27.07.2016 | Leipzig und Umgebung | Schwere Gewitter und Zellen mit deutlicher Rotation

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    • 27.07.2016 | Leipzig und Umgebung | Schwere Gewitter und Zellen mit deutlicher Rotation

      Hallo zusammen,

      wie bereits erwähnt, hatte es im Jahr 2016 im Raum Leipzig in den ersten zwei Dritteln der Saison immer mal wieder Statistikgewitter gegeben, welche aber nur selten fotogen und noch seltener besonders kräftig waren. Die große Ausnahme bildete dabei der 27. Juli, als sich reichlich energiereiche Luftmassen mit etwas Scherung überlappten.

      Bereits am Vortag war abzusehen, dass mangels CIN (CIN-frei = sinnfrei) die Auslöse bereits sehr früh vonstatten gehen sollte. Thüringen wurde von der Lage quasi schon am Vormittag überrannt, aber auch in Westsachsen war die Gefahr groß, dass ich nach Feierabend nicht mehr allzu viel sehen würde. Also bat ich meinen Chef kurzfristig um einen halben Tag Urlaub, welchen er mir freundlicherweise genehmigte. (Danke!)

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      Von der Auslöse bis zum Unwetter...

      Bereits halb elf begann die Auslöse über Thüringen, wenige Minuten später hatte sich das erste Gewitter nördlich von Erfurt etabliert. Dieses intensivierte sich rasch und im Umland sprossen weitere Quellungen zu Gewittertürmen empor, darunter auch eine Zelle bei Weimar, die später für Leipzig interessant werden würde. Diese zog unter Verstärkung nach Apolda und bis 13.00 Uhr nach Weißenfels, wobei sie mit anderen Zellen zeitweise mehr in eine Linie eingebettet wurde. Das Storm Tracking von Kachelmann zeigte mitunter mäßige Rotation an.

      Ich bekam davon auf Arbeit zunächst recht wenig mit, bemerkte aber immerhin, wie über Leipzig bereits die ersten flachen Cumuli in der feuchtwarmen Luft entstanden. Gegen 12 Uhr ließ ich mir noch mein Mittagessen schmecken und machte mich dann auf den Weg zu meinem Jagd-Gefährt. Währenddessen löste es östlich von Leipzig in einer Linie vom Osterzgebirge bis Döbeln ebenfalls aus. So entstand mein erstes Bild des Tages noch in der Nähe des MDR:



      Es zeigt einen frisch entwickelten Cumulonimbus calvus der östlichen Multizellenlinie. Über Leipzig machte sich der Stadteffekt bemerkbar, die Cumuli benötigten noch etwas mehr Zeit, um in ausreichendem Maße bis zum LFC zu quellen und so heizte es zur Mittagszeit weiter gnadenlos ein. Die beiden Linien westlich und östlich nahmen die Stadt regelrecht "in die Zange". Entsprechend gestaltete sich die weitere Entwicklung explosionsartig...

      Das bemerkte ich beim Zusammenpacken gegen 13 Uhr. Auf dem Radar war bis dahin noch nichts erkennbar. Doch auf der B2 südlich von Leipzig geriet ich bereits in einen sich innerhalb von 20 Minuten entwickelnden Platzregenschauer. Ich machte mir bereits Gedanken, wie ich dem daraus resultierenden Outflow wohl wieder entkommen könnte, aber ganz so schnell geht es ja zum Glück doch nicht, zumindest wenn sich noch nicht ausreichend Kaltluft am Boden gesammelt hat.

      Auf der A38 kam ich dann auch bald wieder in Gefilde mit strahlendem Sonnenschein. Um mir Klarheit zu verschaffen, welche Entwicklung am vielversprechendsten aussah, hielt ich am Zwenkauer See und betrachtete die frischesten Quellungen im Westen. Dann ging alles sehr schnell: Die Zelle aus Richtung Weißenfels nahm Kurs auf den Nordwesten Leipzigs und stach hinsichtlich Blitzaktivität, zeitweiser Rotation und der Tendenz zum Ausscheren im Radarbild / Storm Tracking deutlich hervor. Ein geeigneter Beobachtungspunkt wäre freilich Leipzig selbst gewesen, was natürlich chasingtechnisch eher ungünstig war... so entschied ich mich, die Zelle im Leipziger Südwesten abzufangen, war aber dafür schon relativ spät dran. Also an der roten Ampel bloß mal ein Schnappschuss...



      ... und dann irgendwie einen halbwegs brauchbaren Punkt am Feld bei Albersdorf suchen. Selbst mit dem bloßen Auge war zweifellos zu erkennen, dass sich im Aufwindbereich die Wolken eindrehten:



      Oder in der etwas abgedunkelten Bearbeitungsform (ich mag mich nicht entscheiden):



      Das Wort "Mesozyklone" möchte ich hier nicht in den Mund nehmen. Dafür war die Beobachtungszeit mit 2 Minuten viel zu kurz. Zudem schlossen sich nach Norden sehr abwindbetonte Strukturen an.



      Ganz geheuer war mir am Standort dennoch nicht, sodass ich wieder die Autobahn ansteuerte und Richtung Osten fuhr. Dabei geriet ich kurzzeitig in den ersten Platzregen der Zelle. Über die Autobahn hatte ich wieder Zeit gewonnen und beim nächsten Zwischenstopp erhielt ich mal eine etwas andere Perspektive auf die Zelle:



      In der Zwischenzeit richtete die Gewitterzelle erhebliche Sachschäden im Leipziger Westen und Norden an, was Maurice an seinem etwas nördlicheren Standpunkt bereits gut dokumentiert hat:

      27.07.2016 / Lützen, Markranstädt, Leipzig / Gewitter mit schweren Sturmböen (+Schäden)

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      Dunkelheit am Tage...

      Ich fuhr nun mit dem Abwind mit, der mich überquerte und holte ihn auf der Autobahn irgendwann ein. Ich platzierte mich bei Kleinpösna, der Outflow sorgte rasch für Neuentwicklungen, zum einen über Markkleeberg, und dann auch direkt über mir. Die Basis vor mir war trotz heller Mittagszeit stockduster und der Kontrast extrem.





      Wieder wirbelten einige Wolkenfetzen chaotisch vor sich hin. Dann durchbrach der erste Niederschlag die Basis und der Himmel füllte sich mit den typisch verwaschenen Fallstreifen. Diese Neuentwicklung hatte es innerhalb von nicht mal 20 Minuten von Null auf die höchste Reflektivitätsstufe geschafft! Diese bekam ich dann an meinem Standort in Form einer Sturzflut und kleinkörnigem Hagel zu spüren.

      Und hier noch etwas für die "Zipfel"-Freunde:



      Eine weitere Verfolgung nach Osten erachtete ich als schwierig, da der Starkregen bereits zu stockendem Verkehr auf der A14 Richtung Dresden geführt hat. Daher begnügte ich mich mit der Rückseite, während Maurice es noch einmal davor schaffte. Die Zelle war inzwischen in eine äußerst gerade Linie östlich von Leipzig eingebettet. Sicher hatte der Outflow der alten Linie im Osten daran einen gewissen Anteil. Auf der Rückseite wurden filigrane Gewitternetze sichtbar:





      Sollte also noch immer Labilität in der Atmosphäre liegen?

      Die Linie im Osten zerfiel und ich begab mich nach Hause, wo schon sehr bald wieder die noch immer hochstehende Sonne hervorkam. Ich setzte mich gemütlich an den Kaffeetisch und bearbeitete bereits erste Bilder.

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      Unverhofft kommt oft...

      Zum Abend hin fielen mir im Norden, Richtung Halle, Quellungen auf, die einen sehr hübschen Pileus aufwiesen, leider von meiner Wohnung aus schlecht zu fotografieren. Also entschied ich mich sehr spontan, nur wegen der Pileus (und möglicher Folgeentwicklungen) noch einmal rauszufahren und nahm auch den Umweg nach Osten über die A14 in Kauf, um die Stadt zu umfahren. Der restliche Himmel war klar, was einen guten Blick auf die abendlichen Quellungen offenbarte.

      Um 19.10 Uhr war nördlich von Leipzig ein Gewitter daraus geworden, vermutlich spielte hier wieder eine rückseitige Konvergenz die entscheidende Rolle, worauf ich jetzt nicht nochmal genauer darauf eingehen möchte. Das Phänomen war mir aber bereits geläufig.

      Aus irgendeinem Grund wollte ich unbedingt meinen Standort bei Großkugel erreichen, obwohl ich wusste, dass der Bereich bei Ankunft längst auf der Rückseite liegen würde. Ich fuhr also gegen die Sonne durch den dann einsetzenden Starkregen - faszinierend, aber nicht besonders angenehm für die Augen. Gerne hätte ich an dieser Stelle Beifahrer gehabt, die die Stimmung hätten festhalten können.

      Erwartungsgemäß präsentierte sich von Großkugel aus die Rückseite der Zelle, welche einen netten Regenbogen warf:



      Über mir setzte sich der kräftige Eisschirm vom stahlblauen Himmel ab:



      Überraschenderweise schien sich die Zelle an keine Regeln zu halten und verstärkte sich sogar noch. Gegen 20 Uhr begann es zunehmend - alle paar Sekunden - zu donnern. Auch die Höhenströmung wurde vollkommen ignoriert, statt von West nach Ost zu ziehen, bewegte sich der Gerät nach Süden und damit über den Westen Leipzigs auf Markkleeberg zu.

      Auch diese Zelle dokumentierte Maurice bereits von der Vorderseite aus: 27.07.2016 / Lützen, Markranstädt, Leipzig / Gewitter mit schweren Sturmböen (+Schäden)

      Mir stand hingegen nur die Rückseite zur Verfügung, die aber ebenfalls fotogen war. (Teamwork, Maurice!!)



      Hier gefiel mir der Kontrast zwischen leicht angestrahltem Niederschlag und der dunklen Outflow Boundary sehr. Doch der entscheidende Vorteil des rückseitigen Anfahrens über die A9 nach Süden und schließlich die A38 nach Osten zeigte sich, als ich im Abendlicht die Flanking Line Convection vor mir hatte. Die nördlichste Quellung entwickelte sich zum Cumulonimbus calvus weiter und brachte Markkleeberg das letzte, kurze Gewitter des Abends. Einen reineren, von Restwolken nahezu ungetrübten Anblick bekommt man hierzulande nur selten geboten:







      Man achte darauf, wie winzig die Rauchfahnen des Kraftwerks Lippendorf (rechts unten) im Verhältnis zur Cumulonimbus-Konvektion wirkt. Entsprechend ist auch die Anreicherung mit Feuchte für Konvektion durch Kraftwerke im Allgemeinen als marginal zu betrachten.

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      Fazit...

      - eine wichtige Ausnahme im Jahr 2016, die eine mangelhafte (5) in eine ausreichende (4+) Chasingsaison verwandelt hat
      - trotz guter Standortwahl, Navigation, etc.: Am Ende ist immer ein bisschen Glück dabei, wo man steht und was man sieht.
      - Vor dem Outflow zu bleiben, ist entscheidend, wenn man die meiste Action will, aber eine Rückseite kann auch nett anzuschauen sein.
      - Unterschätze nicht die Restlabilität, wenn es rückseitig einer Konvergenz erneut zündet!
      - Es mögen viele anders sehen, aber: Ein actionreiches Chasing in Großstadtregionen, mit vielen Standortwechseln und nur wegen der Bilder ist auch ganz schön anstrengend... ob es das wert ist?
      - aufgrund der Lage in der Tieflandsbucht ist Leipzig nicht allzu oft von Gewittern betroffen, aber wenn, dann kommt es häufiger zu sehr heftigen Ereignissen (Stadt-/Talkessel-Effekt?)

      Mit freundlichen Grüßen
      Chris
      Meilensteine:
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007, aktiver Chaser seit 2010
      - eigenes Portal seit 2017: faszination-sturmjagd.de
    • Vielen Dank für den ausführlichen und anschaulichen Bericht. Gerade im Zusammenhang mit dem Bericht von Maurice bekommt man einen recht umfassenden Eindruck von den Zellen.

      Da werd ich mir jetzt wieder von Ronny anhören müssen, dass er genau aus dem Grund überhaupt nicht gerne im Sommer in den Urlaub fährt, weil er solche Lagen in der Heimat dann verpasst. :? Er hat an dem Tag die Entwicklungen schon immer auf dem Radar verfolgt und hing alle paar Minuten am Handy... :I

      chris89 schrieb:

      Oder in der etwas abgedunkelten Bearbeitungsform (ich mag mich nicht entscheiden)

      Ich persönlich finde die etwas hellere Variante besser. So sehr viel verändert das Abdunkeln in dem Fall nicht am Kontrast der Himmelsstrukturen, aber dafür ist dann leider der Vordergrund sehr dunkel. Also Daumen hoch für das erste Bild. ;)

      Bei mir am PC werden leider die eingebundenen Fotos nicht in voller Größe angezeigt. Vielleicht liegt´s an meinem Bildschirmformat, oder du müsstest die Bilder nochmal etwas verkleinert einbinden?