19.09.19 I Abschlussveranstaltung Klimapavillon Jena I "Mit der Natur ist nicht zu verhandeln"

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    • 19.09.19 I Abschlussveranstaltung Klimapavillon Jena I "Mit der Natur ist nicht zu verhandeln"

      Mit der gestrigen Veranstaltung im Klimapavillon Jena schloss dieser nun seine Türen, um nächstes Jahr in Gera und 2021 in Nordhausen Thüringer und andere über die folgen des Klimawandels zu informieren und zahlreiche Lösungsansätze vorzubringen. Mit ein paar Freunden ging ich gestern zu einer letzten Veranstaltung, welche um 17 Uhr mit Live-Musik gemütlich begonnen wurde. Kurz nach 18 Uhr eröffnete Frau Sabine Wosche (Geschäftsführerin der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur) die Abendveranstaltung und übergab das Wort anschließend unserer Ministerin für Energie, Umwelt und Naturschutz, Anja Siegesmund. Mit ihrer Rede zog Frau Siegesmund ein Resumé zu den vergangenen 131 Tagen, unter anderem, dass 22.000 Menschen das Bauwerk besucht haben und dies in der dreijährigen Geschichte des Klimapavillons einen Besucherrekord aufstellt. Heißt also: Das Thema Klima und Klimaschutz dringt zunehmend in das Bewusstsein der Thüringer vor! Zum Ende ihrer Rede übergab die Ministerin den Schlüssel des Pavillons an den Gerarer Oberbürgermeister, welcher sich anschließend bedankte. Unter Ankündigung ging es in eine kurze Pause, ehe der Gast des Abends Prof. Dr. Harald Lesch mit einem Vortrag über die Klimaentwicklung der Erde fortfuhr.



      "Von der Eiszeit zur Heißzeit - Das steckt hinter dem Wort des Jahres 2018"

      So lautete das große Thema des Professors. Herr Lesch begann mit der Erläuterung des Strahlungshaushaltes der Sonne und erklärte, wie einigen bereits bekannt ist, dass im Strahlungsgleichgewicht der Sonne die Erde ohne einer Atmosphäre eine Durchschnittstemperatur von -18°C hätte. Nach Erklärung des natürlichen Treibhauseffektes der Uratmosphäre, also überwiegend durch Methan und Kohlenstoffdioxid kam er auf die Polargebiete zu sprechen und welche Folgen dies für das Weltklima und der Erde hätte. Knapp gesagt: Ohne den Eiskappen gingen der Erde gewaltige Reflektionsflächen verloren, welche durch zusätzliche Absorption ersetzt werden würde. Mitunter würde dies neue Wirtschaftswege, die sogenannte Nordost-Passage bringen, man stelle sich persönlich die Frage: Zu welchem Zweck?
      Der neudeutsche Begriff "Starkregen" zeige eigentlich schon, wie spürbar die Klimaentwicklung uns schon beeinflusst, ebenso die Hitze. So ist bekannt, dass Europa mitunter wieder heftige Hitzewellen durchlebt hat. Den Menschen in Deutschland wurde dies durch neue medienbekannte Hitzerekorde bewusst - zweifelhaft positionierte Messstation hin oder her. Nicht nur Hitzetage haben zugenommen, sondern auch die Hitze in Form der Temperatur(rekorde) habe sich massiv erhöht. So sind in den Schweizer Alpen Temperaturabweichungen zwischen 15 und 20 Kelvin gegenüber dem langjährigen Durchschnitt erfasst worden. Aber auch Starkregen und lokale extreme Niederschlagssummen waren dieses Jahr wieder ein Thema. Wir sahen es zuletzt in Spanien.

      Wir kennen sie, die Karte der Temperaturabweichungen gegenüber dem langjährigen Mittel auf der Welt und auch, dass besonders im arktischen Raum die Temperaturen schon um 2 Kelvin im Durchschnitt zugenommen haben. Die damit verbundene Problematik des auftauenden Permafrosts ist uns ebenso bekannt. Zusammenfassen lässt sich dies unter dem Begriff "Arktischer Klima-Teufelskreis". Durch weltweite Waldbrände, insbesondere Amazonas, Gran Canaria und Sibirien gelangen gewaltige Mengen an Ruß etc. in die Troposphäre und lagern sich auf den Eisflächen ab. Die Oberfläche wird dadurch dunkler, heißt also, der Albedowert (spezifisches Reflektionsvermögen eines Stoffes) fällt ab, sprich die damit verbundene Absorption steigt, was zum schnelleren Abtauen führt. Dadurch schwinden die Eismassen - Die Werte dieses Jahr für die Arktis zeigen: Der Eispanzer war nur einmal seit Messbeginn kleiner als dieses Jahr. Neben dieser Entwicklung im arktischen Raum Russlands setzte Herr Lesch mit einer diesjährigen ungewöhnlichen Hitzewelle in Alaska fort. Der Sommer 2019 war für Alaska der heißeste aller Zeiten - vorerst. Zurückzuführen ist dies auf den abschwächenden Jetstreams. Stabiler Hochdruck sorgte für eine stetige Wärmezufuhr für den nördlichsten Teil der USA. Damit geriet ein weiteres Thema in den Fokus Leschs: Der auftauende Permafrost. Denn durch diese hohen Temperaturen, nicht nur in Alaska steigt die Methanausgasung aufgrund wieder "zum Leben erwachender" Mikroorganismen zunehmend. Damit verbunden: Stabilitätsverlust der auf dem Boden gebauten Häuser und Abrutschen von ganzen Küstenabschnitten. Für das Klima gibt es bestimmte Schalter, welche dieses regulieren: Die Kipppunkte. Dazu zählen nicht nur Permafrostböden, sondern auch die Regenwälder etc. Sind bestimmte Prozesse, wie eben das Auftauen einmal in Gang, lassen sich die damit verbundenen Schäden und die Eigenschaft des Permafrosts allgemein nicht mehr umkehren. Sie sind irreparabel. Diese Kipppunkte können zum einen für den Zusammenbruch der atlantischen thermohalinen Zirkulation sorgen, worin der für Europa wichtige Golfstrom inbegriffen ist und zusätzlich auf dem Pazifik einen dauerhaften El Nino verursachen. Das eine geschieht nicht ohne dem anderen, was einen Dominoeffekt also aufzeigen lässt. Der Mensch hat es für seine Lebensverhältnisse in der Hand: Das Klima stabilisieren oder auf eine schwer händelbare Heißzeit zusteuern. Die Natur wird weiterarbeiten, ob nun der Mensch seine Zutaten mit hingibt oder nicht. So kam es zum Satz des Abends: Mit der Natur ist nicht verhandelbar!



      Mit den rapid sich beschleunigenden Prozessen des Klimawandels werden bestimmte Lebensabläufe zunehmend gestört. So treten neue Allergien auf, die Vegetationsperioden verschieben sich, neue Krankheiten tauchen auf, saisonale setzen früher ein (Frühsommermeningitis). Es zeigt sich: Der Mensch dreht die "Klimauhr zurück". Schon teilweise heute, spätestens 2030 herrscht ein weltweites Klima wie vor etwa 30 Millionen Jahren. Vor 56 Millionen Jahren kam es zu einen kurzen massiven Anstieg der CO2 Emissionen, wobei hier etwa 2 Gigatonnen des Treibhausgases jährlich in die Atmosphäre gelangten. Der Mensch stößt etwa 42 Gigatonnen pro Jahr in die Atmosphäre, sodass der CO2-Anteil in der Luft mittlerweile auf 415 p/mio gestiegen ist. Wenn wir Menschen den Ausstoß ungehindert fortsetzen, steigt dieser Wert irgendwann auf 550 p/mio und, so tritt in den mindestens nächsten 50.000 Jahren keine Eiszeit auf. Diese sind vorwiegend durch astronomische Einflüsse entstanden und so zeigt sich folgende erschreckende Erkenntnis: Der Mensch gleicht astronomische Einflüsse des Weltklimas aus! Die Treibhauswirkung hat sich seit 1990 verdoppelt. Veranschaulicht zeigt sich: Die Temperaturen steigen seit 1980 rapide und gipfelt in immer wieder neuen Rekorden.

      Nach dieser Ausführung in die CO2 - Bilanz setzte Lesch wieder mit der Entwicklung der Eisverteilung fort. Dabei stellte er klar, dass viele Länder, auch Bundesländer in Deutschland das 2°C-Ziel aus dem Pariser Abkommen längst überschritten haben. Die Temperaturentwicklungen bewirken, dass der Eispanzer der Arktis und der Antarktis exponentiell steigend Eis verlieren. Durch geringere Masse der aufliegenden Eisfläche hebt sich der Erdboden und bewirkt ein schnelleres Abströmen des Eises. So sind es besonders an den Küsten Grönlands 280 Gigatonnen Verlust pro Jahr, in der Antarktis 185 Gigatonnen. Dies zeigen die GRACE-Messungen. Der auf langer Sicht damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels könnte bis 2060 1,4 Milliarden Menschen betreffen. Professor Lesch merkte an, dass wir die eigentliche Wirkung des Klimawandels noch nicht in voller Stärke spüren würden, denn die Ozeane speichern 93% der überschüssigen Wärme. Die Atmosphäre und die Kontinente dagegen jeweils rund 2%.

      Mit der Erderwärmung ist auch eine Verschiebung der Klimazonen zu rechnen. So besteht die Möglichkeit, dass die Sahelzone als neue Tropen ergrünt, die Sahara dafür aber in Europa Einzug hält. Die Regionen entlang des Äquators mit 1000 km jeweils Richtung Nord und Süd Ausdehnung werden mit "normalen Temperaturen" von mehr als 42°C unbewohnbar. Die derzeitige Entwicklung stellt schon viel erwähnt klar: Die Polregionen erwärmen sich extrem, der Anrieb für Luftströmungen wie den Jestream fehlt. Dies erzwingt einen gewaltigen Strukturwandel von einer fossilen zu einer nachhaltigen Industriegesellschaft.

      Mit diesen Worten und ein Appell an die Gesellschaft für mehr Klimaschutz beendete Professor Lesch seinen Vrotrag. Applaus und Pfiffe sind das Resultat. Anschließend hielt Herr Lesch ein Live-Interview mit HeutePlus im ZDF:


      Der Abend wurde nun mit weiterer Livemusik zum Ausklang gebracht.



      Die Bilder sind nur mit Handy gemacht, es werden jedoch bald weitere Bilder auf der Webseite der Thega gezeigt.

      Anbei noch die Präsentation vom Professor zur privaten "Nacharbeitung":
      umwelt.thueringen.de/fileadmin…villon2019_Prof_Lesch.pdf

      Das war es nun von mir, euch ein schönes Wochenende :winken

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    • Danke für diesen tollen und ausführlichen Beitrag von dir! Applaus!

      Wenn die ergänzenden Artikel/Paper auf den Websites zur Verfügung stehen, wäre es schön, wenn du die Links noch ergänzt :)
      Gründer und Organisator Thüringer Storm Chaser
      ESSL Voluntary Observer Person (Qualitätslevel QC1) (European Severe Storms Laboratory)
      Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
      Weitere Mitgliedschaften: Arbeitskreis Meteore e.V. • Cloud Appreciation Society
    • Ein Link zum einen Live-Interview nach dem Vortrag sowie der Link zur Präsentation (frei verfügbar) wurden ergänzt. Die Animationen in der Präsentation werden durch das PDF-Format nicht unterstützt/funktionieren nicht

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