19.07.2017 | Nordhausen, Roßla | Squall line aus Westen

  • Hallo zusammen,


    zwar stecken wir noch mitten in der Saison, dennoch bin ich bereits mit der seelisch-moralischen und bildtechnischen Aufarbeitung einiger Gewitterlagen beschäftigt, wozu auch der 19.07.2017 gehört.
    Zwei weitere Berichte zum 22.06. und zum 22.07. sollen noch folgen.


    Der 19.07.2017 war ein besonderer Tag, da es nach langer Zeit wieder zu einer geschlossenen Gewitterlinie über einem großen Teil Deutschlands reichte, einer sogenannten "Squall line". Dieser Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt soviel wie "Böenlinie". Im Chaser Slang verwendet man jedoch nicht für jede gewöhnliche Böenfront diesen Begriff, sondern es geht viel mehr um eine nahezu geschlossene Linie an Gewittern.


    Squall lines funktionieren sehr effektiv, indem die Böenlinie auf ihrer Vorderseite stets neuen Auftrieb generiert und sich der stratiforme Niederschlag auf der Rückseite ausregnen kann. Damit sich eine solche Linie ausbilden und möglichst lange halten kann, muss ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Auf- und Abwinden vorherrschen. Man erreicht das durch gutes Forcing (idealerweise Tiefdruckrinne mit Konvergenz oder Kaltfront), mäßig Scherung, reichlich Labilität und etwas konvektive Hemmung (CIN) im Vorfeld der Linie. In einem solchen Umfeld können sich auch Superzellen entwickeln. Häufig entstehen sogar aus Superzellen, die in etwas weniger gescherte Umgebung laufen, anschließend Squall lines. Auch, wenn es an Konvergenzen flächendeckend auslöst (besseres Forcing), kann sich aus Multi- oder Superzellen eine solche Linie entwickeln.


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    Am Abend des 19.07. waren diese Bedingungen über weiten Teilen des Landes gegeben. Die Initialzündung brachte ein Komplex über NRW, der zum Feierabend um 17 Uhr bereits einen großen Cold Pool hinterlassen hatte. Man betrachte dazu die Temperaturverteilung: https://kachelmannwetter.com/d…ratur/20170719-1500z.html. Das blieb nicht ohne Folgen für die Umgebung, in der sofort weitere Auslöse folgte.


    Um 19 Uhr erstreckte sich die Squall line von Hessen über NRW bis ins westliche Niedersachsen. Während im Norden das Forcing ohnehin gut war, sorgte weiter südlich die Eigendynamik für einen Erhalt der Struktur. Da nun klar war, dass sich das System über einige Zeit auf dem Weg nach Osten hin halten würde, begann ich mein Chasing. Zuvor hielt ich mich noch längere Zeit mit Tanken und dem Einrichten meiner Freisprechanlage auf. So war mein Zeitpuffer bereits von Beginn an aufgebraucht und ich begab mich auf dem direkten Weg nach Westen zur Front über die A38. Immerhin braucht man bei einer geschlossenen Linie keine komplizierten Standortentscheidungen treffen, was das Chasing sehr angenehm gestaltete. Doch ich wollte das Abschwächen der Linie nach Osten hin berücksichtigen, welches bei entsprechendem Outflow und fortschreitender Tageszeit zu erwarten war. Das Rapid Update des Schweizer Wettermodells bestärkte mich in meinem Vorhaben, von Leipzig aus weit nach Westen aufzubrechen. Die Hinfahrt über die A38 verbrachte ich quasi im "Flugmodus" - wenig Verkehr, Tempomat auf Reisegeschwindigkeit, Musik an, zurücklehnen und entspannen - so in etwa. :grins


    Wie von früheren Squall line Chasings gewohnt, zeigte sich auch diesmal das typische Bild aufziehender Cirruswolken, die sich warmfrontähnlich zu Altostratus verdichteten. Erst im letzten Drittel der Reise zeigten sich Anzeichen von Feuchtkonvektion in der unteren Troposphäre. Derweil konnte ich während der Fahrt über die Freisprechanlage wunderbar mit Markus und meinen Eltern telefonieren, die mir Hinweise zur aktuellen Entwicklung gaben. Am Rastplatz Helmetal hielt ich dann noch einmal, um das aktuelle Radarbild zu überprüfen. Doch es blieb alles beim Alten - die geschlossene Linie bewegte sich mit unverminderter Kraft auf Thüringen zu und ich überlegte, welche Abfahrt noch genügend Zeit zur Beobachtung ließ und ich entschied mich für Heringen, wo mir bereits ein Standort direkt in der Nähe der A38 bekannt war. Doch dann der Schreck... Abfahrt gesperrt!


    So wurde ich unvermittelt aus dem entspannt zurecht gelegten Plan herausgerissen und war gezwungen bis Nordhausen weiterzufahren. Auch hier war mir ein Punkt bekannt, der jedoch ein paar Nachteile aufweist. Doch im Dunst am Horizont konnte ich bereits eine Böenfront erahnen, sodass ich mich für diesen schnell zu erreichenden Punkt entschied. Als ich gegen 20.15 Uhr ankam, wurde noch fix das Stativ aufgebaut und die Kamera fixiert. Da rief auch schon Markus an, der ebenfalls bald an der Abfahrt Nordhausen vorbeikommen wollte. Da ich kaum zu verfehlen war, teilte ich ihm meinen Standort mit und wir vereinbarten ein spontanes Treffen.


    Aus dem Dunst herausgetreten, offenbarte sich schließlich das Prachtexemplar einer Böenfront.



    Über der Böenfront zeigten sich Shelf-Ansätze.



    Ich legte es vor allem auf Panoramen an, die den Aufzug der geschlossenen Linie dokumentieren sollten.



    Detail - in Richtung Nordhausen fotografiert:



    Inzwischen gesellten sich Markus und Felix hinzu, die wild um mich herumwuselten. :grins


    Der folgende Witz ist alt - aber gut: Markus vor Arcus.



    Kurz darauf kündete aufziehender Staub von der am Boden trocken vorauseilenden Böenlinie. Ich entschied, ebenso wie die beiden, mich noch einmal vor die Linie zu setzen, zumal keine Abschwächungstendenzen erkennbar waren. Meine Fahrt führte mich zwei Abfahrten zurück nach Osten bis Roßla. Auf der Fahrt wurde ich kräftig durchgeschüttelt, während um mich herum Staubstürme tobten. Doch schließlich gewann ich einigen Abstand zur Böenfront und suchte mir schnell den nächsten Standort. Ein geeigneter Feldweg erschien alsbald.


    Das nochmalige Davorsetzen hatte sich gelohnt, denn jetzt war der obere Teil deutlich zu einer Shelfcloud herangewachsen.



    Ausschnitt:



    Nun entschied ich mich aber dafür, von dem Gerät überrollen zu lassen, da ich die maximale Entwicklung erwartete, womit ich auch richtig lag. Die Rückseite einer Squall line macht in der einbrechenden Dunkelheit immerhin auch viel Spaß.


    Zunächst aber erwartete ich den erneut aufziehenden Sturm, der sich wieder durch Staubaufwirbelungen ankündigte. Dieser vertrieb dann auch die Mücken, die sich zweimal ungefragt an mir bereicherten. (Rechnung folgt, ihr Biester!)



    Ein Stativaufbau lohnte bei den dann vorherrschenden Windgeschwindigkeiten nicht mehr. Somit sind die dann entstandenen Bilder im Zusammenspiel mit der einbrechenden Dunkelheit alle bei sehr hoher ISO (1600 und höher) aufgenommen, was auch eine Sony Alpha 7 nicht ohne stärkeres Rauschen verzeiht. Für dokumentatorische Zwecke reicht es allemal.


    Die vordere Kante der Böenfront zieht nach Osten ab und sorgt für enorme Kontraste.



    Über eine Viertelstunde wehten teils stürmische Böen, ohne dass auch nur ein Tropfen Regen fiel. Über mir zog sich dementsprechend ein ausgedehntes, turbulentes Wolkenfeld mit den "Lichtern Gottes".



    Man hatte fast schon ausgeblendet, dass im Hintergrund ja noch ein Gewitter heranzog, aber das regelmäßige Flackern wies dann doch darauf hin. Wenn der Wind zwischenzeitlich etwas schwächer wehte, konnte man sogar den ein oder anderen Donner vernehmen. Schließlich fielen die ersten Tropfen. Ich verkroch mich ins Auto und es setzte heftiger Starkregen ein, der dem Klang nach zu urteilen sogar mal kurzzeitig mit ein paar kleinen Hagelkörnchen durchsetzt war.


    Als der Regen etwas nachließ, wurden die Blitze immer besser sichtbar und es zogen zunehmend teils sich über den ganzen Himmel ausbreitende Crawler über mich hinweg und machten die einsetzende Nacht wieder zum Tag. Trotz widriger Umstände (fehlendes Autostativ), schaffte ich es irgendwie über kreative Bauten im Armaturenbereich diesen Crawler abzulichten:



    Nun war es für mich Zeit, die Linie auf dem Weg nach Osten wieder von hinten zu durchqueren, was im Zeitlupentempo gelang. Immer wieder durchquerte ich neue Starkregenzellen, war am Ende aber an der Vorderseite fast im Trockenen. Die Blitzaktivität hatte bereits nachgelassen. Einzelne tolle Entladungen gab es dennoch zu bestaunen. Ein Fotoversuch bei Lützen scheiterte, doch ich hatte genug gesehen und so begab ich mich mit der nächsten aufziehenden Zelle nach Hause und verfolgte von dort aus die letzten Blitze.


    Von der Jagd ist auch einiges an Videomaterial entstanden, welches ich dann später nachreiche, sobald ich wieder über ein halbwegs vernünftiges Videoschnittprogramm verfüge.



    Fazit:

    • Lieber Puffer einkalkulieren für gesperrte Abfahrten.
    • Freisprechanlage ist eine tolle Erfindung, gerade für Absprachen -> öfter nutzen!
    • Rapid Update ist sehr hilfreich, um kurzfristige Entscheidungen zu treffen, insofern synoptisch plausibel
    • rundum gelungenes Chasing mit den richtigen Entscheidungen und hohem Erlebniswert, toppt das Kaltfrontchasing von der Woche zuvor nochmal um ein tolles Gewitter
    • diverse technische Verbesserungen für zukünftige Chasings folgen, waren aber bereits ohnehin in Planung
    • Mückenspray bei abendlichen Chasings nicht vergessen!


    Viele Grüße
    Chris

    - wetterinteressiert und unwetterbegeistert seit Beginn der 2000er Jahre
    - TSC-Mitglied seit 2007
    - aktiver Chaser seit 2010

  • Erstmal Glückwunsch zu den schönen Fotos und einem offensichtlich erlebnisreichen Chasing!


    Mückenspray bei abendlichen Chasings nicht vergessen!


    Ich bin ja an dem Tag nicht mit Ronny mitgefahren, weil´s mir nicht so gut ging. Abends bin ich aber doch alleine nochmal kurz rausgefahren in der Hoffnung, ein paar Blitze einfangen zu können. Dabei hab ich dann gemerkt, dass bei abendlichen Chasings an dunklen Standorten auch eine Taschenlampe hilfreich wäre. Sollte ich das nächste Mal mit einstecken, damit man sich im Feld nicht noch die Knochen bricht.

  • Toller Bericht und schöne Bilder der lang ersehnten Böenline :)
    War schön, dass wir uns wenigstens kurz noch getroffen haben.


    • Lieber Puffer einkalkulieren für gesperrte Abfahrten.

    Check das wenn möglich auch über das Baustelleninfosystem, geht auch für andere Bundesländer.


    VG
    Markus

    1. Vorsitzender Thüringer Storm Chaser e.V.
    ESSL Voluntary Observer Person (Qualitätslevel QC1) (European Severe Storms Laboratory)
    Premium Advanced Spotter & Regionaler Ansprechpartner Thüringen (Skywarn Deutschland e.V.)
    Weitere Mitgliedschaften: Arbeitskreis Meteore e.V. • Cloud Appreciation Society