22.07.2017 | Abendliches Gewitter mit Shelfcloud | bei Groitzsch

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    • 22.07.2017 | Abendliches Gewitter mit Shelfcloud | bei Groitzsch

      Meine sehr verehrten Damen und Herren,

      aktuell versuche ich mit der Aufarbeitung einiger Ereignisse dieses, in meinen Augen unglaublichen Gewitterjahres 2017 fortzufahren. Leider werde ich daran bislang stets durch nachfolgende Gewitterlagen gehindert - der Jagdinstinkt bricht einfach immer wieder durch und natürlich warten auch noch andere Verpflichtungen auf mich. Entsprechend quillt der Bilderordner mit Eindrücken über und die Reihenfolge der Aufarbeitung erfolgt ausnahmsweise bei mir weitgehend chaotisch. Einige Ereignisse verdienen jedoch eine genauere Analyse. Der Rest wird dann am Ende vermutlich in einem umfangreichen Jahresbericht landen, für den ich hoffentlich im Herbst ausreichend Zeit finde.

      Eine dieser in einem einzelnen Bericht aufzuarbeitenden Lagen, der schon länger in der Pipeline liegt, mag im Vergleich eher unspektakulär erscheinen, wäre im gewitterarmen Jahr 2016 jedoch schon eines der Top-Events gewesen. Es handelt sich dabei um eine regionale Lage in Ostthüringen und Westsachsen am Abend des 22.07., der in eine Reihe von Ereignissen eingebettet war. Zu meinen Gunsten geschah dieses Event an einem Wochenende, wodurch ich tagsüber die Parameter recht stressfrei im Blick hatte und abends gut vorbereitet chasen konnte.


      Wetterlage

      Bereits einige Tage zuvor hatte eine Squall line über Mitteldeutschland für Furore gesorgt. Die Ursache ist im Grunde auf einen Langwellentrog westlich von uns zurückzuführen, der an den Folgetagen nach Irland abtropfte und somit weitgehend ortsfest westlich von uns verblieb. Eine südwestliche Höhenströmung führte zur fortwährenden Regeneration der Warmluftzufuhr, die entsprechend der Strömung und Jahreszeit labil geschichtet war. Kurzwellige Anteile des Trogs / Höhentiefs sorgten für die notwendige Hebung. Den Höhepunkt erreichte die folgende Entwicklung am 22.07. und in der Nacht zum 23.07.2017, als sich das Höhentief langsam annäherte. Gleich mehrere Wellen sorgten für Auslöse.



      Quelle: www.wetterzentrale.de


      Ablauf

      Am Morgen des 22.07. war es bereits recht schwül und die erste Welle brachte dem westlichen und nördlichen Thüringen bis hinüber nach Westsachsen kräftige Schauer und einzelne von der Grenzschicht entkoppelte Gewitter von Süd nach Nord. Das zurückbleibende Gewölk hielt sich recht zäh bis in die frühen Nachmittagsstunden. Die hohen Taupunkte wurden dadurch konserviert, bevor die Einstrahlung für ein wenig Durchmischung sorgte.

      Weiter östlich hatte sich eine Konvergenz etabliert, die bei der Temperaturentwicklung in Mittel- und Ostsachsen dort in jedem Fall rasch zur Auslöse führen musste. Für mich war das allerdings keine interessante Option, da mir abziehende Gewitter im hellen Mittagslicht wenig reizvoll erschienen. Stattdessen richtete ich mein Augenmerk auf ein schmales Hebungsgebiet, welches in Janeks WRF zum Abend in der Höhe hereinschwenken sollte. In Verbindung mit zunehmender Einstrahlung und Labilitätsaufbau war ich etwas verwundert, dass kein hochauflösendes Modell weitere Zellen zeigte. Auch die Scherung war beachtlich, was für langlebigere Strukturen und ggfs. auch rotierende Aufwinde sprach. Also schrieb ich ein paar Worte zur möglichen Fehlvorhersage in den Thread, Maurice ergänzte dies dann mitsamt Sounding-Analyse, und freute mich auf die "Überraschung", die für mich dann nicht mehr ganz so überraschend kam. ;)


      Auslöse

      Die abendliche Auslöse bei Jena wurde vermutlich begünstigt durch geringe CIN-Werte, etwas Dynamik aus der Höhe (das besagte Hebungsgebiet) und / oder lokales Erreichen der Auslösetemperatur. Zunächst pulsierten die Zellen, entschieden sich dann jedoch, dauerhaft blitzaktiv zu bleiben. Scherung und Abendlicht zauberten bereits verdächtige und ansehnliche Stimmungen, wie Ronny und Luise eindrucksvoll dokumentieren konnten.

      Die folgende Entwicklung fand dann in einem Gebiet statt, dass ohnehin für "Sonderentwicklungen" bekannt ist, das berühmt-berüchtigte Dreiländereck (TH, SA, SN). Idealerweise drehte der Wind noch etwas zurück, was die Rotationsfreudigkeit des Aufwinds sicher verstärkte. Die Zelle, die ursprünglich bei Jena entstanden war, scherte vollkommen nach rechts aus und vollzog gleich zweimal einen Zellsplit. Der zweite Split kam für mich etwas ungünstig, da ich von Leipzig aus von Norden an die Zelle herangefahren war. Bei Groitzsch hatte ich aber einen guten Blick auf den mittleren Teil, der mit einer schönen, abendlichen Shelfcloud daherkam. Zumindest zu Beginn waren darunter auch einige Erdblitze zu sehen, die später mehr in Geflacker übergingen. Bis zur Ankunft der Zelle hatte ich diesmal auch ausreichend Zeit, da die Zuggeschwindigkeit nur mäßig ausgeprägt war und ich mit reichlich Puffer geplant hatte. So konnte ich mich auch mal an den Erdblitzen versuchen, die jedoch leider nicht ganz so hell daher kamen, wie ich mir das erhoffte. Für ein paar wenige Exemplar reichte es dann aber mit Hilfe der Zeitraffer-App:



      Während es zunächst mehr nach Böenfront aussah, wandelte sich das Gebilde doch zunehmend in eine Regalstruktur um. Mit dem Weißabgleich bin ich hier nicht ganz zufrieden, was ich aber nachträglich leider nicht mehr ändern kann, da die Zeitraffer-App grundsätzlich nur in JPEG aufnimmt.



      Nach Norden schwächelte die Struktur etwas, baute aber an. Es dürfte sich um die beginnende Abspaltung des zweiten Leftmovers handeln, der nun auf mich zuzog.

      Panorama:



      Detail:



      Das laminare Gebilde überquerte mich. Man sah nun deutlich, dass es im Süden verstärkt blitzte, während es über mir weitgehend ruhig blieb.



      Im Starkregen verfolgte ich die abgespaltene Zelle noch bis Borna. Dabei konnte ich es auch weiter im Norden hin und wieder blitzen sehen. Es handelte sich dabei um den ersten Leftmover, der zwischen Leipzig und Halle entlangzog und hin und wieder elektrische Lebenszeichen von sich gab und den Christoph aus Halle beobachten konnte.

      Am Morgen nach diesem Ereignis folgte dann die dritte Welle mit der morgendlichen Shelfcloud bei Eisenach, die Marco (?) ablichten konnte. Die zugehörige Linie brachte dann West- und Nordthüringen heftige Gewitter und bewegte sich auf der typischen Zugbahn nächtlicher / morgendlicher MCS' analog zum 10.06.2010. Für mich war das aufgrund der bereits gemachten Erfahrungen am Abend, Müdigkeit und Unsicherheit bezüglich Labilität / Tageszeit keine Option mehr.


      Fazit:

      - ein spritsparendes, kurzes Chasing mit Strukturen und Blitzen, die das Herz erfreuen (Was will man mehr?)
      - ist immer gut, die Parameter nochmal selbst zu checken, wenn man die Zeit hat

      Viele Grüße
      Chris (der sehnsüchtig auf ruhige, verregnete Herbsttage zum weiteren Reflektieren wartet)
      Meilensteine:
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007, aktiver Chaser seit 2010
      - eigenes Portal seit 2017: faszination-sturmjagd.de