09.05.2020 | LP-Superzelle und Blitzshow in Bayern

  • Guten Morgen liebe Freunde,


    heute möchte ich euch von meinem ersten größeren Chasing 2020 erzählen. Zielgebiet sollte die Region rund um Landshut sein - von Leipzig aus eine Strecke von fast 400km. Bestärkend zu diesem Wahnsinn kam die unglaublich diffuse Wetterlage hinzu.



    In einer sehr homogenen, fast schon antizyklonalen Höhenströmung sollte sich in den frühen Nachmittagsstunden ein Bodentief im südöstlichen Alpenvorland bilden, welches mit seiner Bodenkonvergenz für genug Hebung sorgen könnte. Eine für Gewitter entsprechend potente Luftmasse würde zuvor durch eine relativ diffuse Warmfront nach Südbayern advehiert werden.


    Die CAPE würde in einem relativ kleinen Bereich lokal Werte von fast 2000 J/kg erreichen - die Auslöse dürfte jedoch mal wieder das Hauptproblem werden.

    Forecastsoundings prognostizierten eine relativ penetrante Absinkinversion in 800hPa, welche Gewitter zwar super isoliert, dieselben aber auch komplett verhindern kann.


    Scherungstechnisch war die Vorhersage zwischen den Modellen sehr unterschiedlich - viele kleinere Störungen in der Höhenströmung machten in einer Spanne von 20kn-40kn (0-6km Scherung) alles möglich. Dazu kam ein relativ grader Hodograph, der sowohl die Möglichkeit auf Left- als auch auf Rightmover offen lässt.


    Etwas Hoffnung ruhte auf den kleinen Störungen, die sich in dieser recht homogenen Strömung bilden und für genug Hebungsantrieb sorgen könnten. Leider sind die für die Modelle richtig schwer zu prognostizieren.


    Es würde also ein sehr unsicheres Pokerspiel werden, soviel war sicher.

    Aber der Sprit war günstig - Also fuhr ich los.



    Kurz vor meiner Ankunft bei Landshut gegen 12Uhr MESZ bildeten sich an der Bodenwarmfront bereits ein paar hochbasige Gewitter - ein gutes Zeichen. Der Regen und die danach scheinende Sonne sorgten im nu für Saunafeeling. Nach einem kurzen Nowcasting wurde schnell klar - weiter südlich sieht es besser aus. Nachdem nun auch mein Kumpel Sebastian aus Rheinhessen dazugestoßen war, gings auf Richtung Rosenheim - die 100km machens auch nicht mehr fett.


    Bereits aus der Ferne wurden über den Alpen erste gut gekippte Aufwinde sichtbar...Voller Vorfreude ging es weiter, tief hinein ins Alpenvorland.


    Etwas nördlich von Rosenheim beobachteten wir die ersten "ernsthaften" Gewitter - diese hingen jedoch weit im Alpenkamm, dennoch reichte es für die ersten paar Donner.


    Auch im Alpenvorland zeigten sich erste mächtig werdende Cu´s. Da sollte doch was gehen.


    Der 12z Temp von München zeigte gute Instabilität, allerdings auch die vielen kleinen Inversionen, welche weiter östlich tendenziell stärker ausgeprägt waren. An einer davon faulten auch diese Cu´s konsequent ab.

    CAPE, Messwerte Deutschland vom 09.05.2020, 14:00 Uhr | Messstationen Luftqualität


    Wir wussten also warum wir noch keine Gewitter außerhalb der Alpen zu Gesicht bekamen...aber würde sich das ändern? Die Stunden strichen dahin, Quellungen kamen und gingen, 15 Uhr, 16 Uhr, 17 Uhr, und nichts passierte. Gegen 18 Uhr - der Himmel plötzlich wie leer gefegt. Nur noch flache Ac, keine neuen Quellungen...wars das jetzt?

    Ernüchterung machte sich breit, die Wahrscheinlich mit nichts als ein paar Quellungen den 500km Rückweg anzutreten wuchs minütlich.


    Gegen 18 Uhr keimte erneut Hoffnung, wie durch ein Wunder keimten erneut Cu, die schnell wuchsen und nun auch ersten Niederschlag produzierten. Sah zwar optisch noch nicht nach viel aus, aber wir waren wieder im Rennen.

    Radar HD, Standort Isen - Radarbild vom 09.05.2020, 18:30 Uhr | kachelmannwetter


    In der Nachanalyse wird der eigentliche Grund für dieses "revival" sichtbar:

    Ein praktisch unsichbarer Minitrog, nicht mehr als eine kleine Störung, hier direkt an der Grenze zu Östreich (links neben der 568 gpdm Zahl) hatte sich gebildet und sorgte für Hebung (Negative Werte). Hier den zeitlichen Versatz beachten, gegen 18 Uhr (16UTC) lag dieser Trog noch weiter westlich.


    Mittlerweile ist es kurz vor 19 Uhr, die Basis einer Quellung wird zunehmend massiv, erster Niederschlag fällt. Als plötzlich das erste Donnergrollen über die Landschaft rollt, können wir unser Glück kaum fassen.


    Innerhalb von 15 Minuten explodiert diese kleine Zelle und fängt an, schnell nach Norden auszuscheren. Unsere einzige Hoffnung ist eine flotte Verlagerung.

    Radarbild 18:55: Radar HD, Standort Isen (Mitte) - Radarbild vom 09.05.2020, 18:55 Uhr | kachelmannwetter

    Radarbild 19:10: Radar HD, Standort Isen (Mitte) - Radarbild vom 09.05.2020, 19:10 Uhr | kachelmannwetter


    Als wir endlich davor stehen, zeigt sich die Zelle in voller Pracht, der freistehende Aufwind, die glatte Basis, rechts davon blauer Himmel und untergehende Sonne. Dazu Grillenzirpen, Donnergrollen...gibt es etwas schöneres? Diese Zelle ist übrigens ein Leftmover, heißt sie rotiert antizyklonal. Am einfachsten sieht man das (zumindest wenn man in Zugrichtung der Zelle steht) daran, dass der Niederschlagsbereich links vom Aufwind liegt.


    Nicht nur von Menschen werden wir Stormchaser oft argwöhnisch beäugt...



    Die abziehende Zelle im Abendlicht erzeugt eine magische Stimmung, wir stehen nur da und genießen...


    Rückseitig wird der eingedrehte Aufwind besonders gut sichtbar.


    Zeitraffer (falls der Anhang funktioniert): LP noch kleiner.mp4


    Wir besinnen uns auf einmal darauf, dass wir ja Chaser sind, und verfolgen die Zelle noch bis in die Nähe von Waldkraiburg, mittlerweile sieht sie aber nicht mehr so gut aus, auch die Sonne geht langsam unter. 20:30 - Sebastian bleibt noch ein bisschen da und fotografiert, ich muss eh nach Norden, daher schaue ich mir nochmal eine Zelle an, die grade an Landshut vorbeizieht.


    20:45 (Radar HD, Standort Isen (Mitte) - Radarbild vom 09.05.2020, 20:45 Uhr | kachelmannwetter) westlich von Vilsbiburg. Die Basis auf der linken Seite sieht ziemlich solide aus, im Niederschlag zucken erste Blitze. Die Zelle scheint fahrt aufzunehmen.


    Wolkenblitze zucken mittlerweile fast sekündlich, Donnergrollen, Grillen und Kirchturm-Läuten erzeugen eine mystische Stimmung.



    Mittlerweile sind die Blitze fast über meinem Kopf, da jedoch kaum nahe Erdblitze einschlagen, riskiere ich noch ein paar letzte Fotos direkt nach oben:



    Noch völlig geflasht (hihi) lasse ich die stark nach Süden ausscherende Zelle über mich ziehen und warte auf die Rückseite...zum Vorschein kommt der freistehende, vom Mond beleuchtete Eisschirm und die darunter zuckenden Blitze



    Selfietime:


    Der berühmte "Lampenschirm"



    Und dann kam was kommen musste...die 4h Heimfahrt... Aber Halleluja, das war es sowas von Wert!

    Danke fürs Lesen, bis bald.


    Anton

  • Ja, wunderbare Aufnahmen und schöner Bericht. Den ich so nicht hinbekommen würde...


    Chapeau!


    Kann man denn dort besser verfolgen, oder ist es auch so hügelig wie hier?

    Dankeschön! Die Region ist auch relativ hügelig, viele Einfahrten enden direkt im Privatgrund von irgendjemandem. und Nord/Süd Verlagerung zwischen Rosenheim und Landshut geht fast nur über Landstraße.

    Trotzdem findet man erstaunlicherweise überall gute Standorte. Liegt hauptsächlich daran, dass nicht jeder Hügel komplett bewaldet ist.