04./05.07.2015 | MDR-Gebiet + Hessen | Superzelle(n) mit Overshooting Top, laminare Böenfront und reichlich Blitze

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    • 04./05.07.2015 | MDR-Gebiet + Hessen | Superzelle(n) mit Overshooting Top, laminare Böenfront und reichlich Blitze

      Hallo zusammen,

      bei aktuell sehr angenehmen Temperaturen und einer freien Urlaubswoche nutze ich gerade die Zeit, um ein paar der teils spektakulären Gewitterlagen aus diesem Juli aufzuarbeiten. Nachdem ich im Juni bereits im Vergleich zu vielen bisherigen Lagen ein sehr actionreiches Chasing zusammen mit Oliver erlebte, v.a. was Starkregen/Flash Floods und Blitze anging, sollte sich diese Tendenz bei allen weiteren Gewitterlagen so fortsetzen. Das lag nicht nur an der Advektion sehr feuchter, energiegeladener Luft aus Süden/Südwesten in Verbindung mit der für Schwergewitterlagen typischen Spanish Plume, sondern ebenso an der häufig günstigen Überlagerung mit reichlich Windscherung direkt über Deutschland.

      Nach einer beispiellosen Hitzewelle mit Temperaturen weit über der 35°C-Marke, neuen absoluten Rekorden und hohem Schwülefaktor sollten am 3./4. und 5. Juli an mehreren Konvergenzen / Outflow Boundarys Gewitter ausgelöst werden können, wobei der 5. Juli den vorläufigen Höhepunkt darstellen sollte.

      Nachdem die Gewitter am Freitag, dem 3. Juli, abends recht ortsfest in Thüringen verharrten und dort Unwetter mit Hagel und Starkregen brachten, mir die Tour von Leipzig aus dafür jedoch zu weit war, hoffte ich etwas auf den Abend des 4. Juli. Den Tag selbst verbrachte ich im Kühlschrank.

      Am Abend löste es dann erneut aus, aber auch hier blieb der Großteil des Geschehens über Thüringen und brachte einigen von euch eine spannende Blitznacht. Ich fuhr dann sehr spät auch nochmal in die warme Nacht hinaus. Selbst Mitternacht hatte es noch schweißtreibende 27°C. Die Gewitter hatten sich in der energiereichen Luft schon weit nach Nordosten gefressen, sodass ich bei Leuna auf das nahende Flackern einen Blick werfen konnte.



      Anhand des aufkommenden Windes aus Richtung der Zellen war bereits der Outflow zu bemerken, der zu meiner Überraschung warm war, sodass ich weiterhin draußen im T-Shirt Blitze beobachten konnte. Näher heranfahren wollte ich mit Hinblick auf die Lage am Sonntag und meinem bevorstehenden frühen Aufbruch nun nicht mehr. Als die Zellen dann soweit schwächelten und noch ein paar letzte, deutlich hellere positive Blitze hervorbrachten, entschied ich mich nach Hause zu fahren. Die neue Outflow Boundary hatte es schließlich geschafft, nur wenige Kilometer östlich von Leipzig erneut einen flackernden Cb hervorzubringen, diesen ließ ich dann allerdings links liegen.

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      Am 05. Juli hatte ich mich mit Markus und Marco frühzeitig bei Heiligenstadt verabredet, um mit ihnen den weiteren Weg nach Westen anzutreten. Estofex hatte seit 2012 erstmalig wieder ein für uns "erreichbares" Level 3 ausgegeben. Schon zu Beginn des Tages war klar, dass die Hauptaktivität sich ein Stück weit nach Südosten verschieben würde, was uns entgegen kam und wir nicht ganz so weit fahren mussten. Ziel war demnach mehr Hessen, als Niedersachsen.

      Bereits auf dem Hinweg am Mittag war zu erkennen, dass die Lage offenbar doch nicht ganz so gut gedeckelt war. Es löste orographiebedingt bereits im Thüringer Wald, im Erzgebirge und im Harz aus, wobei insbesondere die erste freistehende Harzzelle mein Augenmerk behielt, da ich von der A38 aus einen guten Ausgangspunkt für die weitere Beobachtung haben würde.

      Wie ich später anhand des Radars erfahren habe, handelte es sich bereits um die erste Superzelle des Tages, samt Zellsplit, was ich von verschiedenen Rastplätzen aus dokumentieren konnte. Obwohl die Windscherung bis dato eher schwach ausgeprägt schien, mauserte sich die Zelle allein aufgrund der enorm energiegeladenen Luftmasse zu einem Koloss.

      Als ich noch gute 150 km entfernt war, konnte ich an dem ansonsten wolkenfreien Himmel den Eisschirm der Zelle ausmachen, der sich gut abgrenzte.



      Anschließend bildete sich ein wunderschöner Overshooting Top, den ich in dieser Ausprägung bislang noch nicht sehen durfte. Begeistert hielt ich gleich wieder am nächsten Rastplatz, nur um festzustellen, dass der Hut wieder verschwunden war. Doch die Zelle war stark genug, um das Overshooting erneut in die Wege zu leiten, ein übrigens sehr markantes Merkmal für einen beständig starken Aufwind und damit in den meisten Fällen eine Superzelle oder ein größeres MCS. Beim Näherkommen war auch der Amboss und die umgebenden Cumuli noch besser zu erkennen.



      Am Rastplatz mit der nächsten Position relativ zur Zelle war der Split dann schon vollzogen.





      Wenig später war besonders der back-sheared Anvil noch etwas ausgeprägter zu sehen.



      Hier bläst der Höhenwind kräftig gegen den Cumulonimbus, doch der Aufwind hat sogar die Kraft, den Amboss ein Stück entgegen der Hauptwindrichtung zu drücken und wird daher als "back-sheared" bezeichnet.

      Eine weitere Beobachtung des Rightmovers schloss ich aus, zum einen wegen der schwierigen Straßen- und Sichtverhältnisse im Harz, zum anderen, da ich noch auf Marco und Markus treffen wollte. Bei 37°C und prallem Sonnenschein leistete die Klimaanlage auf der Fahrt über die Autobahn wertvolle Dienste, im Eichsfeld halfen dann auch die Gewittervorboten schließlich etwas, um die Einstrahlung zu dämpfen.

      Am Treffpunkt angekommen traf ich nicht nur auf die beiden, sondern es gesellte sich bald auch noch Peter für kurze Zeit hinzu. Am Standort beobachteten wir weitere entstehende, vorlaufende Zellen, welche laut Modell noch nicht dort sein sollten und zudem reichlich unfotogen dahingrummelten. Eine nette, doppelt ausgeprägte Hebungskappe in Richtung Harz zog dann aber doch noch einmal die Aufmerksamkeit von Marco und mir auf sich.



      Nun stand eine schwere Entscheidung an: Mit zwei Autos weiterfahren oder das Auto am Treffpunkt stehen lassen und am Ende dann dorthin zurückkommen müssen. Ich entschied mich für die erste Variante und bereue es im Nachhinein, da somit der ursprünglich geplante Charakter eines gemeinsamen Chasings schnell verloren ging und das Erlebnis doch mehr in Stress, als in ein entspanntes Chasing mündete. Dazu gleich mehr.

      Alle weiteren Bilder werdet ihr in ähnlicher Form sicher noch einmal in Marcos und Markus' Bericht wiederfinden. Dennoch ergaben sich trotz ähnlicher Motive doch für jeden irgendwo andere Perspektiven und Eindrücke, auch subjektiver Natur, weswegen meine Bilder hier auch Platz finden sollen. Auf Standortangaben verzichte ich jetzt weitestgehend, da Marco und Markus darüber sicher einen besseren Überblick hatten.

      Wir fuhren nun zunächst noch ein Stück weiter nach Westen, wobei ich schon jetzt ordentlich Mühe hatte, mit den 85 PS meines Mazdas in Sichtkontakt zu Markus zu bleiben, besonders wenn das Gefährt am Berg einfach nicht aus dem Knick kommen wollte. Das war insofern bislang nicht allzu relevant für mich, als dass meine Chasings bisher eher auf gerader Autobahnstrecke in weitgehend flachem Gelände stattfanden. Doch das hügelige Hessen entspricht eben nicht der Leipziger Tieflandsbucht, wie ich feststellen musste.

      Eine erste Konvergenzlinie verselbstständigte sich und wir versuchten, an den südlichen Rand der Linie zu gelangen. Die ersten Ansätze einer Böenfront rissen mich noch nicht wirklich vom Hocker. Der Kontrast zwischen grünem und gelben Feld war da spannender...



      ... genauso wie Markus im Kornfeld.



      Danach wirkte die Böenfront schon etwas dynamischer und im Nordteil zeigten sich zumindest ansatzweise aufwindbetontere Strukturen.





    • Nach einer kurzen Lagebesprechung in der weiterhin einfließenden schwülwarmen Luftmasse, entschieden wir uns, noch die langlebigere Superzelle aus dem NRW-Gebiet abzupassen, wobei nicht ganz klar war, ob die kühlere Luft, die die Konvergenz im Norden Hessens hinterlassen hatte, ihr den Saft abgraben oder sie von der Feuchtigkeit am Boden profitieren oder gar weiter in die Warmluft ausscheren würde. Letztlich verlor sie zwar etwas den extremen Wettercharakter, überzeugte aber nun umso mehr durch ihr Antlitz.

      Durch die aufgrund der Dynamik der Zelle einsetzende Hebung an ihrem Südende wurde die zuvor eingeflossene stabile, feuchte Luft in Bodennähe erneut gehoben, was der Böenfront einen beeindruckenden Shelfcloud-Charakter verlieh. Zunächst hatten wir einen äußerst bescheidenen Standort inmitten hessischer Wälder.



      Wir fuhren der Front noch einmal voraus und konnten das Monster nun im Ganzen begutachten.



      Beim Näherkommen interessierten mich besonders das spitze Südende und das monströse Nordende.





      Es schien, als nähere sich die Front mit unglaublicher Geschwindigkeit, doch das täuschte aufgrund der Nähe zum Erdboden doch etwas.
      Nicht ganz so beeindruckend, aber dennoch imposant war auch das sich auftuende Whales Mouth.



      An einem ca. 100 Meter entfernten Feldweg beobachteten offenbar zwei Chaser das Geschehen gleichermaßen.



      Auch eine junge Frau hielt kurz bei mir an, da sie vom Geschehen fasziniert war und Bilder mit ihrem Handy schießen wollte.
      Nach kurzem Austausch verabschiedeten wir uns wieder und ich fotografierte noch etwas in die turbulenten Wolken.



      In abziehender Richtung wirkte die Böenfront "fischgrätenartig".



      Die weitere Fahrt führte über die A4 zurück nach Thüringen, wo Marco, der die einzigen freien Hände hatte, bereits die wunderschön abgegrenzten Eisschirme mit reichlich Mammatus und Overshooting Top ablichten konnte. Hier nochmal der Link zu seinem Bericht:

      Marcos Bericht

      An einem kurzen Zwischenstopp bot sich nochmal die Gelegenheit, die Kamera "in die Wolken zu halten".



      Anschließend wollten wir zwischen zwei Zellkernen zurück auf die warme Ostseite der Zellen gelangen, was sich aufgrund nahenden Hagels etwas riskant erwies, weniger aufgrund der Größe, sondern eher aufgrund der Tatsache, dass einem das einmalige Punchen auch gleich wieder ausbremsen würde. Dennoch war die Szenerie zwischen zwei flackernden Zellen im Abendlicht nicht nur unheimlich, sondern auch gleichsam faszinierend. Doch dann folgte jäh der zweite große, Schock meiner Chasingzeit, der verkehrsbedingt war. Nach dem Radfahrer mit der Fleischwunde in 2011 stellte sich ein Auto auf der Überholspur bei ungesicherter Unfallstelle quer. Nach einer scharfen Bremsung, schwierigem Einfädeln und einmal tief durchatmen ging es aber zum Glück unbeschadet weiter. Ich entkam dem Hagel und auch der Böenlinie wieder und sprach mich am nächsten Rastplatz kurz telefonisch mit Marco ab, dessen Spur ich natürlich verloren hatte.

      Wir trafen uns bald wieder. Der nächste Standort dürfte einigen von euch vom Namen her ein Begriff sein. Kleiner Tipp: Fängt mit M an und hört mit örsdorf auf. Dort lichteten Markus und Marco ein paar Blitze ab, ich erholte mich derweil von der anstrengenden Fahrt. Noch bevor die aufziehenden Zellen für mein Objektiv relevante Blitze hervorbrachten, bildete sich direkt über uns eine neue Zelle, die fleißig in den Wolken Leuchten hervorbrachte. Aus Sicherheitsgründen verlagerten wir noch einmal Richtung Gera. Dort ließ sich die Linie dann doch etwas besser ablichten.













      Auch hier waren wieder zwei Chaser zu sehen.



      An dieser Stelle war es nun reichlich spät und ein Tag mit einer Menge Erlebnissen, Eindrücken und Gewitterzellen neigte sich dem Ende entgegen. Im MCS-Regen mit einigen Crawlern über mir fuhr ich nach Leipzig zurück. Pünktlich mit der Bettruhe erlosch auch das letzte Flackern am Himmel.

      Fazit aus meteorologischer Sicht: Wieder einmal zeigte sich, dass die Auslöse in energiegeladener Luft von den Modellen präfrontal gern unterschätzt wird. Das führt dann dazu, dass sich der Fokus regelmäßig mehr in die Warmluft verlagert. Auch die Scherungsparameter passen dann meist nicht mehr so optimal, will heißen großflächig, mit der Luftmasse zusammen. Somit ist die Warmluftmasse, speziell Outflow Boundaries, die dort hineinlaufen, wahrscheinlich der beste Ausgangspunkt für längere Chasings.

      Fazit aus organisatorischer Sicht: Im Nachhinein muss ich von gemeinsamen Chasings mit mehreren Autos abraten. Das gilt insbesondere dann, wenn sich die Autos und der Chasingstil stark voneinander unterscheiden. Der Langsame fährt dem Schnelleren hinterher, zwischendurch geht die Verbindung häufig verloren. Unnötige Absprachen sind die Folge. Der eigentliche Chasingcharakter geht verloren. Mir persönlich fehlt dann häufig die Verbindung zum Niederschlagsradar und ich weiß am Ende nicht, was ich eigentlich gesehen habe. Der eine möchte vielleicht mehr genießen, der andere lieber viele Bilder machen. Der eine will weiter, der andere nicht. Der eine wartet lieber ab, der andere fährt schnell zum nächsten Standort weiter.

      Grüße Chris