29.05.2018 I Thür. Becken I Multizellen mit vielen Erdblitzen

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    • 29.05.2018 I Thür. Becken I Multizellen mit vielen Erdblitzen

      Luftmassengewitter bei wenig Höhenströmung zu jagen ist nervenaufreibend und wird schnell mal kostenintensiv. Klar, man könnte sich auch selber zwingen an einem Punkt zu bleiben egal was passiert. Aber das ist längst nicht so einfach wie geschrieben. An diesem Tag sollte die Jagd nach ähnlichem Frust noch aufgehen, mit nicht weniger Nervenkitzel obendrein.



      Es war eine dieser Jagden wo man im Konflikt mit sich selbst ist: Fahre ich jetzt nochmal weiter? Ok, noch ein Stück, aber mehr dann nicht. Aber eigentlich sieht es doch gut aus. So in etwa lautete die Entscheidungsfreudigkeit an diesem Dienstagabend.
      Die Problematik der Luftmassengewitter-Chasings hat Chris bereits in seinem Seminar aufgezeigt. Und auch vergangene ähnliche Lagen fielen gern mal frustrierend aus: Viele Kilometer für wenig Struktur.

      Organisieren sich Luftmassengewitter allerdings an einer Konvergenz , können diese Lagen strukturell noch erfolgreich zu jagen sein. Und dann kommt eben doch eine gewisse Verlagerungsgeschwindigkeit hinzu. Der Weg führte aber erst einmal nach Osten, den sich entwickelnden Zellen aus dem Vogtland entgegen. In Gera angekommen aber eher Ernüchterung: Es war eine dieser üblichen pulsierenden Zellen ohne Struktur und kurzer Lebensdauer.

      Also ging es erstmal wieder zurück Richtung Weimar, begleitet von einer neuen Zelle, die aus dem Saale-Orla-Kreis kommend sich über dem Süden Jena's verstärkte. Marco sah diese von Eisenberg aus, dort gutaussehend war es direkt darunter bei mir wenig ansehnlich. Aber sie zog mit leichter Verlagerung nach WNW weiter. Kann man ja mitnehmen.

      Ein schönes Beispiel dafür, wie man durch Radar und Blitzortung hier in die Irre geführt werden kann, zu dem was man vielleicht erwartet.

      So sieht es auf dem Radar aus: Gewitter-Radar 19:35 Uhr

      So vor Ort:


      Hätte man sich anders vorgestellt, oder?

      Dann sollte eigentlich an der AS Nohra Schluss sein, doch visuell wurde der TCU nun besser und mächtiger. Inzwischen löste es auch bei Eisenach aus. Das sollte der entscheidende Moment sein, der in den Modellen berechnet wurde. Jetzt nur noch das Gewissen dazu bringen auf die Autobahn nach Eisenach zu fahren und nicht nach Hause.

      Einmal Luft holen, ach was soll’s, auf nach Westen. Neue Zellen bildeten sich auch bei Tabarz und Richtung Mühlhausen. Während der Autobahnfahrt schöne Erdblitze der Zellen bei Eisenach. Am ersten Beobachtungspunkt bei Sättelstädt war damit dann Schluss. Der Frust kam kurz hoch, aber von hier ist Mühlhausen auch nicht mehr weit...

      Kurzer Zwischenstopp, noch ohne Erfolg:


      Über Behringen ging es näher ran und jetzt sollte es klappen: Dank kartierter Beobachtungspunkte waren gute Beobachtungsplätze schnell zu finden. Am Wanderparkplatz Craula hat man einen guten Blick nach Norden. Hier entstanden die ersten Blitzbilder.

      Blick auf die Rückseite mit neuer Entwicklung, zu sehen am Cumulus:








      Die Zellen über UH bildeten sich entlang der Konvergenz und zogen mäßig schnell nach WNW. Ich wurde durch eine weitere nachrückende Zelle aus Richtung Gotha inzwischen nass. Erneute Verlagerung nach Bad Langensalza. Weitere Zellen bildeten sich in Richtung Erfurt, die Multizellen nach WNW zogen ab. Ich stand genau zwischen diesen Bereichen im trockenen.

      Um mich herum ein Blitzspektakel mit guter Blitzrate, viel Erdblitze dabei. Von Erfurt aus kam diese Zelle in meine Richtung. Auch hier ausschließlich Erdblitze:




      Ich fuhr etwas näher ran, mittlerweile wurde es dunkel. Und man wurde schon von jungen Cumuli über einem betröpfelt. Auch ein typisches Merkmal dieser Luftmassengewitterlagen, welches ich schon öfter beobachtet habe.

      Auf einem Wirtschaftsweg stand ich weiter zwischen den Fronten. Man konnte im Südosten die nächste Neubildung erkennen. Die könnte mich direkt treffen. Mal im Auge behalten. Merke: Das erste Flackern in der Wolke ist die Vorwarnung. Bei der nächsten sollte man abbauen und neu positionieren. Dann erreicht die Zelle bald ihr Reifestadium und auch die elektrische Aktivität nimmt immer mehr zu.

      Langzeitbelichtung macht durch die Blitze die Nacht zum Tag:


      Als ich eingepackt hatte und im Auto saß, fehlte der Autoschlüssel. Tief in die Taschen greifen half auch nichts. Er war auch nicht auf den Sitz, in den Fußraum oder anderswo hingefallen. Inzwischen feuerte die neue Zelle „planmäßig“ die ersten Erdblitze ins Feld. Ich stieg mit Taschenlampe aus und suchte den Bereich um das Auto ab. Woanders war ich nicht. Im Gras oder Graben konnte er nicht sein. Mehrmals gab es Naheinschläge im Feld nebenan. Jeder, der schon mal nahe Einschläge bei Dunkelheit erlebt hat, weiß, wie hell, laut und angsteinflößend das ist. Der Schlüssel war nicht zu finden und es war längst nicht sicher hier draußen. Und plötzlich saß man wieder drin und griff nochmal in die Hosentasche. Der Schlüssel ist doch da!!! Er war so doof im Taschenfutter, dass ich ihn beim ersten Mal nicht fühlte. Puh.



      Ich fuhr erstmal ein Stück zurück in Richtung Craula um den nahen Blitzen und dem Regen zu entkommen. Dann wieder zurück nach Bad Langensalza um mich neu zu positionieren. In der Stadt kam ich kurz in den Randbereich des Kerns mit ergiebigem Starkregen.

      Ich fuhr den Zellen Richtung Erfurt entgegen. Kurz vor Gräfentonna konnte man im Wetterleuchten eine Böenwalze ausmachen. Also doch Struktur! An einer betonierten Feldeinfahrt hielt ich an. Beim aussteigen: Patsch! Der Schuh versinkt im schmierigen Schlamm. Der zweite auch. Viel Zeit wird nicht sein, also Stativ raus, Kamera drauf und ab:

      Die beste Aufnahme des Tages leider auch verwackelt und etwas unscharf. Gehört dann aben auch dazu...






      Und weil es so schön ist: Wieder zurück nach Bad Langensalza! Nun konnte es nicht genug sein. Bei Schönstedt hielt ich zum letzten Mal auf einer Erhebung und beobachtete die abziehenden Zellen nach Nordwesten. Die Blitze nun zunehmend im Niederschlag, aber etliche Erdblitze nach wie vor, inzwischen auch in Kombi mit Wolkenblitzen:




      Das war es dann hier aber wirklich für heute. Genug Nervenkitzel, genug Sprit, Zeit, Auto schmutzig, Schuhe schmutzig und doch zufrieden. Luftmassengewitter können doch so aufregend sein.

      Markus
      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (Qualitätslevel QC1) (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
      Weitere Mitgliedschaften: Arbeitskreis Meteore e.V. • Cloud Appreciation Society