04.09.2016 I Friedebach (SOK) - Schadensanalyse ink. Luftbilder

    • Tornado bestätigt
    • 04.09.2016 I Friedebach (SOK) - Schadensanalyse ink. Luftbilder

      Die folgende Analyse soll einen der markantesten Fälle vom 04.09.2016 in Friedebach untersuchen. Der Fall ist mittlerweile als Tornado bestätigt und dürfte zw. F2 und F3 eingestuft werden. Bei der Analyse hat mir Torsten Stein (Air-Media&Rescue) seine Luftbildaufnahmen vom 09.09.2016 ergänzend zu Verfügung gestellt. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank!

      Update 03.09.2017: Interview mit Janek Zimmer zur den Besonderheiten der Tornadolage.

      Zum Einstieg soll eine Karte den Überblick verdeutlichen:



      Friedebach liegt in einem Tal in der Uhlstädter Heide, die wiederum zum Höhenzug "Vordere Heide" gehört. Der Schaden in Friedebach konzentriert sich auf den Ortsausgang Richtung Westen, nach Langenschade.

      Die verantwortliche Gewitterzelle mit eindrucksvoller Radarstruktur zog von WNW aus Richtung Rudolstadt, wo es in den Stadtteilen Mörla und Cumbach ebenfalls Schäden gab, ostsüdostwärts weiter.

      Vor Ort zeigen die beiden bewaldeten Hänge die größten Schäden:



      An dieser Stelle möchte ich am potenziellen Ursprung des Tornados starten. Dieser zeigt sich in einem ersten kleinräumigen Schaden im Wald im folgenden Bild oben. Die Bäume dort sind meist ab der Hälfte aufwärts abgebrochen und zeigen nach Südosten.

      Darunter schließt sich ein Waldstück an, das etwas größer als das zuerst genannte Schadensstelle ist. Die Fallrichtungen hier zeigen mehr nach Ost:



      Die Bäume sind zur Hälfte/unteren Drittel abgebrochen, einige entwurzelt. Sie liegen in Richtung Osten, teils OSO:







      Blick von Nordwest nach Südost auf die Laubbäume (Buchen), die nach Norden zeigen. Die Bäume wurden nicht entwurzelt, sondern im unteren Drittel abgebrochen. Es handelt sich um sehr dicke Stämme:

      Auf der gegenüberliegenden Seite, von NW nach SO gefallen, diese Nadelbäume:



      Die drei "Fallgruppen" jetzt nochmal in umgekehrter Blickrichtung von Ostsüdost nach Nordnordwest:



      Ich lief einmal quer über die Wiese. Am oberen Rand waren erneut einzelne Bäume abgeknickt und zeigten nach Süden:



      Direkt darüber fand ich diesen nach SSW gefallenen Jägerstand:



      Und direkt darüber weitere abgeknickte Baumkronen etwa in der Mitte. Man blick hier Richtung SSW:



      Von hier oben konnte man auch den Hang gegenüber mit dem größten Schaden sehen:









      Ich lief über Waldwege wieder zurück ins Tal. In diesem Bereich sind mir keine weiteren Schäden mehr aufgefallen.

      Im Tal angekommen schaute ich mir den Schaden auf der gegenüberliegenden Seite genauer an und sprach mit Anwohnern. Zunächst lief ich noch die Straße etwas weiter nach Westen. Hier hörten etwa 400m nach Ortsausgang die Schäden auf. Dazwischen waren diverse große Äste abgebrochen, zahlreiche Bäume im unteren Drittel bis zur Hälfte abgeknickt.



      Blick nach Osten (man achte über dem Haus die zusammengefallenen Bäume):







      Weitere Luftaufnahmen von Torsten Stein:







      Weiteres vom Boden von mir:











      Auffallend ist die teils unterschiedliche Fallrichtung, die in einem Bogen zum Ort hin zeigt. Es ist im Gesamtbild zu vermuten, dass der Tornado von WNW (Zugbahn der Zelle) den ersten Bodenkontakt auf der Spitze des Hügels hatte (Fallrichtung Südost, dann mehr Ost) und in Richtung OSO zog. Im Tal selbst erfolgten nur wenig Schäden. Auf der gegenüberliegenden Seite erfolgte dann noch einmal am Hang zur Spitze hin Bodenkontakt, wobei anhand der Fallmuster eine "Lenkung" nach Ost, dann Nordost zum Ort hin zu sehen ist.

      In diesem Zusammenhang fiel mir eine Studie aus den USA ein (Link muss ich nachrecherchieren), welche besagt, dass bei dem Auftreten von Tornados in hügeligem Gelände wie solchen Höhenzügen eine Verstärkung hangaufwärts stattfindet, hangabwärts allerdings weniger Schäden auftreten und das Tal an sich eher verschont wird bis auf vereinzelte Schäden. Das würde dem Bild hier durchaus entsprechen.

      Bei den Gesprächen mit Anwohnern wurde folgendes beschrieben:

      ...erst war der Fernsehempfang wag, dann fiel der Strom aus... Dann gab es Wind, Regen, man hat nichts gesehen, alles war grau und dann flogen Äste durch die Luft. Und dann war direkt hier auf der Wiese so ein Wirbel zu sehen, kein Schlauch in den Himmel, vielleicht 100 - 200m hoch. Der hat hier die Leitungen abgerissen und plötzlich war er weg. Das hat vielleicht 2min gedauert dann war plötzlich Ruhe... Hier oben den Baum hat er noch umgeknickt und dann fand ich hier oben Äste von Kiefern und Weiden. Die stehen hier nicht und müssen irgendwoher gekommen sein mit dem Wind...


      ...das war grau und dunkel und rauschte... Hier im Hof wirbelte alles auf, dann flogen die Dachziegel, Strom und Telefon waren weg und plötzlich lagen alle Bäume da. Da hat man keinen richtigen Wirbel gesehen, das war wie im Schleudergang und alles wirbelte herum...


      Dieses Anwesen wurde vorwiegend auf der nach Osten gerichteten Seite beschädigt:



      Luftbild:



      Daran schließt sich die Bushaltestelle an, die zerstört wurde und in Einzelteilen in der Wiese darunter lag:



      Die letzten vereinzelten Schäden findet man in Form dieses abgeknickten Baumes (Blick West->Ost):



      ...sowie einem umgestürzten Baum oberhalb der Straße:



      Die beschädigten Masten waren an diesem Samstag wieder instand gesetzt. Auf der Straße lag einer der Masten nach dem Ereignis quer. Bei den Masten auf der Wiese wurden laut Augenzeuge die Kabel abgerissen, der Masten an sich blieben stehen.



      Markus

      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
    • Ab heute ist eine Nachbetrachtung in Form eines Interviews mit Janek Zimmer online! Die damalige Lage hatte einige Besonderheiten, die ich selbst erst im Nachgang bei der Analyse mit Janek gesehen bzw. gelernt habe.

      Vor einem Jahr: Starker Tornado in Friedebach
      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
    • Eine fachlich sehr interessante Analyse und sehr erfrischend zu lesen in dem Interview-Stil! Soweit auch alles verstanden, obgleich es für den Neueinsteiger sicher teilweise etwas schwieriger zu verstehen sein wird...

      Was mich im Speziellen noch interessieren würde: Im Zusammenhang mit Unwettern liest man ja häufiger vom "left-exit" des Jets. Das Prinzip, dass durch die dadurch erzeugte Divergenz in der Höhe unsere für Gewitter notwendige Hebung generiert wird, leuchtet soweit ein (Konvergenz am Boden -> erzwungenes Aufsteigen der Luftpakete). Aber gibt es eine besondere Bedeutung dieser Art, wie Hebung generiert wird, im Zusammenhang mit schweren Unwettern / rotierenden Aufwinden / Tornados? Also warum ist diese Variante prädestiniert gegenüber anderen Hebungsmechanismen (z.B. Outflow Boundaries am Boden, Kaltfront, etc.)?

      Oder ist der Zusammenhang eher indirekter Natur, d.h. es wird z.B. automatisch mehr Vorticity / Scherung generiert, das Verhältnis Scherung / Labilität ist besser, ...?