Thüringer Storm Chaser [TSC] - ...wenn es um Unwetter geht

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Start Berichte 2008 31.05.2008: Unwetter mit über 100 l/m² Regen in Rudolstadt

31.05.2008: Unwetter mit über 100 l/m² Regen in Rudolstadt

Bericht von Markus Weggässer
Teil 1: Unwetterartige Regenfälle in Rudolstadt (109,4 l/m² in 2h) sorgen für Überschwemmungen und hohen Sachschaden im Stadtgebiet.

Bilder (4): M.Weggässer

"...katastrophal...", "...verheerend...", "...das gibt's einfach nicht..." sind nur einige Stimmen die man am Samstag in Rudolstadt von Anwohnern hörte. Innerhalb von 2h fielen an der Wetterstation von Meteomedia 109,4 l Regen pro, der bislang höchste Wert bundesweit in diesem Jahr. Die Auswirkungen davon waren erschreckend: Der Damm eines Rückhaltebeckens im Stadtteil Volkstedt brach und die Wassermassen ergossen sich über die vierspurige B85/88, die benachbarte ICE - Strecke und sammelten sich bis zur Breitscheidstraße. Aber nicht nur hier, sondern im gesamten Stadtgebiet wurden Straßen und Keller überschwemmt. Die Schwarzburger Chaussee glich am Nachmittag einem großen See.

Entwicklung und Verlauf des Gewitterkomplexes

Um 13:45 Uhr erscheint ein schwaches Niederschlagsecho östlich von Suhl. Bereits eine Stunde später (14:45 Uhr) hat sich eine Zelle mit kleinem, starken Kern entwickelt. In der folgenden Stunde bis 16:00 Uhr entwickelte sich diese Zelle zu einem großen Komplex, wobei der Kern immer größer wurde. Von 16 bis 17:00 Uhr fielen 82,4 l/m² im Stadtgebiet, bis 18:00 Uhr insgesamt 109,4 l/m². Bis 18:00 Uhr sind immer noch starke bis sehr starke Echos im Kreisgebiet zu erkennen.

Erst nach 18:00 Uhr zog der Komplex mit den starken Niederschlagsechos Richtung NNW ab. Nachfolgend fiel noch leichter bis mäßiger Regen bis ca. 20:00 Uhr.  

Gewitterkomplex aus verschiedenen Beobachtungspunkten:

Kamsdorf (SLF)
Aufnahmezeitpunkt: 16:00 Uhr
südöstlich von Rudolstadt
Beobachtungen: Starkregen, Hagelschauer 20 min. lang, Schlossen bis 2cm Durchmesser
 
© (3 Bilder) Brigitte Weggässer

Mellingen (AP)
Aufnahmezeitpunkt: 16:00 Uhr
nordnordöstlich von Rudolstadt
Beobachtungen: Turbulente Strukturen bei Aufzug, starker Regen, kein Hagel

 


Diese Bilder von Joannis Höllein zeigen im oberen Bild eindrucksvoll den Starkniederschlag und die dadurch herabgesetzte Sicht. Auf dem Parkplatz kann man außerdem gut erkennen, wie groß und in welcher Masse die Regentropfen fielen. Wie hier, wurde auch im Stadtteil Volkstedt Hagel beobachtet und fotografiert. Während auf dem rechten Bild die Körner schätzungsweiße einen Durchmesser von 1 - 1,5cm haben, muss es in Volkstedt teilweise noch größere Schlossen gegeben haben, da hier Autos beschädigt wurden (Schäden an Autos treten ab Größen von 3cm aufwärts auf).


© Manfred Kirchner

Manfred Kirchner beobachtete das Schwergewitter von seiner Wohnung aus. Mit der Kamera machte er sich im Auto auf den Weg durch das Stadtgebiet und hielt die Überflutungen fest.

Die "Schremsche" ist das was man sich unter einem kleinen Bach vorstellt: Schmal, im Normalfall knöchelhoch. Beding durch die Regenmengen, die während des Unwetters fielen, flossen die Wassermassen bereits von Zeigerheim kommend, Richtung Tal. Die Schremsche war dabei selbst nicht mehr auszumachen (Berichten zufolge 25m breit). Unten angekommen, etwa in Höhe des Rudolstädter Kauflands, stauten sich die Wassermassen an einem Damm, der das Gewicht nach einiger Zeit nicht mehr halten konnte. Er brach.

Diese Wasserwand ergoss sich binnen weniger Augenblicke auf den Kreuzungsbereich und überschwemmte ca. 20 - 30cm hoch die Bundesstraße, die daneben liegende ICE - Strecke und sammelte sich im Bereich zwischen Zugstrecke und Breitscheidstraße. Die dort liegenden Häuser und Garagenkomplexe wurden völlig überschwemmt.

Diese Karte soll -stark vereinfacht- nochmal den Weg des Wassers deutlich machen. Die blauen Pfeile zeigen den Weg des Wassers an. Dabei muss man bedenken, dass das Gebiet abschüssig ist, das Wasser also Richtung "Tal" fließt. Rot eingekreist ist die Stelle des Dammbruchs und in dem blau schraffierten Bereich das vom Dammbruch betroffene Gebiet, was überschwemmt wurde (darunter Bundesstraße (folg. Bild links und rechts) und ICE - Strecke).


© Joannis Höllein

OTZ / Saalfeld - Rudolstadt
UNWETTER WÜTETEN
Nördlicher Landkreis ist von Starkregen und Hagel besonders betroffen

Von OTZ-Mitarbeitern Rudolstadt. Besonders schlimm erwischt haben die Unwetter am Samstagabend den nördlichen Landkreis. Aber auch ganz Oberwellenborn stand etwa 30 Zentimeter tief unter Wasser.

Um 11 Uhr gab der Deutsche Wetterdienst eine Unwetterwarnung für die gesamte Region heraus, doch der Starkregen mit Hagel und Sturm zog erst gegen drei auf. Etwa 1000 Anrufe, vor allem wegen überfluteter Keller, gingen innerhalb kurzer Zeit in der Zentralen Rettungsleitstelle ein: Dauereinsatz für die Freiwilligen Feuerwehren, über deren Einsätze gestern Abend noch keine genaue Statistik vorlag.

In der Rudolstädter Schremsche brach ein Damm, so dass sich die Wassermassen auf die Bundesstraße und die ICE-Strecke ergossen. Stundenlang kam hier der Verkehr zum Erliegen. Und auch in der Schwarzburger Chaussee stand das Wasser auf der Straße und beeinträchtigte den Fahrzeugverkehr.

Im südöstlichen Landkreis rutschte beispielsweise eine Böschung der B 281 am Abzweig Kleinkamsdorf auf die Straße. Deutlich größer sind die Schäden im Rudolstädter Saalemaxx. In den Katakomben des Bades stand das Wasser beinahe einen Meter hoch und beschädigte große Teile der Technik der Einrichtung. Der Badebetrieb ist seitdem eingestellt. "Wir bemühen uns, am Mittwoch wieder zu öffnen", sagte gestern Geschäftsführer Hans-Joachim Kallis.

In Zeigerheim fielen murmelgroße Hagelkörner in Massen. Sie demolierten Autos und Dächer, vernichteten Pflanzen und ganze Felder, berichtete OTZ-Leserin Rena Müller. Wer versuchte, die B 85/88 zu meiden und über Zeigerheim zu fahren, wurde überrascht: Das ganze Feld hatte sich in einen reißenden 25 Meter breiten Fluss verwandelt, der weiter über die Straße Richtung Schremsche und dann Richtung Kaufland Unmengen von Wasser transportierte.

Derweil bangte man in Bad Blankenburg wegen des Pegelstandes der Rinne. Anwohner versammelten sich aus Angst vor einer Hochwasserwelle auf den Brücken, um den sonst so beschaulichen Bach zu beobachten. "Das Wasser steigt blitzschnell", sagten sie. Bachaufwärts in Watzdorf wurden Sandsäcke gefüllt, um Wasserschäden abzuwenden.

Dramatisch war das Bild in Quittelsdorf: Hier trat die Rinne weit über die Ufer und staute sich bereits an der Brücke, die Richtung Fröbitz führt. Und auch in Rottenbach hieß es nach Überschwemmung der Rinne "Land unter", beispielsweise auf dem Spielplatz des Kindergartens. Hagelkörner bedeckten die B 88.

Ähnlich arg traf es Königsee und Umgebung: Um einen weiteren Rückstau zu verhindern, setzte die Köditzer Feuerwehr Pumpen ein, da durch Treibgut kein Durchlauf an der Rinnebrücke mehr gewährleistet war. In Allendorf war es anfangs noch wenig Wasser, was den Ort aus Richtung Unterhain bedrohte. Doch das änderte sich innerhalb weniger Minuten. Die Fluten hoben die Abwasserkanaldeckel und die Asphaltdecke der Straße. Keller liefen voll.

Interessante Anmerkungen aus Sicht des Hobby-Meteorologen kommen von Eckhard Krüger aus Birkigt. Seiner Auskunft nach hat sich der Mai mit einer Gesamtniederschlagsmenge von 48 Millimetern Regen innerhalb von 80 Minuten verabschiedet. Dies bezeichne man als Starkregen - mit den hier geschilderten Folgen. Die Temperaturen übrigens sanken binnen 30 Minuten von 29 auf 16 Grad Celsius.


Die Schäden am Tag nach dem Unwetter in Volkstedt. Bilder: M.Weggässer

12h - Niederschlagssummen (31.05., 8-20 Uhr) Thüringen:
Datenquelle: Meteomedia / Wetterzentrale Forum

Station Messwert in l/m²
Rudolstadt 112,1
Zeutsch 39,0
Etzleben 27,0
Olbersleben 23,0
Rockendorf 15,0
Weimar - Schöndorf 13,0
Weimar 12,2
Bucha 11,0

Die Einsatzkräfte in Rudolstadt sowie im Landkreis waren durch die Unwetterschäden seit den Nachmittagsstunden gefordert. Feuerwehr und THW hatten so viele Einsatzstellen, dass sie trotz aller verfügbaren Kräfte die Einsatzstellen nicht bewältigen konnten. Im Einsatzstress überschlugen sich am Abend die Ereignisse, als ein Flugzeug an einem bewaldeten Hang nahe Milbitz b. Teichel abstürzte. 3 der 4 Personen wurden bei diesem Unglück getötet, eine weitere schwer verletzt. Der Pilot, der als erfahren galt und Fluglehrer war, flog nach einem Tankstopp in Jena - Schöngleina Richtung Heimatflugplatz Groschwitz. Leider verschätzte sich der Pilot im Landeanflug bei den schwierigen Wetterbedingungen mit der Höhe und berührte eine Baumspitze, wodurch das Flugzeug ins Trudeln geriet und abstürzte.

Ursachenforschung nach dem Flugzeug-Absturz
Pilotenfehler oder technisches Problem
Milbitz/Saalfeld
(OTZ/TS). Nach dem Absturz eines einmotorigen Flugzeuges am Sonnabend bei Milbitz (OTZ berichtete) ging die Ursachensuche gestern weiter. Ob es sich um einen Pilotenfehler oder ein technisches Problem handelte, konnte die Polizei gestern noch nicht sagen. "Sollte es sich auf eine technische Ursache konzentrieren, was noch nicht klar ist, kann es dauern", sagte Polizeisprecher Bernd Satzinger.

Die beiden Überlebenden, ein 72-jähriges Ehepaar aus einem Ort bei Saalfeld, waren gestern noch nicht vernehmungsfähig. Ihr Sohn, der mit seiner Familie und den Eltern zusammen wohnte, und ein weiterer Mann aus einem kleinen Ort nahe Rudolstadt kamen bei dem Unglück ums Leben. Der 68-Jährige, ein erfahrener Flieger, der auch als Fluglehrer tätig gewesen sein soll, saß vermutlich am Steuer der Unglücksmaschine.

Mit der tschechischen Zlin 43, die bei einer Fliegerschule in Rudolstadt gechartert worden war, war das Quartett zur Internationalen Luftfahrtausstellung nach Berlin geflogen. In Jena-Schöngleina war der Pilot zum Tanken zwischengelandet, danach befand sich das Flugzeug auf dem Weg zum Zielflughafen Rudolstadt-Groschwitz. Wenige Kilometer davor, am Berg Gretz bei Milbitz, stürzte die Zlin in den Wald und fing Feuer.

Es ist davon auszugehen, dass nach dem Unwetter vom Nachmittag zum Zeitpunkt des Absturzes schlechte Sichtverhältnisse in dem Gebiet geherrscht haben. Die Rettungskräfte fanden das Wrack im Nebel. Maschinen dieser Größe haben nach Aussagen von Experten üblicherweise keine Navigationsgeräte an Bord, sondern werden "nach Sicht" geflogen.

Die Zlin Z-43 wurde in Tschechien bis 1981 gebaut. Die viersitzige Maschine ist 7,75 Meter lang und bringt es mit 210 PS auf eine Höchstgeschwindigkeit von 235 km/h.


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