17.05.2013 I Erfurt I Rotierendes Monster über Thüringen (sehr groß, Analyse, Zeitraffer)

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    • 17.05.2013 I Erfurt I Rotierendes Monster über Thüringen (sehr groß, Analyse, Zeitraffer)

      Hallo miteinander,

      es war einer dieser Tage, an die man immer zurück denken wird. Ein Ereignis, welches in die Top 10 der persönlichen Erlebnisse in der Chasing-Laufbahn eingeht. An diesem Freitag stand zweifelsfrei für Thüringen die erste Schwergewitterlage des Jahres an und entsprechend waren alle in gewisser Erwartung und Alarmbereitschaft. Ich traf mich erst einmal mit Ronny in Erfurt-Bindersleben um einen guten Ausgangspunkt zu haben. Zu dieser Zeit, etwa 16:00 Uhr, bildeten sich über den Kamm des Thüringer Waldes offenbar auch orographisch begünstigte Gewitterzellen heraus, die sich linienartig anordneten und langsam westnordwestwärts Richtung Hessen zogen. Wir beobachteten die Entwicklung dann von Neudientendorf aus. Übereinstimmend lehnten wir ein Chasing zu diesen Gewittern ab, da sie einerseits mitten über dem Thüringer Wald waren, wo es schwer ist schnell erreichbare und freie Sicht garantierende Aussichtspunkte zu finden und andererseits diese Gewitter noch nicht die "Show" waren, auf die wir warteten. Wir zählten auf die schwachen Echos die sich aus Südosten in den Thüringer Raum schoben und nach der Gewohnheit meist in diesem Bereich eine Verstärkung erfahren:

      Quelle: WetterOnline Mitgliederbereich

      rote Pfeile: Zugbahn bzw. erwartete Zugbahn, grüner Punkt: Standort

      Der Himmel war mit zahlreichem mittelhohen Gewölk übersät. Wir sahen Altocumulus floccus, teilweise aber auch stratiformis, dazwischen wieder Quellwolken, kurz auch mal etwas Horseshoe-Ähnliches, nach Südosten Cumuli der Sorte congestus. Auch das typische Gewitternetz bekamen wir zu Gesicht:



      Blick auf die abziehende Gewitterlinie nach WSW:



      Wir verweilten an unserem Standort etwa bis 17:35 Uhr. Die Stimmung war schon etwas getrübt, da es wohl doch zu keinem gemeinsamen Chasing kommen würde. Also verabschiedeten wir uns mit dem Wissen, dass man sich vielleicht doch heute nochmal sehen könnte. Da ich über die Pfingstfeiertage meine Eltern im Saalfelder Raum besuchte, konnte ich bei der Fahrt über Stadtilm gleich mal schauen, was die einzelnen Zellen so machen und ob vielleicht doch noch etwas daraus werden könnte. Ich hielt bei Nahwinden an und sah 3 Niederschlagskerne von SSW bis OSO.

      Quelle: WetterOnline Mitgliederbereich

      rote Pfeile: Blickrichtung, grüner Punkt: Standort

      Im Nachgang fiel mir erst einmal auf dem folgenden Panorama auf, dass bei dieser vermeintlichen Böenfront eine durchaus etwas eingedrehte Form vorlag:



      Weiteres Panorama etwa 10 Minuten später:



      Und nochmal 6 Minuten darauf:



      Dass in dieser Zeit eine Verstärkung der Zellen einsetzte, war schon beim 2. Panorama unverkennbar. Dazu herrschte ein zunehmendes Grummeln, jedoch war während der ganzen Beobachtungszeit kein Blitz sichtbar, nicht mal ein Aufleuchten. Die ersten dicken Tropfen erreichten mich und es wurde Zeit ins Auto zu verschwinden. Schnell noch ein letztes Bild:



      Ich fuhr ein paar Meter weiter und lies die fetten Tropfen auf mich prasseln, während ich der Entwicklung zusah:



      Alles schien mir sehr nach frischer Multizelle auszusehen, die gerade im Reifestadium ist. Um den Regen zu entkommen fuhr ich weiter Richtung Rudolstadt, wo ich auf halber Strecke in einen kräftigen Starkregenschauer kam. Am Flugplatz Groschwitz machte ich wieder Halt. Ich stand exakt am "Versorgungsende" der Zelle, die deutlich an Fahrt aufnahm. Das Neuhäuser Radar verabschiedete sich leider zu dieser Zeit, sodass die Radardaten nicht ausreichend detailliert vorliegen.



      Richtung Süden der frische Niederschlagsbereich mit klassischem "Vorhang" darüber:



      Daran schließt sich nach OSO dieser interessante Bereich an:



      In Richtung potentielle Superzelle dachte ich während der ganzen Zeit nicht einmal, zumal auch keine verdächtigen Strukturen bisher sichtbar waren. Ich dachte nach wie vor an eine kräftige Multizelle in offenbar gut gescherter Umgebung mit begünstigender Orographie. Der Zeitraffer weiter unten zeigt jedoch deutlich die Rotation, die mich beim ersten Blick auf dem Monitor plättete, denn dieser Bereich zog de facto über mich weg und ich war genau darunter.





      Während dieser ganzen Entwicklungen hatte ich Ronny in Erfurt schon informiert, dass vom Ilm-Kreis etwas kräftiges in Richtung Erfurt zieht. Er sollte einige Minuten später von fantastischen Strukturen berichteten (Shelfcloud und unter gewissem Vorbehalt auch Wallcloud). Ich lies währenddessen mit heftigen Regen die Zelle über mich ergehen und setzte mich dann wieder in Richtung Ilm-Kreis in Bewegung. Von den Feldern flossen bereits große Mengen Schlammwasser durch die Gräben, die an einigen Stellen die Straße überfluteten. An einer Waldeinfahrt musste ich einfach nochmal die Kamera aus dem Fenster halten und diese imposante Rückseite ablichten:



      Die Meldungen in der Whats-App-Gruppe von den Erfurtern nahmen mehr und mehr zu und im Telefonat mit Ronny merkte man rasch nicht nur Begeisterung, sondern auch einen gewissen Respekt vor dem, was da von Südosten heranzog:

      Eindrücke von seinem Standort:

      Bild: R.Wesche

      Bild: R.Wesche

      Bild: R.Wesche

      Zeitraffer dazu:

      Bild/Animation: R.Wesche

      Auf seinen Chasingbericht sei auch noch einmal ausdrücklich verwiesen.

      Ich habe das ganze mal etwas beschriftet (sicher nach ganz vollständig). Die roten Pfeile zeigen den Zustrom aus nördlichen Richtungen, der Komplex bewegt sich leicht Richtung Osten vom Beobachter aus:





      Innerlich war ich mit mir im Konflikt, ob ich "das Ding durchfahre" oder besser außen vor bleibe. Letztlich siegte die Neugier, das Adrenalin und das Wissen um etwas Besonderes. Ich erreichte auf der A71 am Erfurter Kreuz den Core. Das Licht war deutlich durch die hochreichenden Wolken vermindert, der Regen prasselte in starker Intensität, teils von Böen gepeitscht, auf die Fahrbahn. Trotz des Pfingswochenendes und dem zu erwartenden verstärktem Reiseverkehr war es erstaunlich leer, was sicher kein Garant für schnelles Fahren ist, denn das liesen die Wetterverhältnisse ehnicht zu. Nach der Abfahrt Bindersleben, wo ich etwa 3h vorher schon mal stand (....), erkannte man am Horizont die Grenze der gewaltigen Shelfcloud. Es war beängstigend dunkel und die Wolken lagen erschreckend tief über der Region. Mit jedem Meter wurde es trockener und ich hatte mich tatsächlich vor den Komplex gesetzt mit einer gehörigen Portion Furcht und Respekt.

      Hier der Zeitraffer der rotierenden Zelle bei Groschwitz (SLF), dem Core auf der A 71 am Erfurter Kreuz sowie das Überholen der Zelle nördlich von Erfurt. Anschließend der Aufzug bei Herbsleben (Text weiter unten):



      Ein weiterer Zeitraffer aus der Innenstadt Erfurts von Marcus Dülfer:



      An der nächsten Ausfahrt (Gispersleben) wollte ich schnell einen Beobachtungsplatz finden, denn es war regelrecht mystisch, wie das pechschwarze Ding hinter der Landeshauptstadt aufzog. Leider fand sich auf die Schnelle nicht sofort etwas, daher weiter nordwärts, immer die Shelf samt Flackern im Spiegel. Über Sömmerda ging es Richtung Straußfurt/Gebesee. Am Ende landete ich irgendwo bei Herbsleben auf einem Feldweg im Rapsfeld und sah vor mir die dunkle, flackernde Front, die sämtliches Licht aus der Atosphäre zu nahmen schien. Dies sieht man nicht zu oft, letztmalig am 31.05.2008, als es zu einem Unwetter mit enormen Regenmengen in Rudolstadt kam.



      Ich verließ bei einsetzenden Regen den Feldweg und fuhr wenige Meter weiter in eine betonierte Einfahrt und lies mich ein zweites Mal vom Core überrollen. Die Blitzrate war sehr hoch, doch sah man meist nur Flackern oder mal Teile eines Wolkenblitzes. Erst bei Abzug des Komplexes nach Nordwesten war auch mal ein Erdblitz sichtbar. Hier das einzig brauchbare Bild:



      Dieses Unwetter richtete in den betroffenen Teilen Thüringens beträchtliche Schäden an. Der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, wo ich die Entwicklung verfolgte, war dabei als Erstes und am Schlimmsten betroffen. Im Bereich Großkochberg über Kirchhasel, dem sogenannten Hirschgrund bis nach Uhlstädt kam es zu einer echten "flash flood", die in Kirchhasel schwere Schäden verursachte. Autos wurden mitgerissen, Anwesen standen unter Wasser, die Bundesstraße war nicht mehr passierbar. Die Bilderserie der Ostthüringer Zeitung zeigt das erschreckende Ausmaß mit beklemmenden Aufnahmen.

      Auf dem Weg nach Nordwesten sorgte das Unwetter seit langer Zeit in der Landeshauptstadt für Schäden. Ein Teil eines Glasdaches eines Supermarktes stürzte ein und flutete den Markt mit Wasser. Hier entstand hoher Sachschaden, glücklicherweise wurden trotz Ladenöffnung keine Menschen verletzt. Teile der Innenstadt wurden mit Wasser- und Hagelmassen überschwemmt, der Verkehr kam kurzzeitig zum Erliegen. Im Stadtteil Hochheim bildete sich eine dicke Hagelschicht aus. Auch hier verdeutlichen Bilder das Ausmaß der Schäden.

      Von der gesamten Struktur sind im Nachgang noch einige Fragen offen, z.B. als was dieser Komplex zu klassifizieren ist und wie es zu dessen Entwicklung kam.

      Die Ausgangssituation stellte sich so dar, dass seit mehreren Tagen eine flache Tiefdruckrinne über Deutschland lag. Begünstigend durch einen Trog wurden an diesem Freitag mit südöstlicher Strömung feuchtlabile Luftmassen um die Alpen herum nach Mitteldeutschland "gesaugt". Somit stellte sich über Thüringen eine Querzirkulation ein, in der sich am Abend ein kleinräumiges Tief an einer Konvergenz bildete:

      19:00 Uhr MESZ: Man sieht das Zueinanderströmen der Luftmassen entlang der flachen Tiefdruckrinne. Im weiteren Verlauf bildete sich ein lokales Tief aus (siehe 21:00 Uhr)

      Quelle: VERAflex Analysen

      19:00 Uhr MESZ:

      Quelle: VERAflex Analysen

      21:00 Uhr MESZ:

      Quelle: VERAflex Analysen

      Auch in der Bodenanalyse von 20 Uhr ist das Tief zu finden:



      Auf dem Radar sieht man bei näherer Betrachtung, wie der Komplex sich leicht nordnordostwärts von der generellen Zugrichtung weg bewegt:

      Quelle: Skywarn Deutschland e.V., IRAS



      Begünstigend für die Verlagerung hat sicherlich auch die orographische Beeinflussung durch den Thüringer Wald/Schiefergebirge/Saaletal zur Entwicklung beigetragen. Man sieht anhand der Bilder von Ronny anfangs noch deutliche Strukturen, die auf eine Superzelle hinweisen, von der Rotation einmal abgesehen. Schon im Verlauf fällt auf, dass diese Strukturen mehr verschwinden und eher eine große Shelfcloud übrig bleibt (Übergang zu einer HP-Superzelle?), während in den kommenden Stunden die Struktur wohl eher als MCS (?) zu betrachten ist.

      Gern sind fachliche Meinungen und Diskussion hierzu erwünscht!!

      Nach 4,5h Bericht erstellen ist aber für heute erstmal Schluss.

      Beste Grüße

      Markus



      PS: Das hier kommt dann im letzten Bericht:

    • Danke für den breit angelegten, detaillierten Bericht.
      Ist der gefilmte Aufwindbereich zu Beginn des Videos grob identisch mit Ronnys späterer (möglicher) Mauerwolke - rein von der Verlagerung her?
      Als du im Video die Zelle durchquert hattest und schließlich von der Autobahn abfährst, um der Arcus-Wolke entgegen zu blicken, hab ich den Atem angehalten!

      Sagenhaft, danke für die Eindrücke. Hab einen guten Abend!
      Marco
    • Die Kinnlade knallte soeben auf die Tastatur.

      Ein schöner ausführlicher Bericht. Ich hab den Vorgang - Gewitter wieder ein Stück mehr verstanden. Besonders wegen den guten Erklärungen, Analysen und den Beschriftungen. Sehr gut gelungen.
      Ja das erste Video ist echt heftig. (siehe Überschrift)

      Gruß, Peter
    • Markus, Marcus und Ronny ein echt Klasse Bericht mit sehr schönen Erklärungen und Bildern sowie Videos dazu.

      Da lernt man gleich wieder dazu.

      Aber eine Sache habe ich, könnte man von der Animation mal 1-2 einzelne Bilder sehen?

      Denn da huscht doch ein Hund durchs Bild oder?
    • Hi Markus,

      klasse Bericht, klasse Aufarbeitung und klasse Gewitterlage. Das Video über Erfurt erinnert mich an den 5.juli 1993 in Jena, den ich noch dunkel mit einer ähnlich tiefen Böenwalze in Erinnerung habe. Danach war die Hauptkreuzung am Eisenbahndamm überschwemmt ;-). Nicht sicher, ob ich die Zeit finde die Lage mal genauer zu studieren. In jedem Fall besten Dank für den Bericht und Glückwunsch zum gelungenen Chase. Mit dem Raps kommt das richtig genial. Sowas wird in den Staaten irgendwie überhaupt nicht angebaut.

      Grüße KarSteN
    • Hallo Markus,

      ebenfalls ein großes Dankeschön für diesen ausführlichen Bericht.

      Anhand Eurer (damit meine ich alle hier im Forum, welche so gut dokumentierte Chasings darstellen) Bilder, kann man wirklich noch sehr viele Sache entnehmen und vorallem mitnehmen.
      Ihr seit zusammen ein großes akutelles Wissenslexikon, mit der Untermalung Eurer Bilder sagt ihr mehr als "Tausend Worte".
      Von daher nochmal ein großes Dankeschön an alle. Macht weiter so.

      Deshalb kann mich Dany's Meinung nur anschließen, eine Reaktivierung des BEDANKEN-Buttons wäre von Vorteil.

      Ich für mich, kann und möchte auch nicht auf jeden Beitrag antworten.
      Aber ich würde o. könnte mich mit einem Klick bei jedem ein Stück weit für die Arbeit bedanken.

      MfG Carsten