2023-06-22 I SCHWERGEWITTER - Unwettergefahr!

  • Am Donnerstag steht in der 2. Tageshälfte eine Gewitterlage mit Unwetterpotential in Thüringen an.


    Gefahren:

    • Blitzschlag
    • ergiebiger Starkregen -> plötzliche Überflutungen
    • Hagel (2-4 cm Größe, vereinzelt bis 5cm möglich) -> Verletzungen möglich, Schäden an PKW/Gebäuden
    • Windböen zw. 80 und 100 km/h, bei breiten Gewitterlinien auch über 100 km/h möglich -> umstürzende Bäume, umherfliegende Gegenstände, Schäden an Gebäuden
    • Tornado -> Schäden an Vegetation, Gebäuden, Infrastruktur


    Lage:

    Die genaue Entwicklung hängt am Bodentief und dessen Verlagerung.


    -> Das Tief bildet sich aktuell (Mittwochabend) vorderseitig des Trogs über Spanien (Leezyklone)
    --> es wandert mit dem Trog gestüzt vom rechten Jeteingang (Divergenz in der Höhe) nordostwärts
    ---> wird sich morgen im Bereich Nordwestfrankreich/Belgien/NRW einnisten
    ----> Konvergenz des Tiefs quer von RLP, HE nach TH (Wald) -> Bodenwarmfront
    -----> Nordseite enorm viel Feuchte (Feuchtekonvergenz beachten!)


    Prognose-Sounding und Hodograph für Raum Erfurt, 17 Uhr MESZ:


    -> Boden Nordost-Wind, untere 3km Drehung auf 70 km/h auf Südwest -> sehr starke Scherung -> hohe Helizität

    -> Starker Deckel in TH vorher -> wird der Deckel gebrochen? Falls ja, wann?

    -> Hagel 2-4cm, maximal 5-6cm möglich


    Hodograph:

    -> nicht super rund, eher langgestreckt

    -> 0-1km sehr starke Scherung

    -> 35kn (67 km/h) Scherung, streamwise

    -> hohe SRH

    -> moderate Verlagerung im Falle von Superzellen (etwa 40 km/h)

    -> bei Bogenecho oder Gewitterlinien deutlich schnellere Verlagerung


    Möglicher Ablauf:


    -> morgens Restkonvektion aus der Nacht, nach NO abziehend -> erst einmal Vormittagsdepression

    --> Unsicherheit: Outflow Boundary der Restkonvektion? -> möglicherweise weitere Zündunschnur für Sachsen-Anhalt, wenn sie am Nordharz für Konvergenz sorgt


    -> nachmittags Heranziehen von Superzellen aus HE möglich oder Neubildung in TH bzw. Thüringer Wald (Deckel muss erst gebrochen werden, für Zellen in HE einfacher als hier in TH)

    --> sobald sie sich entwickeln, rasche Weiterentwicklung zu Superzellen


    -> vorderseitig der Kaltfront aus Westen Bilder von Clustern, später Linien, die einmal quer am Abend/1. Nachthälfte über TH ziehen

    --> Unsicherheit: Sollten keine Superzellen entstehen, räumt alle Energie die Gewitterlinie ab -> Bogenecho mit sehr starken geradlinigen Winden möglich (über 100 km/h denkbar)


    Chasing:


    -> Lage des Bodentiefs beachten (Windrichtung, Drucktendenz, erhöhte Taupunkte sowie Feuchteflusskonvergenz)

    -> Soundings von 14 Uhr, inbesondere Meiningen


    Updates folgen bei Bedarf und je nach Lage


    Stand: Lagebesprechung vom 21.06.2023, 21:00 Uhr von Anton Koetsche und Chris

    1. Vorsitzender Thüringer Storm Chaser e.V.
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  • Im Rahmen des Lageüberblicks noch der Estofex-Outlook und ein Auszug der Synoptischen Übersicht Kurzfrist des DWD von heute Morgen.


    Lageupdate folgt gleich separat.




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  • Lageupdate 13.30 Uhr:

    Die Feuchtekonvergenz etabliert sich am Nordrand des Thüringer Waldes. Die Drucktendenz deutet auf eine etwas östlichere Position des Tiefs hin. Das würde für Thüringen die Unwettervariante bestätigen.


    Die Modellläufe der letzten 12h haben nach wie vor noch Unterschiede im Detail. Einzelne vorlaufende Superzellen und nachrückende Gewitterlinie, oder nur Gewitterlinie am Abend oder teilweise nur einzelne Gewittercluster am Abend ohne viel Unwetter.


    In Betrachtung der aktuellen Entwicklung und Vergleich mit früheren Lagen (2003, 2005, 2006, 2013) ist die Option vorlaufende Superzellen und Gewitterlinie weiterhin wahrscheinlich.


    Es kommt nun auf die Details in der Entwicklung in den kommenden Stunden an. Das Bodentief dürfte sich verstärken und die Bodenwarmfront/Konvergenz bewegt sich leicht nach Norden. Gewitterauslöse wäre entlang von diesem Bereich ostwärts verlagernd. Hier sind Superzellen mit allen Begleiterscheinungen möglich.


    Danke an Anton Koetsche für die Unterstützung.

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  • Update 15:00 Uhr: Der Radiosondenaufstieg von Meiningen von 14 Uhr bestätigt das Unwetterpotenzial. Zeigt aber auch einen Deckel, der die Gewitterbildung erstmal noch unterdrückt. Weiter abwarten.


    https://kachelmannwetter.com/d…0z.html#obs-detail-R10548

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  • Günterode Flugplatz nahe A38/Scheune, gegen 18 Uhr.


    Auch für dieses Chasing kann ich leider zeitbedingt vorab erstmal nur zwei Eindrücke posten. Denn dieses Chasing war mein bisher bestes und eindrucksvollste Wettererlebnis in nun fast 15 Jahren Wetterbeobachtung. Die Tanzeinlage dieser hübschen "Südharzlady" sitzt mir immernoch tief in den Knochen. Sitze grad im Zug nach Flensburg und hab die zwei Bilder fertig gemacht. Immer wieder ziehen gedanklich einzelne Momente von gestern an mir vorbei.



    Nun gut mit Poesie.

    Schaut selbst und zoomt auch gerne mal ins Bild. Goprozeitraffer habe ich noch nicht gesichtet, von daher weiß ich noch nicht wie und wo an welcher Stelle etwas rotiert hat.



    Besonders hier, gibt es einige interessante Areale in der Wallcloud.



    Bin auf Eure Bilder gespannt.

    MfG, Peter.

  • Nachbetrachtung der Schwergewitterlage vom 22.06.2023


    Besten Dank an Felix Dietzsch für die fachliche Auswertung. Gern darf ergänzt und diskutiert werden.


    Sounding Meiningen von 14:00 Uhr:



    Quelle des Soundings: kachelmannwetter.com (interne Anmerkung: Grafiken mit Erklärungen dürfen verwendet/eingebunden werden)


    • Meiningen lag bereits südlich der Warmfront
    • antizyklonale Krümmung im Hodogrpahen
    • Labilität geht erst entkoppelt (aka elevated) oberhalb der Grenzschicht los
    • die Grenzschicht ist zu trocken
    • LCL (Hebungskondensationsniveau) bei ~ 1.400m -> generell hochbasig und viel zu hoch für die Tornadobildung


    Sounding Meiningen von 20:00 Uhr:


    Link: https://kachelmannwetter.com/d…00z.html#obs-detail-10548


    • LCL (Hebungskondensationsniveau) noch höher bei ~ 1.800m -> geht’s noch höher?
    • Labilität bleibt entkoppelt (aka elevated) oberhalb der Grenzschicht
    • Weiterhin in der Grenzschicht zu trocken
    • Keine ausreichende Anfeuchtung in der Grundschicht, um Profile zu modifizieren


    Modelle vs. Realität (u.A. Abgleich mit Super HD Mesoanalyse):

    1. Konvergenz über dem Thüringer Wald war wie vorhergesagt da, jedoch zu schwach -> keine weitere Hebung aus der Höhe


    2. Feuchtekonvergenz am Nordrand des Thüringer Waldes war nicht stark ausgeprägt wie erwartet, danach (nach Norden) gleich Divergenz


    3. Generell zu trocken in der Grenzschicht, vorher keine Anfeuchtung


    4. Mittelhohe Bewölkung/leichte Niederschläge haben die Lapse Rates negativ beeinflusst (diese Möglichkeit wurde von Anton am Vorabend im Modellsounding des ID2 angesprochen)


    5. Kompensatorisches Absinken durch die konvektiven Systeme nördlich von uns


    Keine Südharzzelle?


    Nachbetrachtung via Radar: https://kachelmannwetter.com/d…hland/20230622-1230z.html


    Spätere „Kassel-Zelle“:


    • Zunächst Verlagerung mit der Höhenströmung von Südwest nach Nordost

    • Verstärkung durch Bergland, Anbau neuen Zellkerns nach Süden
    https://kachelmannwetter.com/d…falen/20230622-1245z.html

    • Neuer Zellkern wird mit einbezogen („Cell-Merger“)
    https://kachelmannwetter.com/d…falen/20230622-1310z.html

    • hinter dem Rothaargebirge vordringen in die Grundschicht -> beginnt auszuscheren
    https://kachelmannwetter.com/d…falen/20230622-1340z.html


    • Deutliche und sehr schnelle Verstärkung (regelrechte Explosion im Radar)
    https://kachelmannwetter.com/d…falen/20230622-1400z.html


    • Sehr starker Downburst innerhalb von 5min (siehe Faltung mit den weißen/orangen Farben -> über 120 km/h)
    https://kachelmannwetter.com/d…srcde-vsweep-1km-fld.html


    • Höhepunkt um Kassel, danach Abschwächung mit Downburst
    https://kachelmannwetter.com/d…essen/20230622-1450z.html

    • Am/über dem Harz wieder entkoppelt (elevated), da sie in trockene Luftmasse reingezogen ist -> dadurch einerseits Verlagerung mit der Höhenströmung über dem Harz und dennoch weiterhin erhöhtes Downburstpotenzial aufgrund der trockenen Grundschicht (Verdunstungsabkühlung -> Beschleunigung)
    https://kachelmannwetter.com/d…essen/20230622-1520z.html


    Wieso zog die Zelle über den Harz hinweg, wo sie sonst kaputt gehen würde?


    Der Harz hat lokal modifizierende Faktoren, wenn die Prozesse von der Grundschicht gesteuert werden. Bei dieser Lage haben die großräumigen starken dynamischen Prozesse die lokalen Effekte überlagert. Hinzu kam die trockene Grundschicht im Bereich Thüringen/Sachsen-Anhalt.

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