07.07.2015 | vorwiegend Mitteldeutschland | QLCS / Superzelle mit Downburstschäden reißt Schneise der Verwüstung durch Deutschland | Chasing + Doku

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • 07.07.2015 | vorwiegend Mitteldeutschland | QLCS / Superzelle mit Downburstschäden reißt Schneise der Verwüstung durch Deutschland | Chasing + Doku

      Hallo zusammen,

      nach dem kleinen Aufwärmtraining mit Marco und Markus am 05.07. (04./05.07.2015 | MDR-Gebiet + Hessen | Superzelle(n) mit Overshooting Top, laminare Böenfront und reichlich Blitze) sollte schon zwei Tage später die nächste Schwergewitterlage anstehen. Nach den Gewittern am Wochenende zuvor stand fest, dass sich die schwülheiße Luftmasse noch einmal aufbäumen sollte. Hinzu kam, dass sich die in den Wettermodellen für schwere Gewitter günstigen Parameter nun über Deutschland und insbesondere auch im mitteldeutschen Raum hervorragend überlappen konnten.

      Am Ende stellte sich heraus, dass wir mit unseren Vermutungen richtig liegen würden. Ich für meinen Teil war sehr dicht an einem der schwersten Unwetter meiner bisherigen Chasingzeit dran. Zwar wurde diese rein optisch betrachtet im selben Juli sogar nochmal getoppt, was jedoch die Schäden anbelangt, stand das Unwetter denen, die beispielsweise am 11.09.2011 auf diesem Breitengrad durchzogen, in praktisch nichts nach.

      Einleitend dazu sei euch der folgende Augenzeugenbericht eines Betroffenen aus Halle/Saale ans Herz gelegt, der die Schäden und die Gefühlszustände bei und nach dem Unwetter eindrucksvoll beschreibt. Die Worte darin bestärken mich, diese Analyse zu schreiben, da offenbar auch in diesen Zeiten immer noch ein berechtigtes Interesse an Aufklärung und Erkenntnisgewinn nach Unwettern diesen Ausmaßes besteht:

      mz-web.de/mitteldeutschland/un…1266,31180604,item,1.html

      Gleichzeitig eignen sich solche Tage im Nachhinein für uns Stormchaser ungemein, um umfassende Studien zu meteorologischen Parametern, zeitlichem Verlauf, genereller Chasingorganisation und Selbstreflektion, sowie zu den aufgetretenen Schäden aufzustellen. Meine Ergebnisse möchte ich euch hier präsentieren, muss jedoch gleich dazu sagen, dass durchaus ein paar Fachbegriffe auftauchen werden und der "fortgeschrittene Chaser" und Wetterexperte sicher mehr Spaß am lesen empfinden wird, als der, der gerade erst damit begonnen hat, sich für die Materie zu interessieren.

      Auf einige fachliche Aspekte werde ich diesmal noch etwas ausführlicher eingehen und somit in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. und der damit verbundenen schnelllebigen, effektheischenden "Berichterstattung" auch einen Beitrag zu dem leisten, was in der heutigen Zeit, nicht nur auf unser Hobby bezogen, am wichtigsten geworden ist: Wissensvermittlung. Dem interessierten Leser kann ich nur das ans Herz legen, was zu meiner Anfangszeit in den Wetterforen noch ganz normal war: Dem natürlichen Instinkt zur Neugier folgen, nach unklaren Begriffen suchen / gooooogeln, seinen Horizont stets aktiv erweitern und im Zweifelsfall immer fleißig nachfragen anstatt zum nächsten, spektakulären Facebook-Bild zu hüpfen, sich die Frage zu stellen: "Wie kriege ich das geilste Gewitterbild hin?", dann mit maßloser Selbstüberschätzung die nächste Pseudo-HP-Superzelle posten, sich mit einer Million Likes zu brüsten und sich innerlich insgeheim zu denken: "Was bin ich eigentlich für eine arme Wurst?"

      Diese satirisch überspitzte Darstellung einiger Zeitgenossen trifft sicher nicht auf die Mehrheit zu, doch Teile dieses auf mangelndem Glauben an die eigene Lernfähigkeit basierenden Gedankenkonstrukts durchziehen unsere Gesellschaft doch
      leider wie eine Seuche. Lange Rede, kurzer Sinn: Wer bis hierhin nicht den Tab im Browser gewechselt, auf die Facebook-Timeline im Smartphone geschaut oder mit dem Kopf auf die Tastatur geknallt ist, hat beste Voraussetzungen, aus dem folgenden Bericht etwas Brauchbares mitzunehmen.

      - - -

      Meine Ausführungen werden sich im Wesentlichen auf eine langlebige Gewitterzelle beziehen, die von Rheinland-Pfalz bis Brandenburg zog und eine Lebensdauer von sage und schreibe sechs Stunden aufwies. Teilweise war diese solo unterwegs, vollzog dabei auch mehrere Zellsplits, teilweise aber auch am Leading Edge (südliches Ende) einer Gewitterlinie eingebettet. Im Bericht werde ich immer wieder zwischen Berichterstattung, meteorologischen Parametern und Schadensanalyse umswitchen, sodass die Chronologie gewahrt bleibt und sich nur die Perspektive auf das Geschehen ändert. Lasst euch also einfach vom Textfluss führen.


      06. Juli 2015, später Abend:

      Nach einer dringend notwendigen, wettertechnischen Pause am Montag, sitzen Markus und ich gemütlich an unseren PCs und schauen staunenden Blickes in die Wetterkarten. In der Folge kommt es zu regem Gedankenaustausch.

      Was war zu sehen?

      GFS, das Vorhersagemodell des amerikanischen Wetterdienstes, behielt seine Linie bei und prognostizierte von Südwesten her einen erneuten, heftigen Heißluftvorstoß in Richtung Mitteldeutschland im Laufe des Tages. Die zuvor eingeflossene, angenehm trockene Luft sollte dabei im Laufe des Tages von Südwesten her wieder durch feucht-heiße und sehr energiereiche Luftmassen ersetzt werden. Die CAPE-Werte sollten dabei zum Teil bis 2.000 oder 2.500 J/kg ansteigen können. Für Mitteldeutschland ist das ungefähr das Maximum des hier Möglichen. Kräftige Aufwinde und damit Hagelbildung sind in solchen Umgebungen sehr wahrscheinlich. Ein Funke reicht bereits, um eine hochreichende Gewitterzelle auszulösen. Gleichzeitig ist aber CAPE von vielen Faktoren abhängig, genaue Prognosen selbst einen Tag zuvor für einen bestimmten Ort sind schwierig. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind zum einen die Temperatur- und Feuchteverhältnisse in Bodennähe, sowie die Temperaturabnahmen (Lapse Rates) mit der Höhe.

      Um die potentielle Unwettergefahr abzuschätzen, ist CAPE eine wichtige Größe, aber bei weitem nicht der einzige Faktor. Für Superzellen benötigt es beispielsweise auch Windscherung, also eine Änderung der Windrichtung und -geschwindigkeit mit der Höhe. Die für Superzellen relevante Scherung wird meist im Bereich zwischen 0 und 6 km gesehen, die sog. Deep Layer Shear (DLS), wobei wir bei Werten ab 20m/s von für Superzellen relevanter Scherung sprechen, genügend Labilität vorausgesetzt. Das Zusammenspiel dieser Faktoren war an diesem Tag gegeben. Besonders auffällig war ein Mid Level Jet in Sturmstärke, was bedeutet, dass theoretisch auch bereits bei gewöhnlichen Gewitterzellen am Boden schwere Sturmböen, bei besonders kräftigen, beschleunigten Abwinden auch Orkanböen (Downbursts) ankommen können. Die Richtungsscherung, die rotierenden Aufwinden nochmals einen Impuls geben könnte, war mäßig ausgeprägt. Bodennah wehte der Wind eher aus S - SW, in der Höhe aus W, was bereits einen leichten Drehimpuls mit sich bringen würde.

      Zudem benötigte es noch einen Hebungsantrieb, der an diesem Tag durch die über uns ziehende Welle und den sich annähernden Trog gegeben sein sollte. Durch das Absinken am Vormittag waren auch die Einstrahlung und die Tageszeit Unwetter begünstigende Faktoren.

      Die Karten waren schließlich Grund genug für Markus und mich, nochmals eindrücklich vor der Lage im Forenthread zu warnen und Empfehlungen zu geben, da die hohen Zuggeschwindigkeiten in Verbindung mit der Hagel- und Sturmgefahr auch für den erfahrenen Stormchaser eine Herausforderung darstellten. Auch Estofex sah für den Tag ein hohes Gefahrenpotential.

      Thread Schwergewitterlage 07.07.2015


      07. Juli 2015, vormittags:

      Nach einem klaren Morgen, der mit Tiefsttemperaturen von meist unter 15°C nochmal zum Durchlüften anregte, heizte sich die Luft sehr schnell auf, was nicht nur an der fast ungehinderten Sonneneinstrahlung, sondern auch an der recht trockenen Luft, sowie der zunehmenden Warmluftadvektion aus Südwesten lag. Die Höchsttemperaturen lagen bei uns entsprechend weit oberhalb der 30°C.



      Quelle: wetterzentrale.de


      Früher Nachmittag:

      Zunächst fiel mir auf, dass zwar die Temperaturen angestiegen waren, die bodennahe Feuchte aber weit hinter den Modellprognosen zurückblieb. Bei solchen Taupunkten würde man schließlich nicht wirklich von schweren Gewittern ausgehen:



      Quelle: wetteronline.de

      Da in den beiden südlichen Bundesländern die Feuchte aber punktuell ganz gut vorhanden war, hoffte ich, dass sich die Entwicklung nur zeitlich etwas verschoben hatte. Auch die Radiosondenaufstiege (Soundings) von Stuttgart und München offenbarten schon den Aufbau von um die 1.700 J/kg ML-CAPE, wovon in Idar-Obenstein noch nichts zu sehen war. Dort konnte man jedoch hingegen bereits den ausgeprägten Mid-Level-Jet sehen (rot markiert):



      Quelle: University of Wyoming, weather.uwyo.edu/upperair/sounding.html

      Im Westen Deutschlands kam zur selben Zeit bereits erste grenzschichtentkoppelte Konvektion durch Hebung zu Stande. Die Feuchte stieg mit den Niederschlägen rasant an. Das war durchaus als Signal zu verstehen, dass in den höheren Schichten noch etwas mehr Wasser schlummerte, was v.a. für Folgeentwicklungen förderlich wäre.

      Gegen 15.30 Uhr fotografierte Markus über Erfurt die ersten Gewittervorboten:

      Thread Schwergewitterlage 07.07.2015

      Auch das war ein wichtiger Hinweis. Die typischen, in Grüppchen angeordneten, türmchenförmigen Altocumulus castellanus (Ac cas) deuteten darauf hin, dass die Labilität in der mittleren Atmosphäre auch bei uns angekommen war. Mit der zusätzlichen Feuchte könnte die Konvektion schnell bodengebunden (surface based) werden.
    • Die spätere Superzelle entwickelt sich zur gleichen Zeit inmitten der Niederschläge bei Gerolstein in Rheinland-Pfalz und erreicht 10 Minuten später zum ersten mal potentiell Hagelträchtigkeit:



      Quelle: niederschlagsradar.de

      Die Zelle schwächt sich daraufhin wieder etwas ab, bleibt aber über eine Stunde bestehen, zieht nach ONO weiter und verstärkt sich dann wieder.


      Später Nachmittag

      Gegen 17 Uhr erreicht die Zelle Hessen und beginnt zum ersten mal leicht nach rechts auszuscheren. Sie wird nun in eine Gewitterlinie ans südliche Ende eingegliedert.



      Quelle: niederschlagsradar.de

      Meine Sorge vom Vortag, dass sich über dem Süden tummelnde Zellen im Norden zuviel Energie durch Absinken klauen, hat sich nicht bestätigt. Dort sind eher vereinzeltere Entwicklungen zu finden.

      Meistens finden Zellen, die am südlichen Ende einer Linie liegen, günstige Entwicklungsbedingungen vor. Dort können sie aus südlichen Richtungen relativ ungehindert Energie ansaugen. Ob die Zelle zu diesem Zeitpunkt bereits persistent rotiert hat, sei mal dahingestellt. Man spricht bei dieser Konstellation in Fachkreisen auch von einem QLCS (quasi linear convective system), also praktisch eine Squall line, an deren Leading Edge aber auch Rotation vorhanden sein kann.

      Derweil bereite ich mich langsam auf ein Chasing vor. Die Verkehrslage wird geprüft, alles sieht gut aus. Nach 18 Uhr sollte der gröbste Feierabendverkehr durch sein.


      Nach 18 Uhr

      Die Zelle erreicht in Hessen den Schwalm-Eder-Kreis. Auf dem Radar ist erneut Verstärkung zu erkennen:



      Quelle: niederschlagsradar.de

      Die ersten Schäden werden aus Melsungen gemeldet. Bäume und Dachziegel fallen. Autofahrer im Wald werden mit brenzligen Situationen konfrontiert.

      hna.de/lokales/melsungen/melsu…hr-verlassen-5216126.html

      hna.de/lokales/fritzlar-homber…m-eder-kreis-5213744.html

      Stationen in Hessen melden schwere Sturmböen oder sogar orkanartige Böen.



      Quelle: wetteronline.de

      Ich analysiere die Situation, ein weiteres Ausscheren am Südende erscheint wahrscheinlich. Aktuell zieht die Zelle genau auf Sondershausen zu. Entsprechend warne ich meine Eltern, die bei dem tollen Wetter erwartungsgemäß im Garten rumwerkeln und schicke sie nach Hause. Eine Warnung, die angesichts der Schäden im Sondershäuser Schlosspark durchaus angebracht war.

      Doch zunächst überrollt die unverändert starke Zelle Eschwege, bringt dort ebenfalls orkanartige Böen mit sich, und erreicht gegen 18.45 Uhr das Eichsfeld in Thüringen.

      An dieser Stelle schließt sich der lesenswerte Bericht von Jonas und Peter an, die diese und eine nachfolgende Zelle dokumentierten.

      07.07.2015 | Unwetter Nordthüringen

      Auch wird hier anhand der Ausführungen der beiden nochmal klar, wie schwierig die Lage auch für uns Chaser war, um halbwegs sicher zu sein.

      Jonas schrieb:

      Leider holte mich die Zelle wirklich sehr sehr schnell ein und ich fuhr abermals nach Osten. Gleichzeit machte sich mein Tankleuchte bemerkbar und wollte mehr Sprit im Tank. Es bliebt mir sozusagen nichts anderes übrig als mich in Werther von dem Unwetter überrollen zu lassen.


      Peter schrieb:

      Auf dem Weg über die B80 holte mich die Front natürlich erstmals ein. Auf der Autobahn schaffte ich es grade so unter die Fraktuskanten der Walze. Im selben Moment der Abfahrt Breitenworbis (ich musste dort Tanken, sonst wäre ich bis nach Werther zu Jonas durchgefahren) war meine Flucht vergebens. Der Core hatte mich und andere Verkehrsteilnehmer buchstäblich verschlungen. Ich brauchte dringend Schutz. Alle hatten ja gewarnt, dass es heftig und gefährlich im Kern wird. Das nahm ich beim Wort und hielt direkt unter der Autobahnunterführung. Ein weiterfahren war nicht möglich da am Straßenrand große Pappeln standen, wo auch die ein oder andere direkt auf die Straße viel und auch nur ganz knapp ein anderes Auto verfehlten. In dem Moment, wurde mir klar gemacht, dass man die Gefahr nicht zu unterschätzen hat.


      In Worbis, Teistungen und Berlingerode kam es erneut zu Schäden, v.a. umknickende Bäume.

      tlz.de/web/zgt/leben/blaulicht…m-Dauereinsatz-1610942111

      Gegen 18.30 Uhr breche auch ich auf. Die Zuggeschwindigkeit und diebisherige Lebensdauer der Zelle veranlassen mich, frühzeitig genug Stellung zu beziehen.

      Bei meinen Chasings von Leipzig/Markkleeberg aus nach Westen stehe ich - in Verbindung mit einer Südwestlage - häufiger vor der Wahl, ob ich die A14 nach Norden fahre, um die Zellen abzufangen oder ob ich auf Ausscherendes an der A38 spekuliere. Nachdem ich letztes Jahr im August bereits einen Flop erlebt hatte, da nichts ausgeschert ist und ich über Halle nicht schnell genug nach Norden kam, versuchte ich am 12.5. die umgekehrte Variante, ging auf Nummer sicher und fuhr die A14, dann die A9 weiter nach Dessau um ein paar mehr oder weniger interessante Zellen zu beobachten. Die Superzelle, die Andreas fotografierte und dann die A38 entlang weiterzog, verpasste ich dabei jedoch.

      Am 7.7. war nun Gelegenheit, diese Entscheidung erneut zu fällen und es diesmal richtig zu machen. Kurzum: Das bereits deutlich sichtbare Ausscheren veranlasste mich zur goldrichtigen Entscheidung, die A38 weiterzufahren.

      Der Himmel über mir sah überraschenderweise überhaupt nicht nach Gewittern aus. Abgesehen von ein paar Cirren war es klar. Labilitätsgewölk war nicht zu sehen, doch es war sehr heiß. Je weiter ich nach Westen kam, desto dichter wurde der Cirrus und ging schon bald in Altostratus über. Schließlich fuhr ich sogar durch leichten Regen. Keine Spur von interessanten Strukturen.


      Nach 19 Uhr

      Unwetter wüten in Sondershausen und Nordhausen. Die Zelle verwüstete gegen 19.15 Uhr u.a. zum Teil den Sondershäuser Schlosspark.

      Thread Schwergewitterlage 07.07.2015

      Zu diesem Zeitpunkt ist zum ersten mal ein kleines Hakenecho am südlichen Ende zu erkennen.

      kachelmannwetter.com/de/regenr…kreis/20150707-1715z.html

      10 Minuten später erreicht die Zelle Kelbra, wo es zum ersten Zellsplit kommt. Hier reißt der Sturm einen Wohnwagen um. Es gibt 2 Verletzte. In Berga blockieren umgestürzte Bäume die Gleise.

      mz-web.de/sangerhausen/unwette…hr,20641084,31169204.html



      Quelle: niederschlagsradar.de

      Im Radarbild erkennt man neben der Zelle auch das vorauseilende kleine Regengebiet (gelb), welches ich durchfuhr. Es handelte sich jedoch nicht um typische Outflowstrukturen. Eine mögliche Ursache könnte eine Art Dryline sein, da die Luftfeuchte hinter dem Regen sprunghaft anstieg, was an der Schwüle deutlich zu bemerken war. Gegen 19.30 Uhr suchte ich bei Querfurt in der Nähe zur Autobahn einen Standort und wurde bei Obhausen auch schon fündig. Nach dem Regenband hatte es aufgeklart, der Himmel blieb aber leicht milchig. Am Horizont zeigte sich nun unvermittelt der sich abspaltende Rightmover. Mein Herz schlug schneller.
    • Nach einer theoretischen Auffrischung über Superzellen, deren Aufbau und den darin ablaufenden Prozessen im Frühjahr, hätte ich nie geglaubt, dieses Wissen schon so bald für mich praktisch nutzen zu können. Die neuen Erkenntnisse bezogen sich vor allem auf die Bedeutung des RFD und dem damit verbundenen, sichtbaren Clear Slot für die Superzellenbeobachtung, an dessen Nordende zyklonale Rotation und damit im Zusammenspiel mit dem FFD Tornadogenese möglich ist, am Südende findet sich analog entsprechend antizyklonale Rotation. Grundlage hierfür sollte das interessante Video von Skip Talbot diesbezüglich werden:

      youtube.com/watch?v=bq0-QXXtOro

      Das erste Bild, welches an meinem Chasingpoint entstand, zeigt noch etwas abziehendes mittelhohes Gewölk über mir, den Cb-Körper samt regenfreier Basis, ein paar Fallstreifen in der Ferne und nicht genau zu definierende Absenkungen. Bereits der geneigte Aufwindturm und die Flanking Line - Konvektion zeugen vom Potential der Zelle. Für die weitere Beobachtung stand ich hier am Südende sehr gut, behielt mir aber die zum Dienstagabend wenig befahrene A38 zurück nach Osten, die nur 2 Autominuten entfernt lag, als mögliche Escape Route im Hinterkopf.



      Unter normalen Umständen hätte ich bei diesem Anblick noch einiges an verwertbarer Zeit gehabt. De facto entstanden aber alle Bilder am Standort innerhalb von 15 Minuten, bevor ich die Flucht ergreifen musste.

      Instinktiv nahm ich zunächst die Absenkungen genauer unter die Lupe. Das Wort "Wallcloud" lag mir bereits auf der Zunge. Fünf Minuten nach Bild 1:



      Noch ist die Zelle recht weit entfernt und der Himmel zu dunstig, um alle Einzelheiten klar erkennen zu können. Was aber auffällt, sind die beiden Absenkungen links und rechts, wovon die rechte fast bis zum Boden reicht. Dazwischen finden sich ein paar schwach ausgeprägte Fallstreifen. Das für den geneigten Stormchaser markanteste Anzeichen für potentielle Rotation zeigt sich in Form und Aussehen, welches der Abwind in die Basis schneidet. Der helle, rundlich ausgeschnittene Bereich deutet auf einen Clear Slot hin, relativ trockene Luftmassen aus der mittleren Troposphäre werden heruntergemischt und sorgen hinter der Basis für Wolkenauflösung.



      Die gebogene Form sollte deutlich werden. De facto erstreckt sich aber der Abwindbereich noch viel weiter nach Norden, was mir erst ein paar Minuten später auffiel, als sich die potentielle Wallcloud bei besseren Kontrastverhältnissen als Böenfront entpuppte. Auch im Video zeigt sich eine geradlinige Verlagerung dieser Formation nach Osten mit Anbau in südlicher Richtung.



      Eine potentielle Mesozyklone am Nordrand des Abwindbereichs, wo zyklonale Rotation zu vermuten wäre, war also wahrscheinlich bereits komplett vom Niederschlag verschlungen. In dieser Richtung zeigte sich von meinem Standort lediglich strukturloses, dunkles Einheitsgrau. Am Südende, unterhalb der Flanking Line ist zudem eine weitere, unscheinbare Absenkung zu erahnen, wohlmöglich mit antizyklonaler Rotation.

      Die Wolken im mittleren Niveau bewegen sich von links nach rechts (S -> N), wobei es sich um warmen Inflow handelte. Die Abwinde bewegen sich hingegen um etwa 90° versetzt auf mich zu.



      Zoom auf die aufziehende Gustfront:



      Auf dem Radar zeigt die rechtsausscherende Zelle zwischenzeitlich Strukturen, die eher an ein Bow Echo erinnern:

      kachelmannwetter.com/de/regenr…dharz/20150707-1740z.html

      Die Absenkung am Südende prägt sich noch etwas besser aus, wirkt aber immer noch vergleichsweise harmlos im Vergleich zur Böenfront:



      Auf dem Bild lassen sich zahlreiche Strukturen erkennen, die bereits auf eine Superzelle schließen lassen, zumal sich die Zelle zunehmend vom ursprünglichen QLCS nun hin zu einer isolierten Zelle bewegt. Angesichts der Radarbilder bleiben aber zu diesem Zeitpunkt zumindest noch einige Fragen offen. Ich habe da mal was vorbereitet:



      Auch im mittleren Niveau beginnen sich "die Balken zu biegen" und auch der Laie kann anhand der gedrehten Inflowbänder erkennen, dass hier Rotation im Spiel sein muss. Blick nach Norden in Richtung Einheitsgrau:



      Während ich noch beobachte und analysiere, zieht die Zelle ihre Schneise der Verwüstung durch Wallhausen, Martinsrieth, Sangerhausen, Nienstedt, Wolferstedt, Mittelhausen, Einsdorf und Osterhausen:

      mz-web.de/sangerhausen/unwette…an,20641084,31168878.html

      Neben den typischen Sturmschäden mehren sich ab hier auch die Berichte über Hagel, der laut Link teils um 3 cm groß gewesen sein soll.

      Die Böenfront mit der zerrissenen Unterseite, aber cumuliformen Tops baut südlich an und kommt allmählich immer näher.



      Ein letztes Bild mit der Absenkung an der Südseite entsteht gegen 20.40 Uhr.



      Danach wird der Abwind zu stark und die Struktur löst sich auf. Die Böenfront hingegen kommt immer stärker und detailreicher daher.







      Zwar ist die Front zu dieser Zeit noch ein paar Kilometer weg, da ich aber weiß, mit welcher Geschwindigkeit die Gewittersysteme an diesem Tag ziehen, muss ich bereits den Rückweg zur Autobahn einkalkulieren. Es donnert dumpf und andauernd. Auch, wenn es anfangs nicht unmittelbar den Anschein hatte, aber durch das Ausscheren der Zelle stehe ich nach wie vor im gefährdeten Bereich.

      Auf dem Weg zur Autobahn "gelingt" mir noch ein Schnappschuss aus dem Fenster. Das Interessante spielt sich nun unter der Böenfront ab. Wie ein nasser Sack hängt ein dunkler Niederschlagsbereich darunter, der sich an den Seiten aufwölbt. Zu den aufgrund der Oberwinde ohnehin schweren Sturmböen gesellt sich nun also ein veritabler Downburst hinzu.



      Wolken kondensieren praktisch bereits vom Boden aus - einen solchen Anblick kannte ich bislang nur von Fotos aus den USA:



      Nur wenige Minuten später und nur etwa 5 km von der Auffahrt entfernt, erreicht die Zelle Rothenschirmbach. Es ist kurz vor 20 Uhr.

      Der Wind knickt hier zahlreiche, auch massive Bäume um, reißt Verkehrsschilder aus den Verankerungen, deckt ganze Dächer ab. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Wie durch ein Wunder scheint hier niemand verletzt zu werden:

      mz-web.de/hettstedt/unwetter-i…en,20640988,31187886.html

      Es wurde hier von teils faustgroßen Hagelkörnern berichtet. Fotografische Belege dafür konnte ich jedoch nicht finden. Das Autohaus im Gewerbegebiet von Rothenschirmbach war ebenfalls betroffen. Autos im Außenbereich wurden demoliert. Fensterscheiben sind zerborsten, Dellen im Lack zu sehen. Entsprechende Recherchen wurden vom MDR angestellt.

      mdr.de/sachsen-anhalt/erneute-unwetter100.html

      mdr.de/sachsen-anhalt/unwetter…Image-14_zc-1968e0b7.html

      Schadensvideos und Dokumentationen sind teils noch auf einschlägigen Videoplattformen zu finden:

      youtube.com/watch?v=vg5cWNQ4-Rs&feature=youtu.be&start=17

      Das Unwetter zieht anschließend weiter über die Dörfer Hornburg und Erdeborn und erreicht später Aseleben am Süßen See, wo wiederum von taubeneigroßen Hagelkörnern berichtet wird.

      Bei Erdeborn werden sogar Hochspannungsmasten von den extremen Orkanböen umgerissen:

      mz-web.de/mitteldeutschland/un…um,20641266,31187836.html

      Hinzu kommen vollgelaufene Keller und weitere abgedeckte Dächer. Auch ein Abschnitt der A38(!) wurde überspült. Menschen in den Dörfern sind für längere Zeit ohne Strom.

      Einmal tief Luft holen...

      Angesichts der Texte und Bilder, die das Ausmaß des Unwetters verdeutlichen, bin ich froh, soviel Sachverstand besessen und die Fluchtroute so kalkuliert zu haben, dass ich der Zelle nach Osten weiter vorausfahren konnte. An weitere Bilder war aber für längere Zeit nicht zu denken. Bei einem kurzem Halt auf einem Rastplatz stellte ich nur fest, dass der Abstand zur Zelle konstant geblieben war... ich schoss schnell ein unbrauchbares Bild und fuhr weiter.

      Erst als die A38 vor Halle/Saale den Schlenker nach Süden machte, entfernte ich mich von der Zelle etwas und konnte dann vorm Energiepark ein letztes Bild mit den weiterhin zerrissenen Wolkenfetzen in Erdbodennähe machen:



      Inzwischen ist es 20 Uhr und das Unwetter rast auf Halle zu.

      In der Analyse des Bodenwindfelds wird deutlich, dass der Wind zu dieser Zeit im Vorfeld der Zelle auf Süd, teils sogar Südost zurückgedreht hat:



      Quelle: wetteronline.de

      Im Radarbild erkennt man nun, dass die Zelle die typischen Strukturen einer HP-Superzelle mit herumgewickelten Echos aufweist:

      kachelmannwetter.com/de/regenr…kreis/20150707-1805z.html
    • Zudem lohnt ein Blick auf die Soundings um 20 Uhr. Als einzig relevanten Aufstieg betrachte ich hierbei Kümmersbrück, der wie Halle in der Warmluftmasse liegt. In Lindenberg ist die energiereiche Luft noch nicht komplett angekommen, Meiningen brachte kein 18z-Sounding hervor.



      Quelle: University of Wyoming, weather.uwyo.edu/upperair/sounding.html

      Zu erkennen ist wieder der Mid-Level-Jet (roter Kreis), ebenso wie die Windscherung mit der Höhe, die aufgrund der bei Halle ausgeprägten Süd- bis Südostrichtung dort sogar noch ausgeprägter war. CAPE (gelb) bleibt zwar mit um die 1.300 J/kg etwas hinter den Modellberechnungen zurück, ist aber in Verbindung mit der Windscherung immer noch mehr als ausreichend, um ausreichend persistenten Auftrieb zu erzeugen. Zusätzlich sei auch noch der Bereich der Elevated Mixed Layer (EML) hervorgehoben. Diese trockene Schicht hat neben dem Einfluss auf die Lapse Rates, auch eine Bedeutung für größeren Hagel und Downbursts. Für Riesenhagel fehlt es aber wohl noch an einem Tick mehr Auftriebsenergie, sowie Feuchte über der 0°C-Grenze.

      Nach 20 Uhr lasse ich die Zelle aufgrund der Geschwindigkeit und der Anbindung ziehen und konzentriere mich auf die umliegenden Zellen, die ebenfalls stürmische Böen, aber kein Unwetter in petto haben.

      Die Superzelle verwüstet derweil Zappendorf, wo ein Reitstall abgedeckt wird, sowie die zu Halle gehörenden Orte und Stadtteile Lieskau, Dölau, Heide-Nord/Lettin, Kröllwitz und Throta.

      hallespektrum.de/nachrichten/v…trotha-heide-nord/161951/

      Das Schadensbild ändert sich kaum: Abgedeckte Dächer, umgestürzte Bäume und Baugerüste, mindestens 1 weiterer Verletzter, eine Kindertagesstätte im Norden von Halle wird verwüstet. Die Wucht des Downbursts wurde auch eindrucksvoll von einigen Filmern festgehalten und auf Youtube geteilt:

      youtube.com/watch?v=C5Hl6GmzfxQ&feature=youtu.be&t=85

      Mach mal lieber zu. ;)

      youtube.com/watch?v=7nZUE3AuxZ8&feature=youtu.be&start=8

      Maurice fängt die Zelle danach bei Schkeuditz ab, wo ein beeindruckendes Panorama entsteht:

      Thread Schwergewitterlage 07.07.2015

      Der RFD scheint zu großen Teilen trocken, an der Nordseite ist jedoch immer noch der massive Downburst erkennbar. 100%ig ausschließen lässt sich auch eine zyklonale Verwirbelung im Sinne eines Tornados an dieser Stelle nicht, die Position würde jedenfalls passen. Jedoch sprechen sämtliche Schäden für ein lineares Windereignis durch einen Downburst.

      Weiterführende Diskussionen dazu finden sich auch im Forum von Skywarn:

      forum.skywarn.de/viewtopic.php…52d224c692b0c4ccafa8f58b0

      Gegen 20.30 Uhr fällt die Superzelle am vorderen Rand als eine der stärksten Entwicklungen über Deutschland auf:



      Quelle: niederschlagsradar.de

      Die Schneise der Verwüstung ersteckt sich weiter über Landsberg, Sandersdorf/Brehna und Löbnitz in Nordsachsen, wo ein Cateringzelt einstürzt und zwei weitere Personen verletzt werden.

      t-online.de/regionales/id_7464…t-ein-zwei-verletzte.html

      Vor Bad Düben ist zudem ein weiterer Zellsplit zu erkennen, bevor der letzte Rightmover-Zyklus auch dort zuschlägt.

      kachelmannwetter.com/de/regenr…chsen/20150707-1835z.html

      Die Zelle zieht noch weiter bis nach Brandenburg, erscheint wieder vermehrt als Leading Edge eines QLCS und bekommt gegen 21.15 Uhr schließlich auch endlich Konkurrenz an ihrer Südflanke. Die Einbettung in eine kleine Squall Line soll das Ende ihrer nunmehr fast sechsstündigen Entwicklung darstellen.

      Mein Chasing geht derweil unverhofft noch etwas weiter. Nach einer kurzen Analyse, bei der ich nicht bemerke, dass das Neuhaus-Radar ausgefallen ist, mir aber auch keine Blitzkarten mehr anschaue, stelle ich fest, dass sich die weiteren Zellen über Thüringen nun massiv abschwächen. Bei Lützen treffe ich auf einen alten bekannten Astrofotografen aus dem letzten Jahr und verkünde ihm das Ende der Aktivitäten für heute... Sorry!!

      Bei meiner Rückfahrt zur Autobahn stelle ich irgendwann fest, dass es in der Ferne massiv und häufig blitzt, jedoch nicht nur am Osthorizont, wo die Superzelle abzieht, sondern auch im Westen. Nach dem Check der Blitzortung wird mir der folgenschwere Irrtum durch das blinde Radarvertrauen klar und in Windeseile suche ich einen Standort. Ich kehre zum guten, alten Zwenkauer See zurück, doch nach dem Aufbau des Stativs muss ich es auch schon wieder zusammenfalten, da der Regen einsetzt.



      Das massive Spektakel bleibt mir dennoch in Erinnerung. Es flackerte und blitzte nicht nur fast jede Sekunde, sondern es erhellten auch massive Erdblitze den Himmel taghell.

      Aus dem Auto heraus gelingen mir immerhin noch ein paar Aufnahmen:







      Nach diesem letzten Bild, dauerte es nur wenige Sekunden und der zweite, deftige Naheinschlag unter 50 Meter in diesem Jahr stand an. Es folgte massiver Starkregen in Kombination mit Wind, doch so schnell, wie es kam, war es auch wieder vorbei.

      Mit diesen Eindrücken endete das dritte, actionreiche Stormchasing in diesem Jahr und eines der interessantesten überhaupt für mich. Ich fuhr nach Hause, wo mich nach Mitternacht zu allem Überfluss auch noch der nördliche Anbau einer vierten Gewitterstaffel erreichte und mir auch daheim in Markkleeberg nochmal Starkregen und ein gut blitzendes Nachtgewitter überquerte.

      Von den massiven Schäden erfuhr ich erst Tags darauf, die Recherchen zogen sich über eine Woche. Die nachfolgende Analyse und die Aufräumarbeiten der jeweils ansässigen Bevölkerung erstreckten sich über einen noch viel längeren Zeitraum...

      Einige Tage später, am Sonntag, dem 12.07., fuhr ich noch einmal in die Gegend, um auch noch einmal mit eigenen Augen einen Eindruck von den Schäden zu bekommen. Von einem Downburst, statt einem Tornado ging ich ohnehin bereits aus. Dennoch sollte wohl ein jeder Chaser auch einmal die Erfahrung gemacht haben und im Nachhinein feststellen können, was bei aller Faszination Unwetter dieser Art auch anrichten können.

      Die größten Schäden stellte ich selbst im Gewerbegebiet von Rothenschirmbach gleich in der Nähe zur A38 fest. Natürlich waren die Aufräumarbeiten bereits vorangeschritten, die Zeichen des Sturms jedoch nach wie vor unübersehbar.
      Der kleine Ast ist sicher kein extremer Schaden, dennoch fand ich das Bild bezeichnend, wie er sich in den Fahnenmasten verheddert hatte. Daneben sieht man den mittlerweile zurechtgestutzen Stumpf eines massiven Baumes, zahllose Äste, fehlende Dachziegel und eingeschlagene Fenster:



      Eine Straße am Ortseingang wurde komplett gesperrt, hier wurde offenbar der ganze Schutt verladen:



      Teile eines Daches:



      Ohne Worte:



      Wo ist die Spitze?



      Einige Bäume standen wohl etwas geschützt, andere liegen hingegen waagerecht:



      Der beschädigte Landmarkt und ein Zaun, durch den sich die Trümmer im Orkan ihren Weg bahnten:



      Ich fahre weiter in den nächsten Ort, Hornburg. Das Schadensbild ähnelt sich. Beispielhaft ein Baum, der all seine Äste verloren hat:



      Auch einen Blick auf die zerstörten Hochspannungsmasten bei Erdeborn werfe ich:



      Meine Route führt mich noch weiter durch Aseleben und einige Vororte von Halle. Da sich das Schadensbild jedoch immer glich, verzichtete ich bald auf weitere Bilder. Die Schäden waren dabei nie besonders großflächig. Während in einem Ort alles weitgehend heil blieb, konnte im nächsten schon wieder die Hölle losgewesen sein. Über die Definition eines Micro- oder Macroburst ließe sich teilweise sicher streiten, denke aber, dass die Schadensschneise doch größtenteils mindestens 4 km breit war.
    • Fazit

      Bei einem der schwersten Unwetter in der Region hatte ich am 7.7. das Glück, nicht nur hautnah dabei gewesen, den Aufzug dokumentiert und anschließend alle Schäden dokumentiert zu haben, sondern auch, dem ärgsten Teil der Zelle entkommen zu sein, ansonsten wäre es mir und meinem Auto wohlmöglich an den Kragen gegangen.

      Es handelte sich, mit teils frappierender Ähnlichkeit zum 11.09.2011 in dieser Gegend, vor allem um eine Zelle, die teils in ein QLCS am Leading Edge eingebettet, teils im Alleingang als Rightmover-Superzelle, die massivsten Schäden von Hessen bis Nordsachsen verursachte. Bei dem Ausmaß der betroffenen Orte kann von einer regelrechten Schneise der Verwüstung gesprochen werden. Insgesamt hatte die Zelle eine Lebensdauer von fast 6 Stunden. Sie enstand gegen 15.30 Uhr in Rheinland-Pfalz und wurde in Brandenburg gegen 21.15 Uhr vollständig in eine Gewitterlinie eingebettet. Insgesamt gab es große materielle Schäden und mindestens fünf Verletzte, mal ganz abgesehen von der vielen Verwirrung und Verunsicherung in der Bevölkerung, nachdem das Unwetter innerhalb von nur 5 bis 10 Minuten teils schwere Verwüstungen anrichtete.

      Die Ursachen der Entwicklung sind vor allem in der hohen, besonders in den mittleren Höhen ausgeprägten Windscherung, und der sich damit großflächig überlappenden mittleren bis hohen Labilität und einer EML zu suchen. Für Mitteldeutschland war zudem auch die günstige Tageszeit für extreme Entwicklungen förderlich.

      Nicht nur beim Chasen, sondern auch bei der nachträglichen Analyse habe ich selbst noch sehr viel mitnehmen und lernen können, aus nahezu allen Bereichen, die das Storm Chasen so interessant machen. Ich hoffe daher, dass auch ihr etwas aus diesem Bericht und der Analyse mitnehmen konntet, insofern ihr es geschafft habt, mit dem Lesen bis hierhin zu kommen. (Respekt!) Ihr leistet damit ebenfalls einen Beitrag zur Aufklärung und Wissensvermittlung in diesem Hobby. Grundlegende, umfassende Auswertungen werden so hoffentlich weiter ihren Platz im hektischen 21. Jahrhundert beibehalten.

      Ich danke für die Aufmerksamkeit.

      Chris

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von chris89 ()

    • Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag.
      Auch wenn ich das Meiste ergooglen mußte, habe ich doch einiges über die Entstehung und weitere Entwicklung von Wetterphänomenen dazugelernt. (ob ich es mir alles merken kann?)

      Sehr interessant und hilfreich auch der verlinkte Beitrag von Skip Talbot (wenn auch sehr schnell gesprochen,habe ich doch vieles verstanden)

      Auf meinen nächsten Fahrten wird die Beobachtung der Zellen jetzt um einiges umfangreicher werden.
      :zwinker
      Liebe Grüße von der Deern

      honeysuckle-honeysuniversum.blogspot.de/