptische Übersicht des DWD). Nach dem WZ-WRF im aktuellen 12z-Lauf nähert sich von Bayern und Ba-Wü her ein konvektiv durchsetztes Regengebiet. Insbesondere an dessen Rückseite wären dann erste unwetterartige Gewitter ab den (Vor-)Mittagsstunden zu erwarten. CAPE kann dabei auf Werte bis 1.500 J/kg steigen, die Oberwinde wehen in 700 hPa aus Südwest mit 25 bis 30 kt und verstärken sich zum Nachmittag noch etwas. Vorwiegend können sich zum Mittag und frühen Nachmittag Multizellen ausbilden, bei denen ich Sturmböen und größeren Hagel (bis 3 cm) für möglich halte. Aufgrund der Richtungsscherung kann es auch zu der ein oder anderen superzellulären Entwicklung kommen.

      Sonntag Nachmittag, Abend

      Im Zeitraum ab 15 Uhr sehe ich das große Manko, dass der Hebungsantrieb über Thüringen zu wünschen übrig lässt. Das Randtief vom Morgen (insofern es denn überhaupt kommt) wäre dann abgezogen und Berthas Einfluss sehe ich mehr über dem Westen und Nordwesten Deutschlands, nach aktuellem Stand. Möglich wäre jedoch, dass die Kaltfront des Tiefs nochmal einen kleinen Impuls gibt und dann wären Nord- und Westthüringen, sowie die Mittelgebirge klar im Vorteil, was konvektive Umlagerungen angeht. Mit abnehmender Labilität, aber zunehmender Scherung wären Hagel (bis 2 cm) und schwere Sturmböen möglich. Insgesamt halte ich die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch noch eher gering, sodass es hier bei Einzelentwicklungen bleiben dürfte. Mit der Kaltfront selbst könnte konvektiv durchsetzter Starkregen in der Nacht zum Montag schließlich wieder eine Rolle spielen.

      Ein Blick über den Tellerrand

      Betrachtet man die Lage für Westdeutschland am Sonntag, so lässt sich feststellen, dass dort durchaus eine überregionale Unwetterlage am Nachmittag drohen könnte. Ähnlich hohe Energiewerte, etwas höhere Scherung, aber vor allem großflächigere Hebung macht dort das Spektrum von Superzellen (eher früher und weiter nordöstlich) bis zu linienartigen Entwicklungen (später und westlicher) wahrscheinlicher.

      Ich hoffe, ich habe nicht allzu viel Mist geschrieben, Karten usw. dürfen gerne ergänzt werden. Gegebenfalls folgt morgen ein Update.
      Bitte auch unbedingt die synoptische Übersicht vom DWD lesen, da die deutschen Modelle die Sache mit "Bertha" noch immer etwas anders sehen...
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007
      - aktiver Chaser seit 2010
    • UPDATE

      Das Hebungsgebiet am heutigen Samstag hat uns ohne größere Vorkommnisse mit leichter Verspätung überquert. Die ohnehin eher geringe Wahrscheinlichkeit für Gewitter konnte aufgrund niedrigerer CAPE-Werte als gestern prognostiziert, vollständig ad acta gelegt werden.

      Möglicher Ablauf für morgen

      Sowohl die Entwicklung um Bertha, als auch das kleine Randtief (aktuell im Osten Frankreichs) bestätigen sich zunehmend und die Differenzen in der Vorhersage sind geringer geworden. Aktuell haben sich einige Multizellencluster im Osten Frankreichs entwickelt, die an ein Hebungsgebiet gekoppelt sind, das morgen früh und am Vormittag auch Thüringen erreichen wird. Je nach genauer Zugbahn wären dann über Thüringen gegebenfalls schon die ersten, durchaus kräftigen Gewitter möglich. Ideale Windscherung, aber wenig CAPE ließen dann vor allem Windböen ein Thema werden.

      Hinter dem Cluster, der zügig nach Nordost abziehen sollte, fließt feuchtwarme und energiereiche Luft ein, in der es ab den Mittagsstunden vereinzelt brodeln könnte. Das vormittägliche Hebungsgebiet aus Thüringen könnte in Sachsen-Anhalt und Brandenburg dann bei hohen CAPE-Werten, leichter Geschw.-scherung und guter Richtungsscherung Multizellen, sowie einzelne Superzellen auslösen. Gleichzeitig nähert sich von Frankreich her die Kaltfront des Ex-Hurrikans Bertha Westdeutschland, wo zum Nachmittag Unwetter mit schweren Sturmböen, sowie größerem Hagel drohen. Dazwischen, also auch über Thüringen sollte ein relatives Minimum der Aktivität herrschen, welches möglicherweise durch abtrocknende Luft aus Süddeutschland noch verstärkt wird. Dann wären zum Nachmittag die Mittelgebirge am ehesten noch im Fokus der Betrachtungen für eventuell auftretende Schwergewitter (Hagel bis 3cm, Sturmböen).

      Entscheidend wird dann sein, inwieweit sich vor der Kaltfront noch eine Konvergenz etablieren kann. Nach den Modellen und aus synoptisch nachvollziehbaren Gründen wird diese als recht wahrscheinlich angesehen. Sie würde dann zum späteren Abend auch in Westthüringen noch für organisierte Gewitter sorgen können, nach Osten zu schwächt sich die Aktivität vermutlich im Laufe der Nacht allmählich ab.

      Unsicherheiten

      Neben den bereits genannten Unsicherheiten (fehlende Feuchte, Hebung, Konvergenz zum Abend), muss vor allem beachtet werden, wo und wie sich Scherung und Labilität morgen am besten überlappen. Die Modelle können dazu nur vage Hinweise geben. So wäre über Westdeutschland bei entsprechend hohen Energiewerten (die wiederum von Einstrahlung und Feuchte abhängen), eine massive Squall line denkbar, die in der Nacht auch Thüringen unter leichter Abschwächung überqueren könnte. Abschließend bleibt somit das Nowcasting wie immer oberste Priorität bei der Beurteilung der möglichen Unwettergefahr. Neben den üblichen Werten für Temperatur, Einstrahlung, Feuchte, Bodendruck der Tiefzentren sollten insbesondere auch die 12z-Soundings abgewartet werden. "Flopp" und Schwergewittergefahr liegen morgen wieder einmal äußerst dicht beieinander.
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007
      - aktiver Chaser seit 2010


    • Storm Forecast

      Valid: Sun 10 Aug 2014 06:00 to Mon 11 Aug 2014 06:00 UTC

      Issued: Sun 10 Aug 2014 04:36

      Forecaster: VAN DER VELDE

      Levels 1 and 2 were issued for southern UK, parts of
      France, Belgium, Netherlands, Luxemburg, western Germany and southern
      Scandinavia mainly for severe convective wind gusts and tornadoes, but
      also large hail.

      A level 1 was issued for parts of France,
      Germany, Poland, Czech Republic, Switzerland, northern Italy and western
      Balkan mainly for large hail.

      ...northern France, Belgium, Netherlands into Germany and Denmark...

      A
      large area with predicted 0-1 km shear vector magnitudes of 15-18 m/s,
      0-6 km shear of 20-25 m/s and very humid, neutral lapse rate airmass
      with BL mixing ratio 10-12 g/kg and MLCAPE locally over 500 J/kg is
      found along and east of the cold front. The mean wind speed at 1-4 km
      altitude is just short of 25 m/s. The lifting action of the PV intrusion
      in synergy with CAPE and favorable shear environment should lead to a
      fast-moving squall line with bow echo structures, with widespread
      damaging wind gusts (generally 20-30 m/s). Locally very severe gusts may
      be observed in some bow echoes or in supercell downdrafts given also
      the high precipitation load in this environment and also the mixing in
      of mid level dry air behind the upper cold front creates a strong
      downdraft potential(delta-theta-e 15-20K).

      A moderate tornado
      potential is present with such strong low-level shear. Tornados may be
      produced from embedded mesocyclones in a linear system or from discrete
      supercells ahead of the line. An isolated strong tornado may occur.
      Isolated large hail may be observed, the low cloud bases and limited
      upper level buoyancy are counteracting the otherwise supportive
      environment with mesocyclonic updrafts.

      The best forcing passes over
      Netherlands and northwesternmost Germany. Towards central Germany,
      weaker forcing is present, but similar shear conditions, with less
      strong flow. Higher LCLs and steeper lapse rates contribute to better
      chances for large hail, while severe gusts and tornadoes are also quite
      likely.

      Meanwhile (18Z), the warm front over S/E Denmark seems to be
      associated with low level convergence and can trigger high precipitation
      storm clusters and discrete supercells, given 300 m²/s² of 0-3 km SREH
      predicted (GFS 18Z run). Later the cold front squall line will come in
      from the southwest with mainly severe gust chances. These threats
      continue during the night into Norway and Sweden, but as CAPE dwindles
      and parcels become elevated the threats subside gradually.
    • Thema des Tages
      Sturmtief "Bertha" teils zahm wie eine Katze, teils wild wie ein Löwe

      Am gestrigen Sonntag sind die Ausläufer des ehemaligen tropischen
      Wirbelsturms "Bertha" über Deutschland hinweg gezogen und haben den
      Hochsommer zumindest vorübergehend beendet. Der Wirbelsturm gliederte
      sich am Wochenende dem nordwesteuropäischen Tief "Thekla" an und
      übernahm dessen Regie.

      Auf der Südflanke von "Ex-Bertha", die sich gestern mit Zentrum über
      den Britischen Inseln befand, wurde nochmals ein Schwall schwülwarmer
      Luft aus südlichen Breiten nach Deutschland geführt. Mit
      Sonnenunterstützung stiegen die Temperaturen im Osten und Südosten
      bis auf Werte von 32 Grad. Von Westen näherte sich dann aber rasch
      eine Kaltfront, die deutlich kühlere Luft im Schlepptau hatte. Sie
      flutete Deutschland am Abend und in der Nacht zum Montag von West
      nach Ost.

      Doch diese Wetterumstellung ging nicht überall still und leise
      vonstatten, denn die beiden Luftmassen zeigten deutliche
      Temperaturunterschiede, sodass direkt an der Luftmassengrenze starke
      vertikale Umwälzungen der Luft zu erwarten waren. Die kalte Luft
      schiebt sich dabei unter die warme Luft und hebt diese. Je größer die
      Temperaturdifferenz ist, desto stärker steigt die Luft demnach auf.
      Dabei entwickeln sich dann hochreichende Wolken, die nachfolgend
      kräftige Schauer und Gewitter bringen können, wobei wie in einem
      Paternoster warme Luft in die Höhe transportiert werden und kalte
      Luft gleichzeitig nach unten fällt.

      Durch diese vertikale Luftumwälzung können größere
      Windgeschwindigkeiten aus höheren Luftschichten als Böen zum Boden
      gemischt werden. Da auch Sturmtief Bertha vor allem im Westen und
      Norden ein ausgeprägtes Starkwindfeld in der Höhe mit
      Windgeschwindigkeiten bis zu 100 km/h mit sich führte, ließ dies das
      Auftreten von schweren Sturmböen und lokal auch orkanartigen Böen
      erwarten.

      Gleichzeitig war die vor der kalten Luft gelagerte warme Luft auch
      sehr feucht, sodass die Wolken mit Werten von bis zu 60 l/qm über
      einen hohen potentiellen Wassergehalt verfügten, der dann in
      kräftigen Schauern und Gewittern als Niederschlag zum Boden fallen
      kann.

      Da zusätzlich Boden- und Höhenwind aus unterschiedlichen Richtungen
      wehten und somit eine starke Windscherung vorlag, war ein hohes
      Potential für die Ausbildung von sogenannten "Superzellen" bis hin zu
      Windhosen oder Tornados gegeben. Von den Vorhersagemodellen wurden
      dafür Signale hauptsächlich vorab der Kaltfront an einer
      Konvergenzlinie (vgl. Konvergenz unter www.dwd.de -> Wetterlexikon)
      prognostiziert.

      Viele meteorologische Parameter ließen daher für Meteorologen den
      Schluss zu, dass sich im Westen und Norden mit Durchzug der Kaltfront
      plus vorgelagerter Konvergenz unwetterartige Gewitter mit Starkregen,
      schweren Sturmböen und großkörnigem Hagel bilden würden. Insbesondere
      die hohen Windgeschwindigkeiten waren ein großes Gefahrenpotential,
      denn durch die volle Belaubung der Bäume kann der Wind diese voll
      angreifen und wie Streichhölzer umfallen lassen.

      In der Nachsicht mutete sich Bertha mit ihren Ausläufern vielerorts
      jedoch wie eine zahme Katze an. Vor allem in Nordrhein-Westfalen und
      Niedersachsen fielen die Gewitter an der Luftmassengrenze wesentlich
      schwächer als erwartet aus. Auch die vorlaufende Konvergenz bildete
      sich dort nicht, da dichte Wolken die dafür notwendige Einstrahlung
      schon frühzeitig verhinderten.

      Weiter südlich, im Bereich von Rheinland-Pfalz sowie in Süd- und
      Mittelhessen, waren dagegen die Voraussetzungen für schwere Gewitter
      gegeben. Von Frankreich her bildete sich schon am Vormittag vor der
      Luftmassengrenze (Kaltfront) die besagte Konvergenzlinie aus, die
      sich im weiteren Verlauf nach Rheinland-Pfalz und Hessen hinein
      verlagerte. An dieser entwickelten sich in der Folge tatsächlich
      schwere Gewitter. Diese gingen teilweise mit schweren Sturmböen,
      lokal sogar orkanartigen Böen einher. In Bad Schwalbach im Taunus
      (Hessen) wurde in diesem Zusammenhang eine sogenannte "Funnel Cloud"
      beobachtet. Medien schreiben gleichzeitig von einer Windhose, die
      mitten durch den Ort zog. Die Folge waren große Schäden. Allein in
      Bad Schwalbach wurden über 60 Dächer abgedeckt. Aber auch von der
      Pfalz über Südhessen hinweg bis nach Unterfranken sorgten
      Gewitterböen mit Windgeschwindigkeiten bis zu 122 km/h (Weinbiet) für
      große Windbruchschneisen im Waldbestand.

      Der nachfolgenden Kaltfront fehlte dann jedoch im südlichen Teil
      weitgehend die Energie, sodass die Wetteraktivität an dieser auf dem
      Weg nach Osten sogar gebietsweise komplett ausfiel.

      Dipl.-Met. Lars Kirchhübel
      Deutscher Wetterdienst
      Vorhersage- und Beratungszentrale
      Offenbach, den 11.08.2014

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