[01.-03.02. Österreich/Norditalien] Starker Schneefall, Lawinen, Vollsperrung Brennerpass

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    • [01.-03.02. Österreich/Norditalien] Starker Schneefall, Lawinen, Vollsperrung Brennerpass

      :winken

      Hallo zusammen! Ich war ab Ende Januar jetzt ca. eine Woche zum Skifahren in Italien. Anfangs wollte ich eigentlich nur ein paar nette Fotos in den Off-Topic Bereich packen. Nachdem aber mit dem Wechsel zum Februar eine Stauwetterlage an den südlichen Alpen für etwas Chaos sorgte, dachte ich mir doch eher erstmal einen kurzen, regional bezogenen Bericht zu dem Thema zu schreiben. Sicherlich bezieht sich das Ganze nur teilweise auf Deutschland, die mit dem Wetter verbundene Situation ist aber dennoch recht brisant. An dieser Stelle also eine genauere Schilderung der Lage inkl. Ablauf, meinem Eindruck sowie Erfahrungen mit dem Thema. Eventuell ist es ja auch ganz hilfreich sollte man selbst einmal in einer ähnlichen Lage sein. Die Abfahrt am Sonntag (03.02.) vermied zwar das ewige Feststecken auf dem Brenner, trotzdem dauerte die Rückfahrt aufgrund der Wetterlage knapp 14h, das entsprach in etwa dem Doppelten des Hinwegs. Dazu trug nach Verlassen Italiens/Österreichs auch erheblich das schlechte Wetter in Teilen Süddeutschlands bei. Die A8 zwischen München / Ulm war über einen großen Bereich vollständig vereist, die letzten 30km dort dauerten aufgrund eines vorhergehenden Unfalls / stockendem Verkehr eine ganze Stunde. Auch die A9 von München bis Nürnberg war wohl auf lange Strecken verschneit. Aber nun zum eigentlichen Thema:

      Möglicherweise haben es einige in den letzten paar Tagen über die Nachrichten mitbekommen, vom 01.03. bis 03.03. hatte eine Staulage das Wetter in der Alpenregion fest im Griff. Wenn auch nicht so ausgeprägt wie die Nordstaulage zu Beginn des Winters in den oberen Alpenregionen, so hatte diese Wetterlage einen doch nicht unerheblichen, kurzzeitigen Einfluss auf die lokale Infrastruktur.

      Ausgangssituation:
      Ab dem 31.01. sorgte eine vom Atlantik kommende Tiefdruckzone verbreitet für schlechtes Wetter über Westeuropa. Angefangen in Frankreich waren im späteren Verlauf auch der Norden sowie die Mitte Italiens, Österreich und West-/Süddeutschland von der durchlaufenden Front betroffen. Die für Südtirol erwarteten Neuschneemengen erreichten in den üblichen Modellen (HD, SHD und bergfex) über den ganzen Zeitraum betrachtet recht beachtliche 50-60cm. Wie sich später herausstellte war das jedoch noch ein gutes Stück unter dem realen Wert. Die Temperatur in der Region (als Beispiel hier Alta Badia) stieg unter der Wolkendecke von -10 bis -12°C auf ca. -1 bis -3°C.

      Gegen 19/20 Uhr am Donnerstag den 31.01. begann in der Lombardei, Trentino-Südtirol sowie etwas später auch in nördlichen Venetien zunehmend starker Schneefall einzusetzen. Räumfahrzeuge, Schneefräsen etc. waren am folgenden Freitag im Dauereinsatz um die Straßen und Wege halbwegs frei zu halten. Aufgrund der Nähe zum Gefrierpunkt war der fallende Schnee sehr nass und schwer.

      -> Der Samstag begann vermutlich für Viele mit einem Knall, wie sich später herausstellte waren Helikopter in den Region im Einsatz um mittels Knallgas gezielt erste Lawinen auszulösen.

      Der Schneefall beruhigte sich am Samstagvormittag etwas, die angekündigten 50-60cm waren jedoch bereits erreicht. Was über Nacht passiert war wurde jetzt immer breiter über Ankündigungen in den lokalen / sozialen Medien sowie den Webplattformen der Verkehrsbetriebe sichtbar. Der starke Schneefall, in Verbindung mit den recht "warmen" Temperaturen, sorgte sofort für eine Sperre aller bedeutenden Gebirgspässe in der Region. Es entstand dadurch keine direkte Notlage, eine Lawine auf beide Zugangsstraßen hätte die Orte um das Sellamassiv jedoch von der Straßenanbindung abgeschnitten. (Interessant daran war, das eine mögliche Sperre der nördlichen Verbindungsstraße einen enormen Umweg für den Straßenverkehr (v. a. Reiseverkehr Richtung Norden) bedeutet hätte. Der auf den angehängten Karten nicht sichtbare Fernpass inkl. Lermooser Tunnel im Nordwesten war durch die später folgende Sperrung des Brenners am Samstag/Sonntag erheblich überlastet. Die letzte effektive Option wäre dann eine Fahrt nach Osten Richtung Salzburg gewesen.)


      Quelle: Avalanche Report avalanche.report/albina-web/bulletin/latest?lang=en

      Drastischer waren die Auswirkungen jedoch auf Teilen des Brennerpasses. Eine Kette von unglücklichen Umständen sorgte hier für eine Vollsperrung der Nord und Südspur. Zusätzlich hatte eine Lawine die Autobahn selbst sowie die neben der Brennerautobahn verlaufende Staatsstraße (SS12) bei Gossensaß zu Teilen verschüttet.

      Erste Berichte über stockenden Verkehr / Stau auf der Brennerautobahn (A22/A13) gab es am frühen Morgen des 02.02.. Gegen 3:00 Uhr wurde ein Befahren wohl immer schwieriger, währenddessen versuchten die Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei etc. die Südspur vom weiterhin aus Österreich eintreffenden Verkehr auf Höhe Sterzing zu entlasten. Ebenfalls ab Sterzing war ein Befahren der Nordspur hingegen bereits nicht mehr möglich da die Fahrbahn zu großen Teilen durch Schnee und stehende Fahrzeuge blockiert war. Ab 10 Uhr wurde die Autobahn dann in Nord sowie Südrichtung gesperrt. Richtung Norden steckten viele Fahrzeuge im Schnee fest, auf der Südspur war ein LKW umgekippt. Die A22 (italienische Seite des Brenners) wurde ab jetzt offiziell vollständig gesperrt.

      Dem Reiseverkehr wurde empfohlen die Abfahrt aus der Region über eine andere Route zu planen oder mindestens bis 14 Uhr zu verzögern und sich vor Fahrtbeginn bei der Verkehrsmeldezentrale zu informieren. Gegen 15 Uhr wurde dann eine Zivilschutzmeldung herausgegeben, die das nochmals bekräftigte.

      Erst gegen 23:00 Uhr wurde der Brenner teilweise wieder geöffnet, dabei waren Nord und Südstrecke weiterhin nur einspurig und mit größeren Behinderungen zu befahren. Ein Teil der LKW und PKW standen mitunter 12h+ auf der Autobahn im Stau. Obwohl diverse Helfer vor Ort waren, gibt Meldungen über Personen die während der gesamten Zeit keine Versorgung durch Hilfskräfte erhalten haben. Insgesamt wirkte die Handhabung der Situation etwas ungeordnet, was vermutlich auch der Komplexität des Einsatzes geschuldet war. Ernsthafte medizinische Notfälle blieben zum Glück aber aus. Die parallel verlaufende SS12 wurde wegen der anhaltenden Räumarbeiten erst am Sonntagmittag wieder geöffnet. Auch am Sonntag dauerten die Arbeiten auf beiden Straßen noch an, der Verkehr lief auf großen Teilen der A22 weiterhin einspurig, daher war selbst gegen 12 Uhr noch ein erheblicher Rückstau in die Täler vorhanden. Erschwerend kam hinzu das in der Nacht von Samstag auf Sonntag nochmal etwa 10-20cm Schnee fielen.

      Um zu verdeutlichen mit welcher Geschwindigkeit die Erreichbarkeit der Region eingeschränkt wurde hier zwei Karten:

      Überblick:

      Quelle Basiskarte: opentopomaps.org

      Details für Sellaregion, sämtliche verzeichneten Passstraßen bis auf den Falzarego-Pass sind auch aktuell nicht befahrbar.

      Quelle Basiskarte: opentopomaps.org

      Neben den widrigen Wetterbedingungen gab es mehrere Faktoren die eine derartige Sperrung begünstigten, darunter:

      -> Die Wochenendsperre für LKW ab Samstag 07:00 Uhr führte zu einem großen Aufkommen von Schwerverkehr, der den Brenner noch unter allen Umständen in der Nacht von Freitag auf Samstag überqueren wollte.
      -> Der übliche Urlauberwechsel am Samstag sorgte zusätzlich für eine größere Belastung durch PKW.
      -> Eine Sperrung der Zufahrten (effektiv z.B. Mautstellen) blieb anscheinend trotz Warnung aus, das führte zu einem ungebremsten Anstauen von Fahrzeugen auf der Nordspur.
      -> Fehlende Winterausrüstung bei PKW und LKW sorgten für einige Unfälle und das Liegenbleiben diverser Fahrzeuge auf der verschneiten Strecke.

      Lösungsansätze wären eine allgemein bessere Informationspolitik, bis auf wenige Meldungen von offizieller Seite war die Lage weder für Außenstehende noch direkt betroffene Personen klar zu erkennen. Ein LKW Verbot am Wochenende ist eine gute Sache solang dadurch keine großen, unkontrollierten Stauwellen entstehen. Aktivere Verkehrsleitung und Sperren sowie das Anbieten von Ausweichrouten hätten vor allem mit Rücksicht auf die Wetterlage stark befahrene Strecken erheblich entlasten können.

      Dazu noch ein paar Eindrücke (Die Qualität der Fotos variiert stark da ich nicht überall Zugriff auf meine Kamera hatte und ein Teil der Aufnahmen einfach Schnappschüsse waren.)

      Donnerstagabend, einsetzender Schneefall:


      Freitagnachmittag/-abend...


      Blick von der SS244 zwischen Badia und Bruneck (Anbindung Nord), hier hat entweder die Schneelast oder eine Lawine einen größeren Teil der Bäume zum Fall gebracht. (Sonntag, 03.02.)


      Auch am Sonntag weiterhin Schlangen stehender LKW:


      Nach Passieren der Grenze / Brenner auf der A12 in Österreich, hier waren die Straßen wieder frei, dennoch kriegt man in etwa ein Gefühl für die Masse an Schnee die hier lag. Eine Woche zuvor war hier quasi kaum Schnee.




      VG, Felix

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    • Dazu noch diverse Beiträge:

      tageszeitung.it/2019/02/03/die-zivilschutz-bilanz/

      mdr.de/nachrichten/vermischtes/schneechaos-brenner-100.html

      tt.com/panorama/verkehr/152926…-kontert-fraechter-kritik

      Einer von diversen Beiträgen auf ORF:

      tvthek.orf.at/profile/ZIB-1700/71284/ZIB-1700/14003194

      Twitter:





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    • WOW! Danke für diesen detaillierten und ausführlichen Bericht!
      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (Qualitätslevel QC1) (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
      Weitere Mitgliedschaften: Arbeitskreis Meteore e.V. • Cloud Appreciation Society