09.06.2018 | Trebsen, Naunhof, Markkleeberg | Stationäre Luftmassengewitter

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    • 09.06.2018 | Trebsen, Naunhof, Markkleeberg | Stationäre Luftmassengewitter

      Hallo zusammen,

      herzlich Willkommen zum Seminar "Gelassen bleiben ohne Höhenströmung".

      Letzten Samstag war es soweit: Es ist der unwahrscheinliche Fall eingetreten, dass sich in einem gradientschwachen Sumpf Gewitter bis in die Region Nordsachsen / Leipzig vorgearbeitet haben. Fotografisch gesehen hielt der Tag wie erwartet nichts Besonderes bereit, dennoch war das Chasing lohnenswert, da mir einige interessante Phänomene aufgefallen sind. Nachfolgend möchte ich sowohl auf die mesoskaligen Besonderheiten eingehen, die an diesem Tag zur Auslöse in der Region beigetragen haben, als auch auf die Beobachtungen während des Chasings, für die sich im Nachhinein eine Reflexion anbietet.

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      Für mich stand ein "Lazy Saturday" an. Bereits am Morgen hatte es 20°C in der Region Leipzig und ein Durchlüften der aufgeheizten Wohnung schien nutzlos. So genoss ich einen Teil des Tages im Park, bevor mir die Hitze zu Kopf stieg. Zum Mittag entwickelten sich dann in schwülwarmer Luft erste Wärmegewitter in den üblichen, dafür vorgesehenen Mittelgebirgsregionen (Vogtland, Erzgebirge, Harz). Die Eisschirme der Gewitter verkleisterten den Himmel hauptsächlich östlich ihres Entstehungsgebietes, da in der Höhe eine sanfte Brise Westströmung vorherrschte. (Bloß nicht zuviel Höhenströmung, sonst könnte man noch annehmen, wir würden in der Westwindzone leben...)

      Back-Building fand also in Bezug auf die Gewitter im Erzgebirge vorwiegend nach Thüringen hin statt. Dort war die Luftmasse labil geschichtet und am Boden stand ausreichend Feuchte bereit. Über Leipzig setzte sich ab dem Mittag wieder der Einfluss des Skandinavienhochs durch und die hohen Taupunkte vom Morgen wurden nach und nach durch knochentrockene Luft aus Nordosten vertrieben. Gegen 16 Uhr herrschten Boden-Taupunkte von etwa 8°C vor - ein sicherer Gewitterkiller! Passend dazu zeigte das Himmelsbild flache Stratocumulus-Wolken und Cumulus humilis. Die Temperatur stieg auf 31°C, was in Verbindung mit der trockenen Luft und leichtem Ostwind jedoch erträglich war.

      Über Ost-Thüringen hatten sich die Gewitter hingegen zum Nachmittag verclustert und bildeten einen Cold Pool aus. Bis in die Altenburger Region herrschten Temperaturen vor, die die 25°C nicht überschritten, die Taupunkte erreichten aber zum Teil beträchtliche 18°C. Das deutete auf eine markante Trennlinie (Dryline, Outflow Boundary ) zwischen trocken-heißer Luft um Leipzig und schwülwarmer Luft weiter südlich hin.

      > Satbild 16 Uhr
      > Temperaturverteilung
      > Taupunkte

      Die outflowgetriebene, südliche Luftmasse bewegte sich jedoch stetig nach Norden. Entsprechend fand gegen 17 Uhr ein Windsprung auf Süd mit Taupunktanstieg auf bis zu 18°C über Leipzig statt, die Temperatur blieb aber weitgehend konstant. Gleichzeitig hatte es über dem südlichen Brandenburg neue Gewitter ausgelöst, die wiederum von der rückseitigen Outflow Boundary kräftiger Gewitter über Polen getriggert wurden. Die östliche Outflow Boundary löste kurz vor 18 Uhr auch eine erste Gewitterzelle bei Riesa aus, was bei mir die Alarmglocken schrillen ließ. Aufgrund des nun deutlich besseren Setups als zur Mittagszeit (29 über 18, zwei aufeinander treffende Outflow Boundaries) beobachtete ich nun engmaschig das Geschehen. Mehr als 100 km war ich jedoch bei dieser Ausgangslage kaum bereit zu fahren. Dort, wo ein Gewitter entstand, regnete es sich auch ab.

      Ich ließ noch etwas Zeit vergehen und wartete ab, ob sich ein Versuch der Gewitterbildung bei Trebsen halten konnte. Hier hatte es bereits einige "Fehlstarts" gegeben, indem sich zwar Schauer bildeten, die sich jedoch nicht weiterentwickelten. Gegen 18.30 Uhr brach ich über die A38 und die A14 nach Osten auf.

      > Radar und Blitze zu dieser Zeit

      Das Radar+Blitze-Komposit stellte sich als das aussagekräftigste Tool beim Chasen heraus. Im hochaufgelösten Radar traten durch eine Vielzahl von Gewitterzellen in der Region bald Abschattungseffekte auf. Das Storm-Tracking war natürlich aufgrund der nicht vorhandenen Zuggeschwindigkeit unbrauchbar.

      Während sich vom Westhimmel aus lediglich einige Cirren über mir ausbreiteten, standen im Osten nun tatsächlich waschechte Cbs, deren Konturen jedoch nur zu Beginn klar erkennbar waren. Außerdem entwickelte sich über dem Westen von Leipzig ein einsamer Cu con, den ich aber zurückließ. Fallstreifen deuteten bereits an, dass er sich in der Übergangsphase zum Cb befand.

      Da mein ursprünglich anvisierter Aussichtspunkt bereits von einer Neuentwicklung vereinnahmt wurde, hielt ich direkt nahe der A14 an der Abfahrt Grimma. Bereits auf der Fahrt fiel der überaus dunkle Niederschlagskern auf, in dem Thor beständig Blitze gen Erdboden schleuderte. Im Radarbild von 19 Uhr zeigte sich, dass die Zelle bei Trebsen zu einem Multizellencluster gehörte, deren stärkster Teil die Region um Riesa heimsuchte und der später auch Unwetter in Döbeln brachte.

      > Radar + Blitze 19 Uhr

      An meinem Standort konnte ich beständigen Outflow wahrnehmen. Über mir zeigten sich turbulente Strukturen, die in Ansätzen ein Whales Mouth zeigen:



      Auch solche kreisrunden Formationen gehören bei Gewitterzellen in gradientschwachen Umgebungen zum Programm:





      Diese haben jedoch nichts mit persistenten, rotierenden Aufwinden gemeinsam. Es handelt sich lediglich um Turbulenzen unter dem Abwind . Die helleren Stellen deuten auf kalte Abwinde hin, die zur Wolkenauflösung beitragen.

      Ein Blick nach Westen offenbart die Cb-Entwicklungen bei Leipzig und Eilenburg:



      Die "Hot Towers" des Gewitterkomplexes bei Riesa und Eilenburg wiesen übrigens Temperaturen von -66/-67°C an der Wolkenobergrenze auf, was für außergewöhnlich kräftige Aufwinde spricht!

      Mir war zunächst etwas mulmig bei dem Gedanken, in den ungewöhnlich dunklen Niederschlagskern bei Trebsen zu fahren, entschied mich dann aber doch dafür, da zumindest nichts für Hagel sprach. Bereits wenige hundert Meter von meinem Standort entfernt, wo ich mindestens 15 Minuten bei kräftigem Outflow im Trockenen stand, begann der Platzregen. In Trebsen selbst sorgte ein ausgewachsenes Unwetter für Überflutungen und Schlamm auf den Straßen. Es drückte die Gullideckel hoch, da die Kanalisation kein Wasser mehr aufnehmen konnte:

      lvz.de/Region/Grimma/Sturzbach-nach-Unwetter-ueber-Trebsen

      Ich fuhr im Slalom um die Geysire auf den Straßen. Hinter Trebsen wüteten auf offener Fläche noch stärkere Outflow-Böen und abgerissene Äste zierten die Landstraße. Da mir die Lage zu unübersichtlich wurde, sammelte ich mich kurz und entschied dann das weitere Vorgehen. In Mitten des Multizellen-Clusters stand praktisch in jeder Richtung eine dunkle Niederschlagswand, aus der Blitze zuckten. Auf dem Radar besonders auffällig war die Eilenburger Zelle. Back Building würde hier in Richtung Leipzig stattfinden. Ich entschied mich also für den klassischen Rückweg über die A14.

      Wie zum Beweis der Ortsfestigkeit der Gewitter passierte ich meinen ersten Standort erneut und der Regen wurde schlagartig weniger. Wieder auf der Autobahn hatte ich meine trockene Fahrbahn zurück. Nur der Outflow war weiter vorangekommen, was an der Temperaturentwicklung festzustellen war. Während der Fahrt konnte man bereits anhand der Himmelsfarbe und des Geflackers feststellen, wo sich die Eilenburger Zelle befand. Abermals hatte ich dieses mulmige Gefühl, je näher ich dem Niederschlag kam. Es war sogar noch etwas stärker ausgeprägt als bei der Trebsener Zelle. Tiefe Urinstinkte in mir sprangen dabei an. Das hatte ich zuletzt nur am 19.05.2017 erlebt, damals zu Recht.

      > Radar + Blitze, 20 Uhr

      Mit meiner Vermutung eines weiteren Anbaus in Richtung Leipzig lag ich grundsätzlich nicht verkehrt. Vor der Stadt stand nun eine ganze Linie Cbs, die kräftigste Neuentwicklung gab es jedoch bei Naunhof. Hier lichtete ich noch einmal die Stimmung ab, bevor ich den frischen Kern durchfuhr:



      Auch hier zuckten Erdblitze ohne Ende, die Donnerschläge offenbarten viele Kiloampere. :grins

      Die Fahrt durch den Starkregen dauerte einige Zeit und es hatte bereits Unfälle gegeben. Mit Einbruch der Dunkelheit verwandelte sich der Multizellencluster dann zunehmend in ein gewittriges Regengebiet, welches ich über Landstraßen noch ein wenig nach Westen begleitete. Meine Hoffnung, noch einige Blitze von einem trockenen Standpunkt aus im Dunkeln zu fotografieren, erfüllte sich indes nicht. Zu schnell versiegte die elektrische Aktivität nach Sonnenuntergang. Zurück in Markkleeberg regnete es aber bis in die Nacht hinein weiter, wodurch ich mehrfach ein wohliges "Aaaah!" und "Ooooh!" ausstieß, bevor ich zufrieden einen erholsamen Schlaf fand.


      Reflexion des Chasings / generelle Tipps bei gradientschwachen Lagen:

      - Nur ca. eine von fünf angekündigten Gewitterlagen bei gradientschwacher Strömung tritt in der Leipziger Tieflandsbucht am Ende ein. Beim Rapid HD ist nur der letzte Lauf relevant und der kann alles vorher Dagewesene wieder umwerfen, meist zum Nachteil für die Trockenheitsgeplagten. Letztendlich war für Nordsachsen auch diesmal im Rapid nichts gerechnet. Eigentlich sollte es ein wenig südlicher kommen.

      - Für eine Lage im breiten Flachland braucht es bei Sumpflagen am besten mehrere Trigger und besonders gute Voraussetzungen, damit es klappt. Mit zwei Outflow Boundaries und einer von Süden her erneut angefeuchteten, aber nicht zu sehr abgekühlten und sehr labilen Luftmasse war das aber möglich. Besonders günstig ist es, wenn man im Back-Building-Bereich eines Multizellen-Clusters liegt.

      - Man darf getrost auch mal länger abwarten, um zu schauen, was passiert. Die Gewitter laufen nicht weg. Oftmals bin ich etwas zu wild zum nächsten Standort gefahren und fragte mich dann, was ich jetzt eigentlich damit erreichen wollte.

      - Damit in Verbindung stehend sollte man sich zuvor Ziele setzen, was man sehen möchte. Man hat nicht viele Optionen. Direkt am Rand des Niederschlags hat man manchmal ganz nette Turbulenzen, die aber sehr chaotisch den Himmel schmücken. Von der Ferne kann man manchmal der Cb-Entwicklung zuschauen. Im Kern kann man am besten Schäden dokumentieren. Um alles gleichzeitig zu sehen ist meist die Lebensdauer der Zelle zu kurz. Oder man erwischt mehrere Zellen und entscheidet sich bei jeder für etwas anderes.

      - Chasen ist auch deshalb schwer, da nicht klar ist, wo es die nächste starke Entwicklung geben wird (wenn es überhaupt noch eine weitere gibt). Da ist das Bauchgefühl dann wichtig. Das beste Anzeichen ist eine dunkler werdende Basis . Dann steckt meist der Cb darüber, auch wenn dieser nicht direkt sichtbar ist.

      - Das Bauchgefühl kommt auch zum Tragen, wenn man einer stationären Wasserbombe in Form eines Cbs gegenübersteht. Oftmals wirkt der Kern extrem dunkel und die Alarmglocken gehen an. Solange kein Hagel dabei ist und man vorsichtig ist, was Senken anbelangt, sollte es aber kein Problem darstellen, ins Innere zu fahren und zu berichten.

      - Action-Cam ist von Vorteil. Das Chasing lebt dann mehr von den Erlebnissen im zeitlichen Ablauf, als von außergewöhnlichen Fotos.

      - Es rotiert immer mal was. Hier handelt es sich dann aber um Outflow-getriggerte Turbulenzen, die eher kurzlebig daherkommen.

      - Bekannte Chasing-Points sollten bei diesen Lagen dichter aneinander liegen. Wo sonst die Abstände aufgrund der Höhenströmung kompensiert werden, kann es hier sein, dass ein CP bereits im Niederschlag und der andere zu weit weg liegt. Daran ändert sich dann auch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag nichts mehr.


      Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit! Wenn ihr bei der Murmeltier-Lage zuletzt weitere interessante Beobachtungen und Erkenntnisse hattet, schreibt es gern unter den Beitrag.

      Grüße Chris
      Meilensteine:
      - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
      - TSC-Mitglied seit 2007, aktiver Chaser seit 2010
      - eigenes Portal seit 2017: faszination-sturmjagd.de