22.07.2015 / Leipzig / Bildung einer Superzelle und Überschwemmungen

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    • 22.07.2015 / Leipzig / Bildung einer Superzelle und Überschwemmungen

      Guten Abend TSC!

      Vor vier Tagen stand eine nennenswerte Gewitterlage auf dem Plan. Ein großer Gewittercluster zog von SSW auf SO-Thüringen und Sachsen zu.
      Scherung (Geschwindigkeits- und Richtungsscherung) und CAPE überlappten sich gut, so dass stärkere Entwicklungen möglich waren. Gegen 20 Uhr konnte ich eine uninteressante Quellung WSW von Leipzig erkennen.



      Ihr schenkte ich zunächst keinerlei Beobachtung mehr, da ich gerade mit meiner Freundin ein Stück nach Süden fahren wollte, um für die Gewitter einen guten Standpunkt zu suchen.
      Beim Blick auf's Radar dann die Überraschung: Die Zelle wurde deutlich stärker und siehe da, langsam wurde sie auch fotogener.



      Noch konnte man kaum Niederschlag erkennen. Kurze Zeit später waren aber Fallstreifen sichtbar und erste Donnergrollen waren zu hören.





      Was auf den Bildern auffällt, ist die eindeutige Trennung zwischen Aufwind (links) und Abwind (also der Niederschlag (rechts)).


      (Pano)



      Die Zelle zieht genau auf meinen Standpunkt zu und verstärkt sich zusehends. Ständig donnert es, ein paar Blitze zeigen sich ebenfalls.


      (Pano)






      (Pano)

      Ein schöner Aufwindteller bildet sich immer besser aus und der Niederschlag liegt schon recht nah. Nachfolgend dazu zwei Panoramen.





      Nun kam Wind auf und einzelne Hagelkörner fielen herab.







      Nach diesem Bild fing es dann richtig an. Zunächst ging der Hagel in Starkregen über, welcher ein paar Minuten anhielt. Am Ende gab es dann aber nochmal fast reinen Hagelschlag (Körner so um 2cm).
      Diese Zelle brachte in ihrer Zugbahn, welche ziemlich genau über die Leipziger Mitte ging, zwischen 10 und 20 l/m² in kurzer Zeit.

      Daraufhin fuhren wir nach Süden, um uns zu positionieren. Dabei entstand noch dieses Bild von der Rückseite der Superzelle:



      Zufällig beobachteten wir noch eine weitere Zelle südlich von Leipzig und kamen in den Niederschlag.
      Schnell kam der Gewitterkomplex näher und der Regen wollte auch nicht aufhören, so dass wir wieder Richtung Leipzig fuhren.
      Von unserem Balkon konnte man dann Blitze beobachten, die aber v.a. im Niederschlag versteckt waren.

      Leipzig wurde schließlich heftig von den Gewittern getroffen. In 1-2h fielen lokal nochmal um die 50 mm herab. Diese führten zu heftigen Überschwemmungen im Stadtgebiet.
      Kniehoch stand das Wasser in der August-Bebel-Straße und in den nördlich anschließenden Straßen. Gullydeckel konnten die Wassermassen nicht mehr fassen und der Verkehr kam zum Erliegen.
      Dazu gibt es in den kommenden Tagen noch ein Video.

      Grüße, Maurice
    • Waaaaaaahnsinn... ein Lehrbuchbeispiel von der Entstehung einer Superzelle!

      Ich habe gerade noch einmal das 18z-Lindenberg-Sounding von diesem Tag betrachtet. Darin erkennt man nicht nur die Low Level Shear (LLS) sehr eindrucksvoll, sondern auch, dass in den untersten Schichten zunächst sehr wenig Auftriebsenergie (CAPE) vorhanden war und diese erst ab etwa 600 hPa besser wurde. Das erklärt, warum der Cumulus zunächst so unscheinbar schien. (Bild 1)



      Quelle: University of Wyoming, URL: weather.uwyo.edu/cgi-bin/sound…M=2218&TO=2218&STNM=10393


      Danach schoss das Teil erstmal senkrecht in die Höhe, was deine Hochformat-Bilder (Bild 2 - 4) eindrucksvoll wiedergeben. Die Vereisung sollte da bereits begonnen haben (auch in 600hPa ~ 4.500m). Entsprechend fällt Niederschlag aus und es beginnt zu gewittern. Dieser kann durch die starken Höhenwinde (Bft. 7 - Bft. 10 im Sounding) hervorragend vom Aufwindbereich getrennt werden.

      Ab Bild 5 (mit den Kelvin-Helmholtz-Wellen) beginnt der entscheidende Prozess für die Entstehung der Mesozyklone. Kelvin-Helmholtz-Wolken sind ein Anzeichen für starke vertikale Windscherung, in diesem Fall v.a. LLS, und selten so gut zu beobachten, erst recht nicht in Verbindung mit hochreichender Konvektion. Gleichzeitig zeigen sie hier eine bereits stabile Schichtung in der unteren Troposphäre an, was die laminaren Strukturen erklärt.

      Beeindruckend ist dann zu sehen, wie sich das Band mit den Helmholtz-Wellen, sowie ein zweites, kleineres Band links bereits zum Aufwind "hinbiegen". Horizontale Vorticity wird in die Zelle advehiert. Das kann man sich so vorstellen, dass eine um die horizontale Achse drehende Rolle durch den Aufwind in die Vertikale gekippt wird. Auch dieses Kippen sieht man auf den Bildern hervorragend. Es beginnt in Bild 5 und erreicht seinen Höhepunkt im zweiten Pano in Bild 7. Und nein, das liegt nicht etwa daran, dass Maurice besoffen war oder ihr es mit den Augen habt. Der Vergleich mit dem Horizont sollte es deutlich machen, dass die schiefe Zelle in der Realität diese Neigung hatte. Analog dazu beginnt auch der Abwind zu kippen (schräge Fallstreifen), der die Bewegung ausgleichend mitmachen muss.

      Schließlich muss die Atmosphäre diesen "unnatürlichen" Zustand in einen stabilen überführen und die Rotation wird vollständig in die Vertikale übertragen (Bild 12, drittes Pano). Die Mesozyklone ist geboren. An dieser Stelle schließt sich dann praktisch nahtlos mein eigener Chasingbericht an, der die Weiterentwicklung hin zur klassischen Superzelle mit den zugehörigen rückseitigen Erscheinungen zeigt und in dem ich sicher auf die ein oder andere Sache nochmal genauer eingehen werde.