22.06.2017 I TH/SA I Mehrere MCS, Gustnado, Böenfronten, Blitzschläge

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    • 22.06.2017 I TH/SA I Mehrere MCS, Gustnado, Böenfronten, Blitzschläge

      Was für ein Chasingtag! Lagen mit viel Energie und Scherung sind immer eine logistische Herausforderung, die Zielgebiete richtig zu setzen und sich so zu platzieren, dass man einerseits noch andere Optionen wahrnehmen kann und seine Fluchtoption hat. Dann kam noch der zusätzliche Faktor dazu, dass ich alleine unterwegs war und ab Beginn der Jagd ein zweites Auto mit Andre (Team Sachsen-Anhalt) und im Verlauf ein drittes Auto (Carsten, zwischendurch auch mal Ronny) gelotst habe. Aber der Reihe nach...

      Gesamtstrecke an diesem Tag: 563,8 km


      Die Ausgangslage kündigte sich bereits am letzten Wochenende in den Wettermodellen mehr und mehr an. Als das Eintauchen in den 72h-Zeitraum in den höher aufgelösten Modellen möglich war, zeigten sich bis zum Ereignistag verschiedenste mesoskalige Systeme unterschiedlichster Art (Superzellen, Bow Echos, QLCS, große Cluster, ...) in mehreren Schüben - ein echter Modellporno :) Nun galt es, den Ablauf und die Zielgebiete am Vortag auszumachen. Lange Absprachen mit Chris im Vorfeld boten 3 Szenarien, die wir bereits in unserer Einschätzung am Vorabend darlegten.

      Besonderes Augenmerk galt der ersten Welle ("Warmfrontwelle") mit dem Nordsee-Cluster, der in den frühen Modellläufen (WRF4km + SuperHDs) mit Südostverlagerung über Sachsen-Anhalt nach Sachsen ziehend gerechnet und in späteren Läufen deutlich nördlicher und östlicher abziehend berechnet wurde. Die Realität sah dann so aus, wie in den ersten Modellläufen berechnet: Das Leading Edge zog via Hamburg südostwärts gen Magdeburg und weiter nach Halle/Leipzig. Als gegen 10:30 Uhr noch keine Abschwächung erkennbar war und eine Vielzahl an Meldungen und Bildern aus dem Norden auf die Organisation der Linie hindeuteten, war für mich der Aufbruch um 12:15 Uhr nach Norden (grob Magdeburg mit Südostoption A14) gesichert. Um 11:31 Uhr gab es bereits die erste Mesoscale Discussion von Estofex.

      In Aschersleben traf ich mich mit Andre vom Team Sachsen-Anhalt. Kurzer Check, auftanken und dann ab nach Magdeburg. Da wir nicht wussten, wo wir abends landen werden, mussten wir uns für die Variante mit 2 Autos zu fahren entscheiden. Über die A14 ging es bis zur Abfahrt Schönebeck. Dummerweise war die AS Schönebeck gesperrt, glücklicherweise die nächste Abfahrt (MD-Reform) nicht zu weit weg und noch vor der Zelle (Radar). Leider ging uns hier die Möglichkeit flöten, schöne Strukturbilder zu machen. An der roten Ampel kurz aus dem Fenster nach Osten gehalten:


      Erst an der AS Calbe ergab sich 7 Minuten vor Ankunft der Böenfront zum fotografieren:








      Und schon ging es wieder auf den Weg nach Südosten. Die Böenfront wirbelte immer wieder Staub auf. Dann gab es rechts neben uns einen Böenfrontwirbel (Gustnado). Schön zu erkennen, wie der Staub wieder nach oben gezogen wird:


      Nochmaliger Halt an der AS Plötzkau, wo die Zelle nun östlich von uns lag und jede Menge aufgewirbelter Staub sichtbar wurde. Wir entschieden uns erstmal weiter bis Halle/Leipzig zu fahren, dort aber für spätere Entwicklungen aus Westen nicht mehr lange ostwärts zu folgen. Und da war ja auch noch die ausfließende Kaltluft (Outlfow Boundary) unseres Clusters, die triggern könnte. Final landeten wir bei Wiedemar und trafen dort Ronny. Letztes Bild vom vorbeiziehenden Cluster:


      Jetzt war es Zeit wieder westwärts zu schwenken. Die Planung sah dabei so aus, die Zellen aus Hessen/Südniedersachsen (Radar) auf ihrem Weg nach Osten abzufangen und dann südwärts nach Thüringen auszuweichen. Grundsätzlich waren die Bedingungen zu dieser Zeit in Thüringen noch am günstigsten. Hier lag eine maximal aufgeheizte Luftmasse, der Höhepunkt des Tagesgangs war erreicht und es sind noch keinerlei Gewitter oder Kaltluftausflüsse durchgezogen. Der Schwerpunkt dürfte sich also in den Abendstunden hier befinden (freilich auch noch weiter westlich/südlich, für uns aber nicht von Interesse).

      Thema Outflow Boundary: Diese zog von unserer Leipzig-Zelle nun südwärts. An der AS Großkugel waren wir bereits aus dem Cb-Schirm heraus unter blauen Himmel, während am Boden kurzzeitig Staub aufgewirbelt wurde und die Sicht schnell einschränkte:


      Auf der A38 blockierte ein Hängergespann die mittlere Fahrspur. Der Hänger war nicht umgekippt, aber wohl kurzzeitig in Schräglage gekommen. Der Fahrer prüfte gerade die Anhängerkupplung. Solche Sachen können eben doch aus heiterem Himmel kommen wenn die beinahe unsichtbare OB am Boden brandet.

      Nach kurzem Hinweis von Carsten, der an unserem angedachten Ziel, Sangerhausen, im Stau nach einem kürzlichen Unfall stand, war für Andre und mich nochmal Zeit zum Entscheidungen treffen. Es folgten auf unserer alten Spur über Quedlinburg/Aschersleben neue Zellen (Radar), die Andre gern angefahren hätte. Ebenso kamen aber auch die Zellen aus dem Eichsfeld/Nordhausen näher. Für diese müssen wir aber südwärtige Orientierung einschlagen (Reminder: Bessere Bedingungen noch nach Süden hin). Wir besprachen die Optionen und stimmten uns nochmal mit Ronny ab, der nur wenig weiter von uns stand. Zu dieser Zeit kam die nächste MD von Estofex heraus, die die Südoption bestätigte und Andre überzeugte.

      Wir fuhren zu einer Aussicht bei Allstedt (glücklicherweise endete der Stau durch Baustelle und Unfall kurz vor der Ausfahrt). Dort konnten wir den Südrand des Clusters beobachten, der knapp an uns vorbeiziehen würde. Es zeigte sich bereits eine Rollcloud nordwestlich, türkiser Schimmer der aktivsten Entwicklung am Südende (Radar) sowie gut zu erkennden Fallböen (Downbursts) im Niederschlagsbereich. Mit der Landschaft ergab sich auch fotografisch eine schöne Kulisse:


      Die Rollcloud im ersten Bild wurde dann mit nach links in die Zelle eingezogen:






      Bald rauschte der Wind vom gegenüberliegenden Tal zu uns. Leider ist mein Handwindmessgerät noch defekt. Ich hätte zu gern an dieser Stelle die Böen gemessen. Wir mussten uns schon gegenseitig anschreien um uns zu verstehen. Wir knieten uns dann hinter einen der Strohballen, der durch die Böen wackelte.

      Über uns war eine Mischung aus Böenwalze und gleichzeitgem Einstromband der Zelle:


      Würde man die Vorgeschichte nicht kennen, ginge das als Einstromband durch, war es aber nur zur Hälfte. Ein Teil floss nach Süden, der andere wurde wieder durch die Zelle angesaugt. Man sieht das auch schön an den Spitzen der Wolken in diesem Bereich, die eine gewisse Helmholtz-Form zeigen:


      Als dicke Tropfen von oben kamen und über uns eine neue Basis entstehen wollte, verließen wir den Punkt und hielten eine Feldeinfahrt weiter im trockenen und schauten die Rückseite an. Und wie es bei so einer Luftmasse, Konvergenzen und nicht stattgefundenem Frontdurchgang ist, sinkt nur der Energiepegel schrittweise dort, wo Gewittersysteme ihre eigene Kaltluft hinterlassen haben. Die triggert aber wieder zur warmen Seite hin die nächsten Entwicklungen, die dann selbst wieder über das gleiche Gebiet ziehen können, wenn auch generell mehr südlich ausgreifend zur noch besseren Warmluft.

      Hier war jetzt schön die kleinräumige Interaktion von ausfließender Kaltluft, angehobener Warmluft und Windscherung in Verbindung mit lokaler Orographie zu sehen. Dieser Cumulus fing an seiner linken Kante sofort an zu rotieren, als er über den Berg kam:


      Nächster Halt war unweit von Heldrungen, wo wir mit Carsten nun eine bessere Sicht auf die Zellen aus Westen hatten:


      Dummerweise war die Auffahrt nach Süden gesperrt und dann kam es eben doch zum Navigationsfehler von mir, als ich im Kreisverkehr die falsche Ausfahrt nahm. Carsten wählte die Richtige. Wir hatten keine Zeit mehr zu reagieren und wurden von der Zelle überrollt, glücklicherweise ohne Hagel, dafür mit kräftigem Starkregen. Dank der schnellen Verlagerung war die Zelle bald weg und wir konnten über Landstraßen nach Südosten ausweichen. Und am Ende war diese Position gar nicht mal schlecht!

      Unsere "Nordhausen-Zellen" haben sich nun dem Cluster im Osten angeschlossen (Radar). Wir standen südlich davon und konnten über 10 Minuten noch Blitze gucken und hatten wieder unsere Südoption für alles Kommende. Der Abwind der Nordhausen-Zellen sorgte für eine schnelle Verstärkung einer Zelle, die von Eschwege Richtung Mühlhausen zog. Weitere Zellen enstanden binnen weniger Minuten dazu und kamen direkt auf uns zu (Radar). Das Maximum der Verstärkung erlebten wir direkt vor uns, wo bald im Niederschlagsbereich ein Downburst sichtbar wurde, der ca. 20km westlich von uns auf den Boden aufkam. Man achte auf die Form rechts in den folgenden Bildern. Und noch etwas gab es: Jede Menge Erdblitze. Der Takt nahm immer mehr zu, die Blitzkanäle entluden sich mehrfach und kamen auch immer näher, was uns zum Aufbruch zwang.



      Bei diesem Bild ging diese Aufnahme vor dem eigentlichen Blitzkanal voraus. Ggf. sieht man hier die Vorentladung?










      In der Lücke zwischen den beiden Zellen zogen diese in Schillingstedt über uns. Dabei weiterhin ein Feuer an Erdblitzen. Carsten wird hier hoffentlich noch eine interessante Aufnahme nachreichen, wo ggf. eine Fangentladung zu sehen ist. Wir betrachteten dann die abziehenden Zellen und besprachen die Lage wieder neu. Zuerst wollten wir wieder auf die A38 nach Westen für die nächsten nachrückenden Zellen (Radar). Wurde dann aber 5 Minuten später verworfen, da die Süd-West-Option (A71, A4) besser war. Leider verpassten wir an diesem Punkt Marco, der bereits auf die A71 nach Norden gestartet war.

      In Neudietendorf teilte sich das Team nach dem Abendessen. Andre wollte die nördliche Linie noch erreichen, landete am Ende aber weiter im Osten. Zu dieser Zeit war auch klar, dass bald mit der Kaltfront und dem nachrückenden Trog ein deutlicher Schub der noch vorhandenen Gewitter nach Osten vonstatten gehen wird. Hinterherfahren ist da nicht mehr möglich, wenn man nicht schon Vorsprung hat. Für uns interessant war der Cluster von Marburg/Gießen/Fulda auf seinem Weg nach Osten (Radar). Wir fuhren erstmal (wieder) nach Arnstadt-Nord um Sicht zu haben. Ich vermutete ein Abdriften zur warmen Luft südlich des Thüringer Waldes. Das hätten wir aber zeitlich nicht mehr geschafft und Beobachtungspunkte im Raum Suhl/Zella-Mehlis sind rar.

      Interessant war hier noch der aus Südost wehende Bodenwind vor dem Cluster. Auch von Eisenach zog eine weitere Zelle nach Osten. Hier waren immer mal Erdblitze zu sehen. Der Cluster zog über uns, wir entschieden uns noch währrenddessen für eine letzte Verlagerung nach Ilmenau für die nun wieder nachfolgende Linie aus Richtung Bad Salzungen. Diese fingen wir in Ilmenau an einer Tankstelle ab. Dort sollte dann auch unser Tag enden. Aber noch nicht jetzt. Ab dieser Zeit gab es vorwiegend Wolkenblitze und die Erdblitze wurden seltener. Ich sagte der Verkäuferin noch Bescheid, dass wir hier eine Weile wegen der Gewitter bleiben und sie sich nicht wundern muss wenn wir Stative aufbauen. Nach 10 Minuten fragte sie, ob sie nicht besser das helle Licht der Tankstelle ausmachen soll :grins. Hatten wir nichts dagegen. Dann klappte es auch passenderweise mit den Erdblitzen:




      Und da wie gesagt noch nicht Schluss war, kamen die nächsten Gewitter aus Westen auf leicht südlicherem Kurs hinterher (Radar). Die Verkäuferin hatte inzwischen Feierabend und stand noch eine ganze Weile bei uns und guckte sich das Gewitter mit an. Nachdem sie noch sagte, rechts am Horizont sah ein Blitz aus, als würde er nach oben gehen, ging tatsächlich ein weiteres Exemplar in der Nähe nach unten wie oben:


      Visuell kam zuerst der untere Blitzkanal und in der "Kreuzung" in der Mitte gingen die Blitzkanäle wieder nach oben. Was für ein Treffer!

      Danach waren nur entfernt noch Erdblitze nach Süden zu sehen, dafür viele Wolkenblitze und Crawler. Nicht unbedingt mein Fall wenn nur seine Fragmente sichtbar werden. Wesentlich interessanter dann schon die Kombi mit Erdblitz und mehreren Verästelungen:


      Es war nun längst nach Mitternacht und die Jagd dauerte nun schon 12h. Es war Zeit einen Schlussstrich zu ziehen und aufzubrechen. Und während wir das taten, bildeten sich die wirklich allerletzten einzelnen Zellen im Westen, die erneut über Ilmenau zogen (Radar). Ganz ehrlich: Ich hab nicht mehr hingeguckt und während der Autofahrt noch gesagt "nicht schon wieder Gewitter" :grins . Was für ein Tag.

      Reflektion:

      - 1. Welle ging doch wie ursprünglich modelliert südostwärts durch
      - Logistische Planung ging mit Unbekannten wie Staus, Unfällen etc. auf. Vorankommen und ausweichen war immer möglich
      - Aufwirbelnde Blätter, Äste, Strohhalme der Böenfront nicht unterschätzen
      - Skywarn-Meldungen waren im Stress/auf Autobahn nicht möglich. Leider konnte nicht alles gemeldet werden (mit Beifahrer wäre dieser Punkt besser gelaufen)
      - Funkgeräte für Absprache zw. zwei Fahrzeugen
      - Baustellen/gesperrte Abfahrten vorher checken/Navi-Einstellung dazu prüfen
      - Gut, dass ich mein Auto nicht in Aschersleben abgestellt habe

      //
      Markus
      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
    • Klasse Bericht und eindrucksvolle Fotos, vor allem die aus der Nähe von Allstedt, sehr schöne Kulisse. :)

      Der doch recht markante Wechsel von Erd- zu Wolkenblitzen der beiden Fronten um ca. 19 Uhr und 21 Uhr ist mir auch aufgefallen. Genau das hat mir leider jegliche Aufnahmen des eintreffenden 2. Clusters zunichte gemacht. :?

      Das nächste mal bin ich auf alle Fälle dabei!