Beiträge von Anton Koetsche

    ***UPDATE***


    Aktuelle Lage:


    Lasset die Einstrahlung beginnen! Aktuell starke Einstrahlung in Thüringen östlich von Erfurt und im gesamten Raum Sachsen:

    Satellit HD, Deutschland | Wetter von kachelmann.


    Dementsprechend steigen die Temperaturen in Sachsen und Thüringen zügig und die Taupunkte analog dazu. Ein Bodentief liegt über dem Dreiländereck SN/ST/BB und bewegt sich weiter Richtung Berlin. Hier schön im "eingedrehten" Windfeld zu sehen:

    Windrichtung, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Auf dessen W und SW Seite hat der Wind auf NW gedreht und maritime Luftmasse wird aus Richtung Ostsee herantransportiert. Diese erwärmt sich zwar auf dem Weg zu uns, trotzdem ist in den Temperaturen aktuell ein Sprung zu sehen, zwischen sehr warmer kontinentaler Luft in einer Achse Dresden-Berlin, und der sich anwärmenden maritimen Luft westlich davon:

    Temperatur 2m, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Zum weiteren Ablauf:


    Der nördliche Tiefkern bewegt sich weiter Richtung Berlin, währenddessen bildet sich im Tagesverlauf ein weiterer Tiefkern über Nordtschechien/Südsachsen aus. Dieses sorgt für eine Nordkomponente des Windes auf das Erzgebirge und bestimmt über den Entstehungsort der ersten Zellen. Hierfür das Windfeld und die dreistündige Drucktendenz im Auge behalten:

    Luftdruckänderung, 3std, Messwerte Deutschland vom 11.05.2021, 10:00 Uhr | Wetter von kachelmann.


    Die Modelle:


    SuperHD 0z ist sehr zögerlich mit den Gewittersignalen und beschränkt die Auslöse auf das Erzgebirgsvorland. Dieser Lauf gibt die aktuelle Bewölkung allerdings nicht gut wieder, der 0z ist daher eher zu vernachlässigen, dazu auch ein Kommentar von Janek:


    Arome (FHD) 3z hat eine deutliche Gewitteroption für Thüringen, erfasst die aktuelle Bodentiefentwicklung und damit das Windfeld nicht gut. Auch diesen Lauf würde ich daher nicht als Aussagekräftig erachten.


    ECMWFbase Swiss HD (EZ4) 0z erfasst sowohl die Bodentiefentwicklung als auch die aktuelle Bedeckung sehr gut. Temperatur und Taupunktverteilung passt ebenfalls, auch wenn die Taupunkte besonders Richtung Ostthüringen leicht zu hoch sind. Das Modell rechnet die Auslöse gegen 16 Uhr im Vogtland, mit anschließender NO Verlagerung von potentielle Superzellen Richtung Leipzig. Diesen Lauf würde ich als repräsentativ erachten.


    Rapid Update ICON-D2 (ID2) 6z erfasst die aktuelle Bodentiefentwicklung ähnlich gut wie das EZ4, ebenso die Taupunkt und Temperaturverteilung. Die aktuelle Bedeckung überschätzt das ID2 allerdings leicht. Die Auslöse im ID2 beginnt relativ spät gegen 18 Uhr im Dresdener Raum, mit einer relativ isolierten Zelle, die sich Richtung Berlin verlagert. Auch diese Option scheint für mich plausibel.


    Zusammenfassung:

    ID2 und EZ4 sind nach aktuellem Stand die besten Modelle für weitere Vorhersage. Das EZ4 ist für mich persönlich aktuell am glaubwürdigsten, weil es die Strahlungssituation am besten wiedergibt und damit den Schwerpunkt der neuerlichen Bodentiefentwicklung vermutlich am besten erfasst. Neuere Läufe des ID2 sind zu beachten, ebenso wie der 6z des SHD der noch vor auslöse verfügbar sein sollte.

    Sonntag 09.05.


    Anfang nächster Woche bahnt sich eine potentiell gewitterträchtige Wetterlage an. Bereits am Sonntag liegt Deutschland auf der Vorderseite eines ausgedehnten Troges, der sich von den britischen Inseln bis Nordafrika erstreckt. Die vorherrschende S-SW Strömung transportiert warmfeuchte Luftmassen nach Mitteleuropa. Am Sonntag scheinen Gewitter im Mitteldeutschen Raum jedoch weitestgehend ausgeschlossen, da wir noch durch trockenere, kontinentale Luftmassen aus SO beeinflusst werden. Auch synoptische Hebung im großen Stil bleibt durch die zu westliche Lage der Frontalzone aus, abgesehen von orographischen Effekten. Die energiereichere Luftmasse aus Südwesten greift nur auf den äußersten Westen/Nordwesten, sowie die BENELUX Staaten und Frankreich über. Dort sind am Sonntag mit Durchgang der Kaltfront Gewitter wahrscheinlich.



    Montag 10.05.


    Im Verlauf der Nacht von Sonntag zu Montag bewegt sich die Kaltfront Richtung Osten, im Verlauf des Montags kommt sie über Mitteldeutschland zum erliegen. Gefördert durch die über den Tag stattfindende Erwärmung bilden sich entlang der schleifenden Kaltfront voraussichtlich mehrere Bodentiefs, die durch das Konvergieren von energiereicher Luftmasse die Gewitterentstehung fördern können. Die Lage der Kaltfront am Montag Vormittag und die tagsüber stattfindende Einstrahlung, sowie orographische Effekte entscheiden über die genaue Lage und Stärke des/der Bodentiefs. Diese Entwicklung ist noch sehr unsicher und entscheidet maßgeblich über die Qualität der montäglichen Gewitterlage. Aktuelle Läufe von GFS und ICON rechnen eher mit der Ausprägung einer Tiefdruckrinne von Vogtland bis Berlin, mit CAPE Werten zwischen 400 und 900 J/kg und einem gut gescherten Windprofil. Aber Achtung: bereits eine geringfügige Timing-Änderung der Kaltfront kann sich positiv oder negativ auf die Lage auswirken, die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten!




    Dienstag 11.05.


    In bisherigen Modellläufen bleibt uns die Lage an der stationären Frontalzone auch am Dienstag erhalten. Obwohl sich die Lage der "Gewitterhotspots" am Dienstag bisher auf den Tschechischen und Südbayrischen Raum beschränkt, sollte die Lage weiter im Auge behalten werden, denn oben angesprochene geringfügige Lageänderungen von Bodentiefs und Frontalzone können zu einer entsprechenden Verschiebung der "Gewitterhotspots" führen. Die weitere Entwicklung zur Wochenmitte hin bleibt ebenfalls Abzuwarten, ein günstiges abschnüren des Höhentiefs über dem Mittelmeer könnte eine regen- und gewitterreiche Ostwetterlage begünstigen.



    STAND 07.05.2021 14:05

    Hallo Zusammen,


    der Herbst ist eine schöne Zeit, um die Gewittersaison zu rekapitulieren. Hier und da bleiben immer mal Berichte liegen, zu denen man bisher nicht gekommen ist - so auch dieser vom 26.06.2020. An diesem Tag war ich in Tschechien und Österreich im Raum Brünn-Wien unterwegs. Eine Gegend, die mir zum Chasen zunehmend ans Herz wächst .^^



    Die Wetterlage ist eigentlich bezeichnend für die Saison 2020 - ein abgetropftes Höhentief über Tschechien vor dem eigentlichen Haupttrog über Großbritannien bewegt sich langsam nordwärts und killt jedwede Dynamik der deutschen Gewitterlage. Umso interessanter ist es jedoch südlich des Höhentiefs. Eine bodennahe SSO Strömung im Bereich Wien - Brünn überlappt sich mit einer starken Höhenströmung aus WSW. Die Kombination mit moderaten CAPE Werten schafft eine schöne Superzellenumgebung.

    Während Rechnungen des Vortags die Gewitter in SW Tschechien platzierten wurde am selben Tag schnell klar - die Sache verlagert sich noch weiter nach Süden.



    Estofex bedachte weite Teile meines Zielgebiets jedoch nur mit einem Vorsichtigen Level 1 - Grund: Unsicherheiten bei der Auslöse. Ein Sounding von Wien 12z zeigt schön die gut gescherte, aber auch gut gedeckelte Luftmasse mit einer Absinkinversion in 850hPa, welche zunächst überwunden werden muss.

    Temperatur, 850hPa, Messwerte Österreich vom 26.06.2020, 14:00 Uhr | Messstationen Luftqualität


    Ich vertraue trotzdem auf die Südoption und platziere mich südöstlich von Wien. Gegen 14 Uhr bildet sich ein vielversprechendes Cu-Feld zwischen Wien und Wien Neustadt - kurze Zeit später erscheinen die ersten zwei Zellen auf Radar:

    Radar, Regenradar vom 26.06.2020, 15:20 Uhr - Niederösterreich | Wetter von kachelmann.


    Ich setze auf die südliche Zelle, weil ich vermute, dass diese die direktere Energiezufuhr aus SSO bekommen würde. Auch war die südliche Zelle nah am Alpenrand, während die nördliche noch weit im Bergland hing. Frage war nun, schaffen die Zellen den "Sprung" aus den Bergen ins Alpenvorland? Der böige SSO Wind mit 10-15kn strömt direkt auf den Alpenrand und sollte den Zellen beim wachsen helfen.



    Im Vordergrund die südliche, im Hintergrund die nördliche Zelle. Beide sind noch elevated und haben sichtbar mit der Inversion zu kämpfen.




    Wieder erwarten verstärkt sich die nördliche Zelle, während sich der südliche Aufwind abschwächt, und langsam mit dem der nördlichen Zelle verschmilzt.




    Während sich beide Zellen vereinen verschwinden alle Strukturansätze - eigentlich nur noch graue Pampe.




    Langsam wird wieder eine Basis sichtbar - trotzdem sieht die Zelle alles andere als gesund aus. Nach wie vor scheint die Basis elevated und der Aufwind nicht sehr kraftvoll.



    So wirklich will sie sich nicht berappeln - die Basis wird immer dünner und scheint kurz vorm Zerfall




    Die Basis wird wieder etwas dichter und strukturiert sich, gleichzeitig wird der Niederschlagskern aber durchsichtiger. Da die Zelle nicht mehr ausschert stehe ich etwas zu weit südlich für einen optimalen Blick auf die Basis. Aber ich bleibe stehen und genieße den Anblick der vorbeiziehenden Zelle.




    Die abziehende Zelle über der kleinen Kapelle ergibt ein tolles Motiv.




    Kurze Zeit später beginnt sich die Basis von unten aufzulösen


    Noch während die Zelle ihr Leben aushaucht explodiert Richtung Brünn eine weitere Zelle. Zeitgleich bewegt sich ein Leftmover mit starkem Kern aus Süden in meine Richtung. Trotzdem mit der Leftmover näher ist, entscheide ich mich für die Zelle Richtung Brünn, da ich dort auf bessere Strukturen hoffe.

    Radar, Regenradar vom 26.06.2020, 18:00 Uhr - Niederösterreich | Wetter von kachelmann.




    Bereits auf der Anfahrt ist der mächtige Aufwind der Superzelle zu sehen. Leider bin ich etwas spät dran - glücklicherweise schert die Zelle nach Süden aus, ich stoppe bei der nächsten Gelegenheit, um einen Blick auf die Basis zu bekommen.



    Die schön abgerundete Basis sieht toll aus, leider hört der Aufwind abermals auf auszuscheren und bewegt sich mit der Hauptströmung nach Norden.




    Die abziehende Mesozyklone über dem Schloss Mikulov mit einem schönen CG ergibt ein tolles Motiv.


    Noch während sich diese Mesozyklone abschwächt, entwickelt sich am Südende des Systems ein neuer Aufwind. Diese zyklischen Superzellen erzeugen während ihres Lebenszyklus meist etliche Mesozyklonen, die alle ungefähr der selben Zugbahn folgen. Wie in diesem Fall bleibt das System dabei häufig quasi stationär. In den USA sind zyklische Superzellen mit verantwortlich für die schwersten Tornado-Outbreaks, da mehrere Tornados in kurzen Zeitabständen die selben Gebiete überqueren - häufig sind dabei mehrere Tornados gleichzeitig am Boden.

    Diese Gefahr bestand an diesem Tag zum Glück nicht - ich verlagerte mich näher an das System, um einen Blick auf den neuen Aufwind zu bekommen.



    Obwohl der neue Aufwind weniger strukturiert ist, sieht der freistehende Eisschirm über der Basis im Abendlicht wirklich schön aus.


    Im Zeitraffer sieht man schön die Rotation des gesamten Aufwinds:


    Brünn 3 kleiner.mp4


    Abermals folge ich dem langsam abziehenden Aufwind. Das System wird zunehmen Outflowdominant, die sich an der Südflanke neu entwickelnden Aufwinde werden flacher und zunehmend elevated.



    Auch hier schön zu sehen der zyklische Charakter der Superzelle. Der eben im Zeitraffer gezeigte Aufwind im Vordergrund, rechts im Hintergrund der ältere Aufwind - Die Angler lässt das ganze allerdings kalt :D




    Langsam geht die Sonne unter und die südlichen Aufwinde zerbröckeln. Die Zelle bewegt sich nun unter Abschwächung langsam weiter nach NO.


    Über zwei Stunden lang war die zyklische Superzelle quasi stationär über der selben Region und sorgte für erhebliche Regenmengen. Während ich der abziehenden Zelle hinterher fahre, sehe ich die Spuren.



    Straßengräben haben sich in reißende Bäche verwandelt. Überall auf den Straßen Geröll und Schlamm, Keller sind vollgelaufen und Unterführungen überschwemmt.




    Immer wieder kommen Feuerwehrfahrzeuge entgegen.




    Manche Straßen sind zugeparkt mit Einsatzfahrzeugen, die am laufenden Band Keller auspumpen.



    Ich breche die Verfolgung der Zelle ab, will nur noch einen Schlafplatz finden. Nachdem ich auf zwei durchgeweichten Feldwegen grandios stecken bleibe und mich nur mit großem Aufwand selbst befreien kann, habe ich endgültig genug. Alles voller Schlamm, das Auto und ich sehen aus wie Sau - auch egal. Der lange Tag und die Fahrerei stecken mit in den Knochen. Da stört die Schießerei unweit meines Schlafplatzes mit anschließendem Gegröle und Polizeisirenen auch nicht mehr (außerdem glaube ich, das gehört zu einer guten tschechischen Party dazu!)


    Der nächste Tag begrüßt mich warm und mit Sonnenschein, Zeit für ein Bad und etwas Sightseeing... die später anstehende Lage in der Region floppt natürlich :D



    Unten verlinkt findet ihr das ganze Video zu diesem Chasing. Vielen Dank fürs lesen und bis bald;)


    Anton



    Chasing Vlog #3: SUPERZELLEN in Österreich und Tschechien 26.06.2020 - YouTube




    Aaaalso, ich habe es ja nun schön öfter mal so gemacht. Man kann ja mittlerweile relativ sicher sagen, ob es über mehrere Tage eine entsprechende Wetterlage ungefähr in der Region geben wird.

    Man sollte am besten bereits am Vortag ins Zielgebiet fahren, denn dann ist alles entspannter. Oft verlagern sich die Gewitterschwerpunkte am selben Tag noch um ein paar hundert km, Spontanität ist als absolut Entscheidend.

    Italien dürfte meist ein ziemlich sicherer Call sein, ist aber auch Todesweit. Bei allen anderen Lagen ist die Floppgefahr umsomehr gegeben.

    Am besten ist es (wenn die Gewitter ungefähr im selben Gebiet sind) sich eine feste Pension zu nehmen als Ausgangspunkt. Ansonsten kann man natürlich auch immer nach dem Chasing noch suchen, aber da es selten die typischen Motels gibt wo man auch nachts einchecken kann wird das schwierig. Daher penne ich, wenn ich alleine unterwegs bin, einfach im Auto ??.

    Aber wenn man bereit ist das bißchen Risiko und die Fahrerei auf sich zu nehmen ist es wirklich geil, besonders wenn es sich dann lohnt ?

    Und ich denke in den meisten Fällen gehen solche stationären Lagen über maximal 3 Tage, wenn das genau am Wochenende kommt dann geht das also auch als Arbeitender gut ?

    Nicer Shice!! Wowzers!!! Wenn man beim richtigen Setup in die Vollen geht (Mehrtages-Chase mit allen bells and whistles), kann man in Südosteuropa gute Beute machen. Du bist auf bestem Wege zum nächsten Marco Korosec zu werden. Große Kunst! Well done! :thumbup:

    Ich danke dir sehr Karsten! :)

    Das war mal ein Setup wo man sowas versuchen konnte. Aber die Fahrerei ätzt, Slowenien oder Kroatien ist da wirklich der bessere Ausgangspunkt...mhhhh, gibts da nen Studienplatz für Meteorologie :/:D

    Sauber abgefangen!


    Ein wirklich netter Urlaub und definitiv viel mehr Plains-Feeling, als man das hier in Deutschland jemals (vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen) geboten bekommt.

    Tja, da sind die geografischen und meteorologischen Gegebenheiten selten optimal hierzulande. Aber so weit wie bis nach Italien ist es nach Tschechien, Ungarn oder Östreich nicht. Und die Landschaft dort hat echt Plainsstyle! :gewitter

    Hallo liebe TSCler,


    die Gewittersaison neigt sich dem Ende, und in Deutschland wird es herbstlich. Trotzdem wartete der August am Ende nochmal mit einer brisanten Wetterlage auf, die Deutschland zwar aussparte (2020 like), aber dafür in weiten Teilen Süd und Osteuropas für schwere Unwetter sorgte.

    Am 28.08.2020 startete ich mit einem Freund von Leipzig aus Richtung Brünn. Dort sollte, in einem schönen Hotel, unser Ausgangspunkt für die kommenden Gewitterlagen sein.


    Völlig unverhofft bekamen wir bereits während der Fahrt nach Brünn eine sehr schöne Shelfcloud zu sehen. Die Stimmung war dementsprechend bereits etwas aufgelockert und wir werteten das als gutes Omen für die anstehende Tour ;)



    Besonders cool war der leuchtende Einschnitt oberhalb der Shelfcloud, man hatte das Gefühl tief in die Eingeweide des Gewitters schauen zu können.



    Angekommen im Hotel, und mit solchen Eindrücken im Rücken, war der Schlaf unruhig. Zurückdenken an das gesehene, Anspannung wegen der anstehenden Lage am nächsten Tag. Die morgendliche Analyse zeigte das erwartete Bild:



    Ein Trog war bis zur Iberischen Halbinsel vorgedrungen, auf dessen Vorderseite entwickelten sich zwei "Gewitterhotspots". Der eine in Italien, wo auf der Vorderseite eines Bodentiefs über Korsika warmfeuchte Mittelmeerluft in die Poebene strömte. Dieses Setup war besonders brisant, da dort akute Tornadogefahr herrschte - tatsächlich traten in Italien auch mehrere auf.

    Wir hatten uns allerdings gegen das Italiensetup und für die Underdoglage im Bereich Östreich Tschechien Ungarn entschieden. Beide Setups waren geprägt durch einen guten Overlap zwischen hoher Scherung und viel CAPE. Während die Position des Italiensetups klar war, variierte die Plazierung des zweiten Hotspots über Osteuropa stärker.




    Estofex hatte über Italien mit einem Level 3 gerichtet, während wir mit einem Level 1, bzw einem Rand Level 2 bedacht wurden.

    Den ganzen Tag über warteten wir nördlich von Wien. Zunehmend wurde klar: die Lage verlagert sich weiter nach Süden. Als gegen 15 Uhr bei Graz ein Gewittercluster auslöste zögerten wir nicht lange und fuhren Richtung Ungarische Grenze.

    Radar, Regenradar vom 29.08.2020, 15:00 Uhr - Steiermark | Wetter von kachelmann.


    Bis 17 Uhr hatte sich aus dem Südende des Cluster eine verdächtige Radarsignatur entwickelt. Uns wurde klar - das könnte die Zelle des Tages werden.

    Radar, Regenradar vom 29.08.2020, 17:00 Uhr - Burgenland | Wetter von kachelmann.


    Taupunkte in der Region in die sich die Zelle bewegen würde lagen bei 18 bis 21 Grad. Zusätzlich lag in Zugrichtung eine Bodenkonvergenz, die für Hebung sorgen sollte.

    Wir rauschten also weiter nach Ungarn, um die Zelle bei Lövö abzufangen. Trotz der ziemlich abgefuckten ungarischen Straßen erreichten wir rechtzeitig einen Standort, die Struktur am Horizont ließ uns auf mehr hoffen:



    Schemenhaft ist bereits die Aufwindbasis zu erkennen, einige Cumulus deuten zunehmende Labilisierung in Zugrichtung des Aufwinds an. An der Unterseite des alten Eisschirms schiebt sich eine neue Schicht Mammaten in unsere Richtung, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Aufwind eine massive Verstärkung erfährt. Bodennah sind bereits Ansätze einer Wallcloud zu sehen.



    Zunehmend wird eine Trennung des Niederschlagskerns in RFD und FFD sichtbar. Das passiert, wenn der Höhenwind am Aufwind abgebremst wird und dort eine Absinkbewegung induziert. Der dadurch entstehende Niederschlagsbereich bildet sich (würde man in Zugrichtung des Gewitters stehen) an dessen Rückseite (Rear Flank Downdraft = RFD) . Der Forward Flank Downdraft (FFD) ist der Hauptniederschlagsbereich, er entsteht aus den in Zugrichtung abtransportierten Niederschlagspartikeln von Aufwind und Eisschirm. Im Bild ist der Entstehungsbereich des RFD in der Bildmitte im Bereich der tiefen Fracti zu sehen. Der FFD befindet sich Rechts vom Aufwindbereich,



    Surreal, in welcher kurzen Zeit sich die Zelle organisiert. RFD und FFD sind nun deutlich getrennt, Links über den Bäumen bis zur Bildmitte bildet sich die Shelfcloud des RFD aus. Weiter rechts, zwischen RFD und FFD ist bereits eine sehr tiefe Wallcloud sichtbar. Die Rotation über unseren Köpfen ist mit bloßem Auge zu sehen.



    Nun liegt sie in voller Pracht vor uns. Der gesamte Aufwindbereich rotiert, der Aufwindteller wird von der extremen Scherung in grandiose Strukturen geformt. Die Tailcloud, die sich von der Wallcloud (Bildmitte) aus Richtung FFD ersteckt kratzt am Boden. Den gesamten Entwicklungsweg zwischen den Einzelbildern seht ihr hier nochmal als Zeitraffer:


    DSC_9176_1 kleiner.mp4



    Die Zelle verstärkt sich zusehends, der Inflow rauscht über unsere Köpfe hinweg direkt in die Superzelle. Selbst als der Niederschlag nur noch wenige 100 Meter entfernt ist ballert uns noch der Inflow in den Rücken. Dieser zweite Zeitraffer wurde komplett weitwinklig aufgenommen. Da uns der RFD leicht südlich verfehlt (wir stehen genau im Inflowbereich) können wir die Zelle nah herankommen lassen, bis uns der RFD fast südlich passiert.


    DSC_9925 kleiner.mp4



    Jetzt aber schnell, wir entschließen uns trotz schlechter ungarischer Landstraßen nochmal davor zu bleiben. Auch aus Angst vor dem potentiell großen Hagel. Nach einer kurzen Flucht gewinnen wir nochmal etwas Raum für ein paar Bilder.



    Die toll organisierte Zelle, zusammen mit dem stärksten RFD und dem größten Hagel rauscht nun leicht nördlich an uns vorbei. Mehr als 3cm großen Hagel sehen wir (zum Glück) nicht, es waren deutlich größere Steine dabei, wie wir später auf Facebook zu sehen bekamen.



    Nach Durchzug konnten wir noch die tolle Rückseite mit Mammaten bestaunen.




    Und eine Blitzshow gabs auf der Rücktour natürlich auch noch, bevor uns ein irgendein Viech mit seeeehr gruseligen Geräuschen von dem dunklen ungarischen Acker vertrieben hat 8|


    Das ganze Video zum Chasing findet ihr hier:



    Ganz 2020 like floppte die Lage am nächsten Tag natürlich, aber wir waren nicht böse drum. Dieser Trip hatte uns bereits alles gegeben, und wir brauchten eh Zeit zum Eindrücke verarbeiten ;)

    Vielen Dank fürs Lesen und schönen Abend/Morgen/Mittag (wann immer ihr das lest):saint:


    Anton

    Guten Morgen,


    zu der heutigen und morgigen Gewitterlage seien hier kurz ein paar Worte verloren. Eine sehr lange, schleifende Kaltfront überquert bis zum Samstagmittag weite Teile Deutschlands.




    Freitag:

    Der Freitag dürfte für Thüringen und Sachsen unspektakulär verlaufen. Niedrige Taupunkte durch Föhn, sowie synoptisch induzierte Absinkbewegung hemmen hier die Gewitteraktivität. Einzelne Modelle rechnen gegen Abend im Südwesten Deutschlands mit der Entstehung von Gewitterclustern, die im Verlauf der Nacht Thüringen überqueren. Diese Entwicklung ist jedoch unsicher, und diese Cluster sind vermutlich elevated, was das Gefahrenpotential auf Windböen beschränkt.

    Die größten Chancen auf Gewitter liegen nach aktuellen Berechnungen in Mecklenburg-Vorpommern, sowie dem nördlichen Brandenburg und Sachsen Anhalt. Hier sind die besten Taupunkte, im Tagesverlauf bildet sich außerdem ein Bodentief, welches mit Konvergenz am Boden den vorhanden synoptischen Hebungsantrieb unterstützt. Bei moderaten CAPE Werten und sehr guter Scherung (0-6km: 40-50kn) sowie lokal erhöhter SRH bis 260 m^2/s^2 werden sich alle entstehenden Gewitter schnell organisieren und zu Superzellen entwickeln. Einzelne Tornados sind nicht ausgeschlossen. Sollten die Gewitter elevated bleiben, sind diese Gefahren eher minimiert.


    Samstag

    Steht Samstag besser nicht zu spät auf. Der Kaltfrontdurchgang wird Samstag morgen stattfinden, durch starke synoptische Hebung und ein dünnes CAPE Profil ist die Entstehung von Gewittern im Bereich der Kaltfront nicht ausgeschlossen. In der nach wie vor gut gescherten Umgebung (0-6km: 40kn) besteht die Chance auf organisierte Gewitter. Vermutlich werden die Zellen elevated starten, und bei längerem Durchhalten Richtung Boden "vorarbeiten". Besonders Richtung Sachsen und Teilen der Tschechischen Republik sowie Polen werden im Tagesverlauf starke linienartige Segmente mit möglicherweise eingelagerten Superzellen simuliert. Diese Entwicklung ist bis morgen jedoch noch abzuwarten.


    Anton

    Moin,

    kurz ein paar Gedanken zur morgigen Wetterlage.

    Gewitterbildung ab dem frühen Nachmittag. Auslöser ist eine schleifende Kaltfront, möglicherweise Bildung eines schwachen Bodentiefs. Schwerpunkt sind vor allem Bayern sowie die Neuen Bundesländer und Niedersachsen.


    Zeitpunkt: ab ca.12 Uhr

    Zugrichtung: West > Ost


    Was ist dabei?

    Starkregen

    kleiner Hagel

    Windböen Um die 60kmh, lokal mehr.


    Ausgangslage/Parameter:


    Vorwiegend Einzel-/Multizellen oder Cluster, teilweise kleinere organisierte lineare Systeme

    0-1km Scherung: 10-15kn

    0-6km Scherung: 20-30kn

    CAPE: 500-800 J/kg, Richtung Bayern teilweise mehr.

    Zuggeschwindigkeit: 30kmh

    Höhere Taupunkte durch am Vormittag durchgehendes Regengebiet. Einstrahlungssituation danach beachten.

    Geeignete Radiosondenstationen: Meiningen ,Bergen, Lindenberg


    Ablauf/Unsicherheiten:

    Morgen Vormittag Durchzug einer Regengebiets, danach sonnig. Ab Mittag Bildung von Schauern und Gewittern bei eher schmalen Capeprofilen und moderater Scherung. Gewittermodus vorwiegend Einzel- oder Multizellen. Einzelne kleinere lineare Systeme möglich, besonders Richtung Brandenburg und Bayern. Aufwinde erreichen vielfach nicht die Tropopause. Gewitterhemmend könnten durch Absinkbewegung induzierte Inversionen sein, die die Aufwinde nach obenhin deckeln. Synoptische Hebung in den Nachmittagsstunden relativ homogen und schwach ausgeprägt.

    Konstante Anströmung von Harz und TW können für die Bildung von Leewellen sorgen, die die Gewitterbildung bzw. Abschwächung beeinflussen. Hierzu beispielsweise das Sattelitenbild beobachten.

    Die moderate Scherung mit weitestgehend graden Hodographen begünstigt am ehesten die Entstehung von organisierten Multizellen und Liniensegmenten. Die Gewitterstärke wird vor allem durch das schmale Capeprofil limitiert.

    Besonders das GFS simuliert in den Nachmittagsstunden die Bildung eines schwachen Bodentiefs im Harzraum, welches sich Ostwärts verlagert. Eine solche Entwicklung dürfte für einige stärkere Gewitter/ Cluster sorgen. Windfeld auf Konvergenzen überprüfen.


    Worauf morgen unbedingt geachtet werden sollte:

    -Einstrahlung

    -Lage von Konvergenzen (Windfeld)

    -Eventuelle Entwicklung von Bodentiefs im Auge behalten (am besten 3h Drucktendenz)

    - Soundings (Auf Inversionen achten)


    Anton

    Am Freitag steht eine sehr dynamische Gewitterlage an. Organisierte Zellen möglich. Schwerpunkte sind Mittel- und Südbayern, sowie Ostsachsen und Teile des östlichen Brandenburgs. Auslöser ist eine Kaltfront, die Mitteldeutschland bereits im frühen Tagesverlauf überquert.



    Zeitpunkt: In der 2. Tageshälfte (ab ca.14 Uhr)

    Zugrichtung: West > Ost, hohe Zuggeschwindigkeit


    Was ist dabei?

    Starkregen

    kleiner Hagel

    Windböen Zwischen 60-90kmh, lokal mehr. Hohe Windgeschwindigkeiten in den niedrigen Troposphären werden durch Gewitterabwinde zum Boden durchgemischt.

    Erhöhtes Potential für Superzellen im Raum Bautzen/Görlitz/Zittau sowie leicht östlich der Deutsch-Polnischen Grenze


    Ausgangslage/Parameter:

    Ostsachsen/Südöstliches Brandenburg...


    Einzel-/Multizellen, Potential zu einzelnen Superzellen. Linienbildung ebenfalls möglich

    Kanalisierungseffekte am Zittauer Gebirge sorgen in der Region für Wind aus SSW mit 10-15 Knoten. In 700hPa Windmaximum bis 50kn aus SW. Das erhöht die Werte der 0-3km SRH auf 150-180 m^2/s^2. In dieser Region erhöhtes Potential auf Superzellen. Trotz der eher hohen HKNs (1-1,5km) ist das Tornadopotential an gut organisierten Zellen leicht erhöht.

    0-1km Scherung: 10-15kn, durch lokale Effekte auch bis 20kn.

    0-6km Scherung: 40-50kn

    CAPE: 500-800 J/kg, teilweise 1000J/kg. Größere Unsicherheiten über die lokale CAPE Verteilung zwischen den Modellen -> Taupunkte im Nowcast beachten.

    Zuggeschwindigkeit: >40kmh, schnelle Verlagerung!

    Gute Synoptische Hebung erhöht die Chance auf Auslöse

    Weiter nach Osten Föhneffekte am Riesengebirge möglich, die die Gewitteraktivität zunächst hemmen (Taupunkte beachten)

    Gewitterauslöse vermutlich an Konvergenz orientiert, Windfeld im Nowcast beachten.

    Geeignete Radiosondenstationen: Meiningen ,Prag


    Später am Abend in Thüringen einzelne Schauer an der aus NW nachrückenden Okklusion möglich.


    Mittel/Südbayern...


    Vorwiegend Einzel-/Multizellen, vereinzelt Superzellen. Im Raum Südbayern später ebenfalls größere organisierte Cluster möglich.

    Grade Hodographen erhöhen die Chance auf Zellsplits.

    0-1km Scherung: 5-15kn

    0-6km Scherung: 25-40kn, Je weiter nach Süden desto weniger Scherung.

    CAPE: 600-1000J/kg, lokal bis 1400J/kg

    Zuggeschwindigkeit: >30kmh


    Ablauf/Unsicherheiten:

    Größtenteils bewölkt, Richtung Ostsachsen, Tschechien und Bayern dünnere Wolkendecke/Sonne

    Im frühen Tagesverlauf Durchgang der Kaltfront

    Unsicherheiten in Ostsachsen liegen vor allem in der CAPE Verteilung. Föhneffekte könnten die Gewitterbildung hemmen. Einige Modelle berechnen die Bildung eines Bodentiefs weiter nördlich. Das könnte die Advektion den energiereichen Luftmasse verstärken und auch weiter nördlich entlang der Deutsch-Polnischen Grenze Gewitterschwerpunkte setzen

    In Bayern könnte ein frühes einfließen der bodennahen Kaltluft die Gewitteraktivität in Mittelbayern hemmen. Richtung Südbayern sind durch erhöhte Einstrahlung und Hebung Gewitter ziemlich sicher.


    Worauf morgen unbedingt geachtet werden sollte:

    -Taupunkte

    -Lage von Konvergenzen (Windfeld)

    -Eventuelle Entwicklung von Bodentiefs im Auge behalten (am besten 3h Drucktendenz)

    - Soundings


    Die Lage kann sich bis morgen noch ändern.

    Updates morgen im Kalendertermin


    Anton