Beiträge von Anton Koetsche

    Hallo Zusammen,


    am 14.09.2022 fuhren Marco und ich sehr spontan in Richtung Nordbayern/Franken, um eine recht interessantes Mid-September Setup zu chasen. Ausgangslage war eine gut ausgeprägte Luftmassengrenze über Mitteldeutschland, an der sich immer wieder kleinere Wellenstörungen ausbildeten.



    Entlang der LMG herrschte bereits initial etwas erhöhte Low Level Shear mit 15-20kn und SRH mit 100-200 m2/s2, außerdem lagen die Wolkenbasen durch den vorangegangenen Regen praktisch auf Bodenniveau. Energie war recht wenig vorhanden, aber für ein paar konvektive Zellen würde es reichen. Marco und ich entschieden uns für ein Gespann aus mehreren Zellen, welches sich mit einer Konvergenz langsam nach Südosten verlagerte (Radar HD+, Regenradar vom 14.09.2022, 19:00 Uhr - Schweinfurt | Wetter von kachelmann.). Die Scherung war mit bloßem Auge deutlich sichtbar, während über uns der tiefe Stratus aus SW auf die Zelle zuströmte, bewegte sich der abgesenkte Bereich langsam auf uns zu. Immer wieder kam es zu kleineren Verwirbelungen. Unser Standort hier war leicht oberhalb von Erbshausen-Sulzwiesen.



    Gegen 19:00 überquerte uns die Konvergenz, entlang der Wolkenkante wurde es zunehmend interessant.


    (Quelle: Live-Wetteranalyse für Deutschland, Feuchtefluss in Bodennähe (10^-7/s) | SuperHD (Mesoanalyse) | Wetter von kachelmann.)


    Offenbar bildete sich entlang der Konvergenz, unterstützt durch erhöhte Feuchtekonvergenz, ein neuer kleiner Aufwind der schnell begann zu rotieren (Auch sichtbar in den Doppler Sweeps Doppler-Sweeps vom 14.09.2022, 19:00 Uhr - Offenthal (Ost) | Wetter von kachelmann.). Die Wolkenbasis senke sich zunehmend, und erste kleine "Vorticity Noodles" wurden sichtbar. Die Zirkulation wickelte sich ein, Marco und ich befanden uns zu dieser Zeit im "RFD", also im relativ sicheren Bereich hinter der Rotation und konnten diese ungestört beobachten. Die Rotation wuchs schnell zu einem weit zum Boden kondensierten Funnel, darin wurden zeitweise "Suction Vorticies" sichtbar - kleine schnellere Rotationen innerhalb der Hauptrotation. Im Folgenden das gesamte Video der Tornadogenese leicht beschleunigt. Wir schauen zu diesem Zeitpunkt von Erbshausen Richtung Bergtheim (der Kirchturm des Dorfs ist unten rechts zu sehen)


    P1360670.mp4


    Und hier nochmal Marcos Video in Originalgeschwindigkeit mit unseren Audiokommentaren :D


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    Nachdem sich der Funnel abschwächte, bewegten wir uns weiter Richtung Osten, um die Zirkulation weiter zu beobachten. Dabei hatten wir einen tollen Blick auf den eingedrehten Aufwind (Siehe Marcos Video). Die Bodenkonvergenz war immer noch deutlich ausgeprägt, aber die Zelle schwächelte zunehmend. Es wurde auch langsam dunkel und eine Suche nach Schäden gestaltete sich schwierig, da der anhaltende Regen sämtliche Feldwege in Mudroads verwandelt hatte.


    Alles in allem bleibt nur zu sagen - was für ein spannendes Chasing (und das Mitte September! ).

    Danke für die Ergänzung deines Zeitraffers. Ich denke orografisch spielte der westliche Thüringen Wald bzw das Eichsfeld besonders in der Entstehung eine Rolle.

    Flach war diese Superzelle in dem Sinne, dass die Rotation besonders auf die unteren 3km oder so begrenzt war. Sieht man ja auch schon dass der obere Bereich des Aufwindes nur wenig Rotation zeigt. Die Aufwinde waren dabei aber trotzdem sehr hochreichend, also in dem Sinne Low Topped war sie nicht.

    Prolog:

    Wenn bei Vorbesprechungen der Gewitterlage am 16.05.2022 eines nicht in Betracht gezogen wurde, dann mit Sicherheit eine langlebige Superzelle in Thüringen. Zu schwach die Dynamik, zu wenig CAPE vorhanden. Und doch entstand an der Thüringisch - Hessischen Grenze gegen 16 Uhr ein Gewitter, dass in 3h rund 80km bis in die Region Nohra zurücklegte und dabei insbesondere in den unteren 3km fast dauerhaft eine deutliche Rotation aufwies.



    Komposit mehrerer Radarbilder. Quelle der ursprünglichen Radarbilder: Skywarn Deutschland e.V. - IRAS (React App)


    Synoptik:

    Am frühen Nachmittag des 16.05.2022 erstreckt sich am Boden eine Tiefdruckrinne vom Ärmelkanal über Mitteldeutschland bis hinab zur Adria. In der Höhe bewegt sich ein subtiler Kurzwellentrog über Sachsen hinweg, während sich ein gut ausgeprägter Höhentrog von Großbritannien über BENELUX bis nach Südfrankreich erstreckt.

    Während der erste subtile Trog hauptsächlich die mittäglichen Regenfälle in Thüringen begünstigt, sorgt der gut ausgeprägte Trog für die nötige Hebung bei der späteren Gewitterlage.




    Die Warmfront eines ersten Bodentiefs bewegt sich gegen Mittag und am frühen Nachmittag in Form eines schmalen Regenbands über Thüringen hinweg. Dahinter strömt deutlich feuchtere und labilere Luftmasse ein. Die zusätzliche Sonneneinstrahlung sorgt mit der durch den Regen angefeuchteten Luft für günstige Energieverhältnisse. Einstrahlungsbedingt, unterstützt durch die Hebung des aus Westen hereinkommenden Troges, entwickelte sich im Laufe des Nachmittags ein lokales Hitzetief im Bereich des westlichen Thüringer Waldes. Das ist z.B. sichtbar an der 3h Drucktendenz, die deutlich fallende Druckwerte im Bereich Eisenach - Gotha - Erfurt aufweist: Luftdruckänderung, 3std, Messwerte Thüringen vom 16.05.2022, 16:00 Uhr | Wetter von kachelmann.

    Spannend ist auch der Feuchtefluss in Bodennähe (SuperHD Mesoanalyse - Quelle: Feuchtefluss in Bodennähe (10^-7/s) - Wetteranalyse vom 16.05.2022, 16:00 Uhr für Thüringen | SuperHD (Mesoanalyse) | Wetter von kachelmann.). Blaue Werte bedeuten hier Konvergenz und Advektion von Feuchte . Genau in Zugbahn der Superzelle ist eine markante Feuchtekonvergenz auszumachen - etwa von Eisenach bis nach Nohra:




    Markant ist auch die Drehung des Bodenwindes von Südwind südlich der Konvergenz und Ostwind knapp nördlich der Konvergenz. Es ist zu vermuten, dass diese Konvergenz der Bodenwarmfront des lokalen Hitzetiefs geschuldet ist. Eine Superzelle ,die sich entlang der Bodenwarmfront eines Tiefs bewegt, profitiert sowohl von der Feuchtekonvergenz als auch von der erhöhten Windscherung durch die Warmluftadvektion. Sowas klappt für gewöhnlich eher in den Staaten, aber in sehr kleinem Maßstab können wir uns hier auch immer mal darüber freuen. Analysesoundings des ID2 zeigen in Zugbahn der Superzelle ca. 800 J/kg MLCAPE sowie 0-3km SRH Werte von rund 130 m^2s^2. Letzterer Wert ist entscheidend für die Rotation von Gewitteraufwinden. Die magische Grenze für Superzellen liegt bei ca. 150 m^2s^2. In Anbetracht dessen, dass die SRH im Bereich von starken Gewittern aber tendenziell noch etwas erhöht ist und die 150 m^2s^2 eher eine fließende Grenze ist lässt sich sagen: Die Bedingungen für eine Superzelle waren gegeben.


    Ablauf:

    Bereits aus großer Ferne war ab ca. 15:30 eine markante Quellung westlich von Eisenach zu erkennen. Diese wuchs zusehends, gegen 16:00 Uhr wurde die Zelle dann auch durch hohe Radarreflektivität auffällig. Markus war im Anfangsstadium der Zelle zugegen und berichtete bereits da von deutlich sichtbarer Rotation. Entsprechende Bilder zeigen bereits im frühen Stadium eine deutliche Trennung von Auf- und Abwind. Die Bilder finden sich hier: 2022-05-16-17 GEWITTER


    Zeitraffer:

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    Auch ein Blick in die Doppler Radar Daten zeigen in verschiedenen Höhen einen Dipol, der auf Rotation hinweist: Doppler-Sweeps vom 16.05.2022, 16:30 Uhr - Neuhaus (Nordwest) | Wetter von kachelmann.


    Von 17-18 Uhr MESZ hatte ich von meinem Standpunkt östlich von Gotha die Möglichkeit, die heranziehende Zelle zu Zeitraffern. Schön sichtbar sind die dauerhaft rotierende Basis und die darüber neu hochgehenden Aufwinde. Auch die bodennahe Südströmung wird durch die flachen Cumuli sichtbar:


    Raffer_SZ_komplett.mp4


    Kurz nach 18 Uhr ereignete sich genau über meinem Standort eine mehr oder weniger bilderbuchartige RFD Surge, wobei der Rear Flank Downdraft (RFD) die Aufwindbasis unterläuft und diese in eine Art Hufeisenform bringt. Dieses Stadium ist besonders relevant für die Tornadoentstehung, da durch den oft rabiaten Vorstoß des RFD verstärkt bodennahe Rotation erzeugt wird. So waren auch bei dieser Superzelle deutliche Wirbel und ein RFD Clear Slot erkennbar:


    Rotation.mp4


    Um 18:45 an der Autobahnabfahrt Nohra zeigt sich die Zelle bereits deutlich geschwächt, die Basis verliert an Größe und die Zelle wird in den folgenden Minuten zunehmend outflowdominant:



    Das Leben der Zelle würde ich somit gegen 19 Uhr für beendet erklären. Alles in allem eine tolle, langsam ziehende Superzelle, mit der an diesem Tag wohl niemand gerechnet hätte. Umso mehr erweist sich mal wieder der Nowcast als entscheidend. Besonders die Mesoanalyse des Feuchteflusses auf Kachelmannwetter (unter Rubrik Live-Wetter) kann ich ja nur jedem ans Herz legen.

    Schließen möchte ich diese Analyse mit dem, von mir während der Besprechung am Vorabend so in etwa geäußerten, Satz: "Mit guter Struktur muss man morgen nicht rechnen".

    ***Update***


    Aktuelle Lage

    Ein Bodentief mit Kern über dem Ruhrpott verlagert seine Warmfront langsam nach Osten. Diese ist durch ein schmales Niederschlagsband gekennzeichnet, dieses liegt aktuell über dem Thüringer Wald an der Thüringisch- Hessischen Grenze. Erste schwache konvektive entkoppelte Zellen sind in diesem Band bereits aktiv.


    Verlauf

    Das Bodentief verlagert sich weiter nach Osten. Hinter dem Niederschlagsband der Warmfront scheint die Sonne und sorgt für energiereiche Luftmasse. Erste Gewitter bilden sich ab ca. 14 Uhr MESZ über dem westlichen Thüringer Wald und dem Eichsfeld. Diese verclustern zunehmend und ziehen bis zum späten Abend über weite Teile Thüringens und Sachsens hinweg.


    Modelle

    Aktuell wird die Entwicklung am besten von FHD (Arome) , EZ4 und ID2 (Icon D2) erfasst. Der ID2 6z Lauf ist etwas pessimistisch mit der Auslöse über Westthüringen - vermutlich aber ein Ausrutscher.


    Hauptgefahren

    Wie im Hauptpost ganz oben auf der Seite.


    Wetterlage/Ablauf:


    Vorderseitig einer nahenden Kaltfront erstreckt sich eine Tiefdruckrinne über Thüringen bis ins Böhmische Becken. In diesem Bereich sind höhere Theta Ae Werte sichtbar, was eine feuchte und/oder warme Luftmasse andeutet. In diesem Fall sind diese hohen Werte vor allem durch ein feuchtes Band in 850 hPa zu erklären.

    Modellkarten für Deutschland (Relative Luftfeuchtigkeit, 850hPa) | Mitteleuropa Super HD (3 Tage)

    Die meisten hochauflösenden Modelle rechnen eine schöne kleine Konvergenz die sich ab Nachmittags im Lee des Harzes durch die Schwache NW Strömung bildet. (Modellkarten für Sachsen-Anhalt (Windrichtung und Windmittel) | Mitteleuropa Super HD (3 Tage))

    Diese wird gegen Abend verstärkt durch die hereinkommende Kaltfront. Gleichzeitig schwenkt in der Höhe ein schwacher Kurzwellentrog drüber, der aber für den nötigen Hebungspush sorgen könnte (highres_gfs_dt.html).

    Die späte Konvektion in den Modellen ist elevated und startet aus der feuchten Schicht in und um 850hPa die heute im Tagesverlauf aus Süden reingesuppt kommt (dieses Feuchteband ist bereits am Samstag über uns hinweg und hat für die paar Wolken gesorgt. Dann blieb es über Bayern liegen und jetzt kommt es langsam zurückgesuppt).


    CAPE Werte bewegen sich je nach Modell zwischen 100 und 300 J/kg. Die mittlere Troposphäre ist allerdings trocken und daher labilisierbar, sofern genug Hebung stattfindet.

    Modellkarten für Deutschland (CAPE) | Mitteleuropa Super HD (3 Tage)


    Impact:


    Sollten sich am Abend Gewitter bilden bleiben diese wahrscheinlich entkoppelt und sind am ehesten für Blitze interessant. Die hochreichend durchmischte Grundschicht könnte Fallböen in Gewitternähe begünstigen.



    Man kann sagen, es spielen viele Faktoren eine Rolle und das Timing muss passen (wie immer ^^)

    ***UPDATE***


    Aktuelle Lage:


    Lasset die Einstrahlung beginnen! Aktuell starke Einstrahlung in Thüringen östlich von Erfurt und im gesamten Raum Sachsen:

    Satellit HD, Deutschland | Wetter von kachelmann.


    Dementsprechend steigen die Temperaturen in Sachsen und Thüringen zügig und die Taupunkte analog dazu. Ein Bodentief liegt über dem Dreiländereck SN/ST/BB und bewegt sich weiter Richtung Berlin. Hier schön im "eingedrehten" Windfeld zu sehen:

    Windrichtung, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Auf dessen W und SW Seite hat der Wind auf NW gedreht und maritime Luftmasse wird aus Richtung Ostsee herantransportiert. Diese erwärmt sich zwar auf dem Weg zu uns, trotzdem ist in den Temperaturen aktuell ein Sprung zu sehen, zwischen sehr warmer kontinentaler Luft in einer Achse Dresden-Berlin, und der sich anwärmenden maritimen Luft westlich davon:

    Temperatur 2m, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Zum weiteren Ablauf:


    Der nördliche Tiefkern bewegt sich weiter Richtung Berlin, währenddessen bildet sich im Tagesverlauf ein weiterer Tiefkern über Nordtschechien/Südsachsen aus. Dieses sorgt für eine Nordkomponente des Windes auf das Erzgebirge und bestimmt über den Entstehungsort der ersten Zellen. Hierfür das Windfeld und die dreistündige Drucktendenz im Auge behalten:

    Luftdruckänderung, 3std, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Die Modelle:


    SuperHD 0z ist sehr zögerlich mit den Gewittersignalen und beschränkt die Auslöse auf das Erzgebirgsvorland. Dieser Lauf gibt die aktuelle Bewölkung allerdings nicht gut wieder, der 0z ist daher eher zu vernachlässigen, dazu auch ein Kommentar von Janek:

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    Arome (FHD) 3z hat eine deutliche Gewitteroption für Thüringen, erfasst die aktuelle Bodentiefentwicklung und damit das Windfeld nicht gut. Auch diesen Lauf würde ich daher nicht als Aussagekräftig erachten.


    ECMWFbase Swiss HD (EZ4) 0z erfasst sowohl die Bodentiefentwicklung als auch die aktuelle Bedeckung sehr gut. Temperatur und Taupunktverteilung passt ebenfalls, auch wenn die Taupunkte besonders Richtung Ostthüringen leicht zu hoch sind. Das Modell rechnet die Auslöse gegen 16 Uhr im Vogtland, mit anschließender NO Verlagerung von potentielle Superzellen Richtung Leipzig. Diesen Lauf würde ich als repräsentativ erachten.


    Rapid Update ICON-D2 (ID2) 6z erfasst die aktuelle Bodentiefentwicklung ähnlich gut wie das EZ4, ebenso die Taupunkt und Temperaturverteilung. Die aktuelle Bedeckung überschätzt das ID2 allerdings leicht. Die Auslöse im ID2 beginnt relativ spät gegen 18 Uhr im Dresdener Raum, mit einer relativ isolierten Zelle, die sich Richtung Berlin verlagert. Auch diese Option scheint für mich plausibel.


    Zusammenfassung:

    ID2 und EZ4 sind nach aktuellem Stand die besten Modelle für weitere Vorhersage. Das EZ4 ist für mich persönlich aktuell am glaubwürdigsten, weil es die Strahlungssituation am besten wiedergibt und damit den Schwerpunkt der neuerlichen Bodentiefentwicklung vermutlich am besten erfasst. Neuere Läufe des ID2 sind zu beachten, ebenso wie der 6z des SHD der noch vor auslöse verfügbar sein sollte.

    Sonntag 09.05.


    Anfang nächster Woche bahnt sich eine potentiell gewitterträchtige Wetterlage an. Bereits am Sonntag liegt Deutschland auf der Vorderseite eines ausgedehnten Troges, der sich von den britischen Inseln bis Nordafrika erstreckt. Die vorherrschende S-SW Strömung transportiert warmfeuchte Luftmassen nach Mitteleuropa. Am Sonntag scheinen Gewitter im Mitteldeutschen Raum jedoch weitestgehend ausgeschlossen, da wir noch durch trockenere, kontinentale Luftmassen aus SO beeinflusst werden. Auch synoptische Hebung im großen Stil bleibt durch die zu westliche Lage der Frontalzone aus, abgesehen von orographischen Effekten. Die energiereichere Luftmasse aus Südwesten greift nur auf den äußersten Westen/Nordwesten, sowie die BENELUX Staaten und Frankreich über. Dort sind am Sonntag mit Durchgang der Kaltfront Gewitter wahrscheinlich.



    Montag 10.05.


    Im Verlauf der Nacht von Sonntag zu Montag bewegt sich die Kaltfront Richtung Osten, im Verlauf des Montags kommt sie über Mitteldeutschland zum erliegen. Gefördert durch die über den Tag stattfindende Erwärmung bilden sich entlang der schleifenden Kaltfront voraussichtlich mehrere Bodentiefs, die durch das Konvergieren von energiereicher Luftmasse die Gewitterentstehung fördern können. Die Lage der Kaltfront am Montag Vormittag und die tagsüber stattfindende Einstrahlung, sowie orographische Effekte entscheiden über die genaue Lage und Stärke des/der Bodentiefs. Diese Entwicklung ist noch sehr unsicher und entscheidet maßgeblich über die Qualität der montäglichen Gewitterlage. Aktuelle Läufe von GFS und ICON rechnen eher mit der Ausprägung einer Tiefdruckrinne von Vogtland bis Berlin, mit CAPE Werten zwischen 400 und 900 J/kg und einem gut gescherten Windprofil. Aber Achtung: bereits eine geringfügige Timing-Änderung der Kaltfront kann sich positiv oder negativ auf die Lage auswirken, die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten!




    Dienstag 11.05.


    In bisherigen Modellläufen bleibt uns die Lage an der stationären Frontalzone auch am Dienstag erhalten. Obwohl sich die Lage der "Gewitterhotspots" am Dienstag bisher auf den Tschechischen und Südbayrischen Raum beschränkt, sollte die Lage weiter im Auge behalten werden, denn oben angesprochene geringfügige Lageänderungen von Bodentiefs und Frontalzone können zu einer entsprechenden Verschiebung der "Gewitterhotspots" führen. Die weitere Entwicklung zur Wochenmitte hin bleibt ebenfalls Abzuwarten, ein günstiges abschnüren des Höhentiefs über dem Mittelmeer könnte eine regen- und gewitterreiche Ostwetterlage begünstigen.



    STAND 07.05.2021 14:05

    Hallo Zusammen,


    der Herbst ist eine schöne Zeit, um die Gewittersaison zu rekapitulieren. Hier und da bleiben immer mal Berichte liegen, zu denen man bisher nicht gekommen ist - so auch dieser vom 26.06.2020. An diesem Tag war ich in Tschechien und Österreich im Raum Brünn-Wien unterwegs. Eine Gegend, die mir zum Chasen zunehmend ans Herz wächst .^^



    Die Wetterlage ist eigentlich bezeichnend für die Saison 2020 - ein abgetropftes Höhentief über Tschechien vor dem eigentlichen Haupttrog über Großbritannien bewegt sich langsam nordwärts und killt jedwede Dynamik der deutschen Gewitterlage. Umso interessanter ist es jedoch südlich des Höhentiefs. Eine bodennahe SSO Strömung im Bereich Wien - Brünn überlappt sich mit einer starken Höhenströmung aus WSW. Die Kombination mit moderaten CAPE Werten schafft eine schöne Superzellenumgebung.

    Während Rechnungen des Vortags die Gewitter in SW Tschechien platzierten wurde am selben Tag schnell klar - die Sache verlagert sich noch weiter nach Süden.



    Estofex bedachte weite Teile meines Zielgebiets jedoch nur mit einem Vorsichtigen Level 1 - Grund: Unsicherheiten bei der Auslöse. Ein Sounding von Wien 12z zeigt schön die gut gescherte, aber auch gut gedeckelte Luftmasse mit einer Absinkinversion in 850hPa, welche zunächst überwunden werden muss.

    Temperatur, 850hPa, Messwerte Österreich vom 26.06.2020, 14:00 Uhr | Messstationen Luftqualität


    Ich vertraue trotzdem auf die Südoption und platziere mich südöstlich von Wien. Gegen 14 Uhr bildet sich ein vielversprechendes Cu-Feld zwischen Wien und Wien Neustadt - kurze Zeit später erscheinen die ersten zwei Zellen auf Radar:

    Radar, Regenradar vom 26.06.2020, 15:20 Uhr - Niederösterreich | Wetter von kachelmann.


    Ich setze auf die südliche Zelle, weil ich vermute, dass diese die direktere Energiezufuhr aus SSO bekommen würde. Auch war die südliche Zelle nah am Alpenrand, während die nördliche noch weit im Bergland hing. Frage war nun, schaffen die Zellen den "Sprung" aus den Bergen ins Alpenvorland? Der böige SSO Wind mit 10-15kn strömt direkt auf den Alpenrand und sollte den Zellen beim wachsen helfen.



    Im Vordergrund die südliche, im Hintergrund die nördliche Zelle. Beide sind noch elevated und haben sichtbar mit der Inversion zu kämpfen.




    Wieder erwarten verstärkt sich die nördliche Zelle, während sich der südliche Aufwind abschwächt, und langsam mit dem der nördlichen Zelle verschmilzt.




    Während sich beide Zellen vereinen verschwinden alle Strukturansätze - eigentlich nur noch graue Pampe.




    Langsam wird wieder eine Basis sichtbar - trotzdem sieht die Zelle alles andere als gesund aus. Nach wie vor scheint die Basis elevated und der Aufwind nicht sehr kraftvoll.



    So wirklich will sie sich nicht berappeln - die Basis wird immer dünner und scheint kurz vorm Zerfall




    Die Basis wird wieder etwas dichter und strukturiert sich, gleichzeitig wird der Niederschlagskern aber durchsichtiger. Da die Zelle nicht mehr ausschert stehe ich etwas zu weit südlich für einen optimalen Blick auf die Basis. Aber ich bleibe stehen und genieße den Anblick der vorbeiziehenden Zelle.




    Die abziehende Zelle über der kleinen Kapelle ergibt ein tolles Motiv.




    Kurze Zeit später beginnt sich die Basis von unten aufzulösen


    Noch während die Zelle ihr Leben aushaucht explodiert Richtung Brünn eine weitere Zelle. Zeitgleich bewegt sich ein Leftmover mit starkem Kern aus Süden in meine Richtung. Trotzdem mit der Leftmover näher ist, entscheide ich mich für die Zelle Richtung Brünn, da ich dort auf bessere Strukturen hoffe.

    Radar, Regenradar vom 26.06.2020, 18:00 Uhr - Niederösterreich | Wetter von kachelmann.




    Bereits auf der Anfahrt ist der mächtige Aufwind der Superzelle zu sehen. Leider bin ich etwas spät dran - glücklicherweise schert die Zelle nach Süden aus, ich stoppe bei der nächsten Gelegenheit, um einen Blick auf die Basis zu bekommen.



    Die schön abgerundete Basis sieht toll aus, leider hört der Aufwind abermals auf auszuscheren und bewegt sich mit der Hauptströmung nach Norden.




    Die abziehende Mesozyklone über dem Schloss Mikulov mit einem schönen CG ergibt ein tolles Motiv.


    Noch während sich diese Mesozyklone abschwächt, entwickelt sich am Südende des Systems ein neuer Aufwind. Diese zyklischen Superzellen erzeugen während ihres Lebenszyklus meist etliche Mesozyklonen, die alle ungefähr der selben Zugbahn folgen. Wie in diesem Fall bleibt das System dabei häufig quasi stationär. In den USA sind zyklische Superzellen mit verantwortlich für die schwersten Tornado-Outbreaks, da mehrere Tornados in kurzen Zeitabständen die selben Gebiete überqueren - häufig sind dabei mehrere Tornados gleichzeitig am Boden.

    Diese Gefahr bestand an diesem Tag zum Glück nicht - ich verlagerte mich näher an das System, um einen Blick auf den neuen Aufwind zu bekommen.



    Obwohl der neue Aufwind weniger strukturiert ist, sieht der freistehende Eisschirm über der Basis im Abendlicht wirklich schön aus.


    Im Zeitraffer sieht man schön die Rotation des gesamten Aufwinds:


    Brünn 3 kleiner.mp4


    Abermals folge ich dem langsam abziehenden Aufwind. Das System wird zunehmen Outflowdominant, die sich an der Südflanke neu entwickelnden Aufwinde werden flacher und zunehmend elevated.



    Auch hier schön zu sehen der zyklische Charakter der Superzelle. Der eben im Zeitraffer gezeigte Aufwind im Vordergrund, rechts im Hintergrund der ältere Aufwind - Die Angler lässt das ganze allerdings kalt :D




    Langsam geht die Sonne unter und die südlichen Aufwinde zerbröckeln. Die Zelle bewegt sich nun unter Abschwächung langsam weiter nach NO.


    Über zwei Stunden lang war die zyklische Superzelle quasi stationär über der selben Region und sorgte für erhebliche Regenmengen. Während ich der abziehenden Zelle hinterher fahre, sehe ich die Spuren.



    Straßengräben haben sich in reißende Bäche verwandelt. Überall auf den Straßen Geröll und Schlamm, Keller sind vollgelaufen und Unterführungen überschwemmt.




    Immer wieder kommen Feuerwehrfahrzeuge entgegen.




    Manche Straßen sind zugeparkt mit Einsatzfahrzeugen, die am laufenden Band Keller auspumpen.



    Ich breche die Verfolgung der Zelle ab, will nur noch einen Schlafplatz finden. Nachdem ich auf zwei durchgeweichten Feldwegen grandios stecken bleibe und mich nur mit großem Aufwand selbst befreien kann, habe ich endgültig genug. Alles voller Schlamm, das Auto und ich sehen aus wie Sau - auch egal. Der lange Tag und die Fahrerei stecken mit in den Knochen. Da stört die Schießerei unweit meines Schlafplatzes mit anschließendem Gegröle und Polizeisirenen auch nicht mehr (außerdem glaube ich, das gehört zu einer guten tschechischen Party dazu!)


    Der nächste Tag begrüßt mich warm und mit Sonnenschein, Zeit für ein Bad und etwas Sightseeing... die später anstehende Lage in der Region floppt natürlich :D



    Unten verlinkt findet ihr das ganze Video zu diesem Chasing. Vielen Dank fürs lesen und bis bald;)


    Anton



    Chasing Vlog #3: SUPERZELLEN in Österreich und Tschechien 26.06.2020 - YouTube




    Aaaalso, ich habe es ja nun schön öfter mal so gemacht. Man kann ja mittlerweile relativ sicher sagen, ob es über mehrere Tage eine entsprechende Wetterlage ungefähr in der Region geben wird.

    Man sollte am besten bereits am Vortag ins Zielgebiet fahren, denn dann ist alles entspannter. Oft verlagern sich die Gewitterschwerpunkte am selben Tag noch um ein paar hundert km, Spontanität ist als absolut Entscheidend.

    Italien dürfte meist ein ziemlich sicherer Call sein, ist aber auch Todesweit. Bei allen anderen Lagen ist die Floppgefahr umsomehr gegeben.

    Am besten ist es (wenn die Gewitter ungefähr im selben Gebiet sind) sich eine feste Pension zu nehmen als Ausgangspunkt. Ansonsten kann man natürlich auch immer nach dem Chasing noch suchen, aber da es selten die typischen Motels gibt wo man auch nachts einchecken kann wird das schwierig. Daher penne ich, wenn ich alleine unterwegs bin, einfach im Auto ??.

    Aber wenn man bereit ist das bißchen Risiko und die Fahrerei auf sich zu nehmen ist es wirklich geil, besonders wenn es sich dann lohnt ?

    Und ich denke in den meisten Fällen gehen solche stationären Lagen über maximal 3 Tage, wenn das genau am Wochenende kommt dann geht das also auch als Arbeitender gut ?

    Nicer Shice!! Wowzers!!! Wenn man beim richtigen Setup in die Vollen geht (Mehrtages-Chase mit allen bells and whistles), kann man in Südosteuropa gute Beute machen. Du bist auf bestem Wege zum nächsten Marco Korosec zu werden. Große Kunst! Well done! :thumbup:

    Ich danke dir sehr Karsten! :)

    Das war mal ein Setup wo man sowas versuchen konnte. Aber die Fahrerei ätzt, Slowenien oder Kroatien ist da wirklich der bessere Ausgangspunkt...mhhhh, gibts da nen Studienplatz für Meteorologie :/:D

    Sauber abgefangen!


    Ein wirklich netter Urlaub und definitiv viel mehr Plains-Feeling, als man das hier in Deutschland jemals (vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen) geboten bekommt.

    Tja, da sind die geografischen und meteorologischen Gegebenheiten selten optimal hierzulande. Aber so weit wie bis nach Italien ist es nach Tschechien, Ungarn oder Östreich nicht. Und die Landschaft dort hat echt Plainsstyle! :gewitter