02.06.2023 I Fort Stockton TX I Superzellen mit Tornados

  • #fortstocktoning


    Ein großer Tag steht an! Die Bedingungen für Tornados im Trans Pecos sind heute sehr gut. Die Region kennen wir von unserem ersten Erfolg 2019 mit einem schwachen Tornado. So schön die Region ist, so schwierig sind aufgrund der Berge Straßen- und Sichtoptionen. Und mal abgesehen vom Tornado sind sehr großer Hagel und Überflutungen weitere Gefahren, die wir mit einberechnen müssen.





    Wir starten vom Vortag in Midland nach Südwesten Richtung Fort Stockton. Über dem Bergland löst bereits das erste Gewitter aus. Es sollte für uns noch von Bedeutung werden. Über den Highway 18 über Grandfalls schaffen wir es gerade so noch an der Zelle vorbei, die bereits deutlich rotiert.


    Wir müssen auf jeden Fall ostwärts und auf der Interstate 10 ein paar Meilen gut machen, um in Ruhe zu beobachten. Entscheidungen treffen und damit leben ist beim Storm Chasing essenziell. Das können manchmal kleine unbewusste Dinge sein, die einen Tag zum Highlight machen oder zum Flop.


    Eine solche Entscheidung war die Abfahrt zum Highway 385 an der Interstate 10 um nach Nordosten zu kommen und ggf. wieder nach Süden zurück. Als wir abfuhren, war jedoch eine Baustellenampel und Straßenführung auf eine Linie verengt. Ampelschaltungen dauern hier in den USA länger als bei uns zu Hause. Hinzu kommt, dass es durch viele andere Storm Chaser die Wartezeit noch länger werden könnte. Da die Zelle in Zugbahn dieser Ampel liegt entscheiden wir uns doch wieder zu drehen und auf der parallel verlaufenden Serviceroad der I-10 zu fahren. Es sollte die richtige Entscheidung sein.


    Erstmal sind wir noch allein und können in Ruhe das Spektakel beobachten. Der erste Blitz aus dem Amboss schlägt links von uns etwas weiter weg ein. Die Tornadowarnung ist bereits aktiv und wir können sehen, wie sich die Superzelle "tornadofreudig" reorganisiert.




    Zu diesem ganzen Gelage nimmt die Blitzaktivität deutlich zu. Es gibt wiederholt in kurzen Abständen Erdblitze mit Mehrfachentladung - vorn, links, rechts, hinter uns, neben uns und ein Donnerkonzert vom Feinsten. Wir sehen bereits wie sich die Fallstreifen des Regens in der Ferne in unterschiedliche Richtungen bewegen und dann geht es ganz schnell: Die Funnel ragt aus der Wolkenunterkante und binnen weniger Sekunden ist der Tornado etwa 2,5 Kilometer von uns entfernt am Boden.


    Bild: Thomas Klein




    Was für ein Moment! Wir haben eine großartige Struktur, einen schön geformten Tornado, der von einem Feuerwerk begleitet wird.

    Das Feuerwerk wurde aber dann zu gefährlich, da wir auch einige Naheinschläge in unserem Umfeld hatten. Es war eh höchste Zeit weiterzufahren, um östlich vor der Superzelle zu bleiben. Unsere Fahrt wurde von einem grellen wie auch knallendem Blitzspektakel begleitet. D.h. aber auch, dass wir erstmal nicht mehr so schnell halten werden.


    Und es war wieder "decision-time", Zeit sich zu entscheiden. Die asphaltierte Straße 285 nach Süden scheint zu passen. Wir müssen jedoch auch tanken. Ja, im Idealfall ist man vorher vollgetankt, was wir auch immer taten. Aber jüngst an diesem Tag haben wir uns gesagt, es reicht in Fort Stockton. Dort ging es aber nicht mehr, da die Superzelle schon zu nah war und bei Tornado-Warnung Tankstellen meist aus Sicherheitsgründen nicht mehr funktionieren.


    Das nächste Problem: Im Süden, wo wir hinwollen, gibt es auch nur begrenzt Tankstellen. Wir wollen aber keinesfalls knapp werden, schon gar nicht hier im Bergland mit Superzellen inklusive Großhagel und Tornados. Es wäre nicht hilfreich. Also müssen wir erstmal nach Nordosten nach Iraan ausweichen, um dort zu tanken. Glücklicherweise verlagert sich die Superzelle nicht so schnell. Wir werden sie noch einmal abfangen können. Team 2 meldet sich inzwischen, dass sie die Jagd aufgrund eines Schadens am Reifen (Nagel) abbrechen müssen und zurück nach Fort Stockton fahren.


    Wir fahren über Sheffield wieder nach Süden. Hier waren wir noch nicht. Wir hoffen, dass wir zwischen den Tälern auch Aussichtspunkte finden. Gleichzeitig müssen wir im Hinterkopf behalten, dass wir eine Fluchtroute brauchen. Wir finden auf halber Strecke nach Süden ein schönes Plateau mit weiter Sicht in alle Richtungen. Am Horizont sehen wir die Superzelle und bald die Basis darunter.


    Es entwickelt sich dahinter eine neue Zelle. Erneut gibt es eine Tornadowarnung für den nördlichen Teil. Wir können von unserer Position nur etwas erahnen. Wir verlagern weiter südwärts.

    Nachdem wir wieder eine Hochebene fanden, halten wir wieder. Die Blitzfrequenz erhöht sich wieder. Erneut knallt es vor, neben, hinter uns in die flache Landschaft. Ausnahmslos Erdblitze. Wir gehen schnell ins Auto zurück. Weiter südwärts.


    Währenddessen meldet Team 2, dass der Reifen gewechselt ist und sie wieder ostwärts fahren um die Superzelle wieder zu chasen. Das ging mal flott.

    Für uns ist wieder decision-time: Es gibt eine einzelne Zelle im Süden bei Sanderson. Unsere Superzelle im Norden baut derweil immer wieder südwärts an mit neuen Zellen, die sehr schnell beginnen zu rotieren. Wir rechnen zu dieser Zeit damit, dass sich die nördliche (alte) Superzelle mit der neuen im Süden verbindet. Wir könnten die Südzelle gerade noch erreichen, kommen dann aber auch weit nach Südosten im weiteren Verlauf entlang der mexikanischen Grenze. Das Thema Hagel aufsammeln ist auch noch offen und wäre im Norden eine Option, wo die die alte Superzelle entlanggezogen ist. Die Entscheidung fällt auf den Norden, jedoch abwartend zwischen beiden Superzellen, um den großen Hagel zu vermeiden.



    Es wird jedoch so ausgehen, dass die südliche Zelle sich nicht verbindet und losgelöst vom Einfluss der Nord-Zellen ihr eignes Ding machen kann. Und damit hat sie beste Entwicklungschancen. Dieser Umstand ist ziemlich simpel, aber war mir auch nicht in dem Moment so bewusst wie sonst. Jedenfalls wird diese Superzelle noch einen Tornado und ein Blitzfeuerwerk zur mexikanischen Grenze produzieren. Das hätten wir noch haben können. Team 2 hat mehr Glück! Es sind die Geschichten, die Storm Chasing schreibt: Erst schreibt man das Chasing mehr oder weniger aufgrund des Reifenschadens ab und dann schafft man noch die Superzelle mit Tornado und Blitzfeuerwerk an der mexikanischen Grenze. Wir waren näher dran zu Beginn und haben uns dann aber anders entschieden. Enttäuschung gibt es durchaus, aber aufgrund der überwältigenden Eindrücke zuvor ist diese auch gut kompensierbar. Ebenso durch sofortige Gespräche im Team.


    Das man emotional auch in der Situation anders reagiert verdeutlicht der erzwungene Versuch, noch durch die Rückseite der Superzelle zu gelangen. Es ist totaler Nonsens. Der Tornado hat inzwischen die Grenze überquert und wir müssten vor der Zelle stehen. Dahin kommen wir aufgrund von Hagel und Zeitverzögerung nicht mehr. Abbruch.


    Die anfängliche Enttäuschung wärt aber nicht lange, denn wir haben eine wunderbare Rückseite der Superzelle mit Blitzen, Mammatuswolken, großartigen Quellungen und in Kürze den Sonnenuntergang dazu. Das genießen wir bis zum letzten rötlichen Ton in den Wolken. Wir fahren zurück nach Fort Stockton für die Nacht.







    Als ich den Blogeintrag am nächsten Tag schreibe, sinkt bei allen im Team so langsam ein, was gestern und in der sehr aktiven Woche bisher passiert ist. Wir haben das längst nicht emotional verarbeitet. Heute Morgen waren alle noch etwas verkatert (nein, ohne Alkohol) und haben automatisch lange geschlafen. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass die Seele Verarbeitungszeit benötigt. Da das Gewitterpotenzial auch erstmal deutlich nach unten geht, haben wir Zeit für eine Pause und können ein paar Tage in den Sightseeing-Modus übergehen. Eine passende Entscheidung des Wettergotts.


    LG
    vom wahren Team 1 ;)


    Unsere Route vom 02.06.2023:


    2023-06-02_104630_Midland.gpx

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    1. Vorsitzender Thüringer Storm Chaser e.V.
    ESSL Voluntary Observer Person (Qualitätslevel QC1) (European Severe Storms Laboratory)
    Weitere Mitgliedschaften: Member of AMS Weatherband · Premium Advanced Spotter (Skywarn Deutschland e.V.) · Arbeitskreis Meteore e.V.